„Die gerade Straße ist der Weg der Menschen“

Sollen Städte nur zweckmäßig und funktional sein? In Hamburg eine Ausstellung über Stadtkonzepte der letzten 100 Jahre

Städte bewegen die Menschen schon seit Jahrtausenden. Namen wie Ninive, Babylon, Jerusalem, Athen oder Rom stehen für ganze Epochen der Menschheitsgeschichte. Aufstieg und Niedergang von Kulturen, die Gründung von Weltreichen oder Religionen haben sich in den genannten Städten abgespielt. Berühmte Philosophen und politische Strategen entwickelten hier ihre Pläne zur Beherrschung von Kontinenten oder zur Erneuerung der Welt.

Städte entwickeln bis heute eine Anziehungskraft, die man auch mit dem Wort „Landflucht“ bezeichnet. In der westlichen Welt leben nahezu 80 Prozent der Menschen in Städten. In den Entwicklungsländern sind es erst 20 bis 40 Prozent, aber auch dort wachsen „Mega-Städte“ wie Lagos, Mumbai, Peking, Shanghai, Rio de Janeiro oder Mexiko-City mit jeweils über zehn Millionen Menschen heran.

Die Städte der Antike wurden im Laufe der Jahrhunderte – meist durch kriegerische Einwirkungen – zerstört und wieder aufgebaut. Archäologen finden in immer neuen Schichten Stadtkonzepte gleichsam übereinandergestapelt. Anders in den Städten der Moderne. Hier finden sich die Stadtkonzepte nebeneinander: Bürostädte, Slums, Gartenanlagen, Villenviertel, Plattenbauten, historische Stadtkerne und Freizeitstädte stehen nebeneinander.

Das Hamburger Museum für Geschichte zeigt (vom 15. Juli bis zum 15. November) in der Ausstellung „Multiple City – Stadtkonzepte der letzten 100 Jahre aus der ganzen Welt“. Die Ausstellung, die vorher in den Räumen des Architekturmuseums in der Pinakothek der Moderne in München gezeigt wurde, stellt aktuelle Phänomene urbaner Entwicklung historischen Stadtkonzepten gegenüber. Die Präsentation reicht von der historischen Gartenstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Stadtlandschaftskonzepte der frühen Nachkriegszeit bis zu den heutigen „Urban Landscapes“ und den „New Towns“ der 1960er Jahre, bis zu aktuellen Stadtneugründungen in China und in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Originalpläne und Modelle dokumentieren die historischen Stadtkonzepte, während künstlerische Fotografien aktuelle Ansichten urbaner Räume zeigen. Stadtplaner, Architekten, Künstler und Wissenschaftler setzen sich in Ausstellung, Publikation, Diskussionsrunden und einer Filmreihe mit der heutigen Stadt in ihrer multiplen Erscheinungsform auseinander.

Auch in der Hansestadt Hamburg findet man das Nebeneinander der verschiedenen Stadtkonzepte an vielen Beispielen vor. Seit vor genau 100 Jahren Fritz Schumacher zum hanseatischen Baudirektor berufen wurde, haben die unterschiedlichen Baudirektoren der Stadt ihr ein jeweils eigenes Gepräge gegeben. Gegenwärtig erlebt die Metropole des Nordens mit der „HafenCity“, dem größten innerstädtischen Bauvorhaben Europas, einen städtebaulichen Boom.

Die Architektur des „dicht bebauten Raumes“ ist in der Bevölkerung durchaus umstritten. Die Wohn- und Bürogebäude aus Stahl, Steinen und Glas würden kein maritimes Flair atmen, ist ein gängiger Vorwurf. Einen Blick auf das Wasser haben nur wenige Privilegierte. Unwirtlich und kalt wirke die neue am Fluss gebaute Stadt, die 40 Prozent der Hamburger Innenstadt ausmachen wird.

Ziel der Ausstellung sei es, betonte die Museumsdirektorin Lisa Kosok bei der Eröffnung, „die Vielfalt von Utopien, zeittypischen Positionen, Glaubenssätzen, Moden und Leitbilder vorzustellen, die sich bis heute in den stadtplanerischen Entwürfen spiegeln“. Gemeint sind damit die Konzepte des zwanzigsten Jahrhunderts und ihre Spuren in der Gegenwart: die Gartenstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Stadtlandschaftskonzepte der frühen Nachkriegszeit, die funktionale Stadt und die konsumfreudige „Pleasure City“ sowie aktuelle Stadtneugründungen in China oder Dubai, wo Hamburger Architekten führend tätig sind.

In Kooperation mit der Hamburgischen Architektenkammer gelingt den Ausstellungsmachern um Projektleiterin Sandra Schümann auf diese Weise eine zugleich konkrete und weltläufige Ausstellung: „Wir wollen Verständnis für die Stadt als historisch gewachsenen, gestalteten und verhandelten Raum wecken und das Interesse der Menschen an ihrer Metropole anregen“, betonte Schümann. Der Besucher der Ausstellung erkennt beim Rundgang, dass sich verschiedene in der Vergangenheit konzipierte Stadtmodelle auch im 21. Jahrhundert wiederholen. Die sogenannte „funktionale Stadt“, die schon in den 20er Jahren entwickelt wurde, geht maßgeblich auf einen der einflussreichsten aber auch umstrittensten Architekten des 20. Jahrhunderts, Charles-Edouard Jeanneret-Gris (1887–1965), bekannt unter seinem Künstlernamen Le Corbusier, zurück. Die Städte sollten seiner Meinung nach zweckmäßig, wirtschaftlich und funktional sein. Er ist der Architekturtheoretiker der modernen Stadt: „Nun, eine moderne Stadt lebt, praktisch, von der Geraden: Hoch- und Tiefbau, Kanalisation, Straßen, Gehsteige usw. Der Verkehr erfordert die Gerade. Die Gerade ist gesund auch für die Seele der Städte. Die Kurve ist verderblich, schwierig und gefährlich. (...) Die gekrümmte Straße ist der Weg der Esel, die gerade Straße ist der Weg der Menschen“, so Le Corbusier im Jahr 1929. Genau diesen „geraden Weg“ empfinden viele Menschen heute als unmenschlich.

Ganz anders das Konzept der „Gartenstadt“ oder der Stadtlandschaft. Wohnen im Garten konnte sich nur die venezianische Oberschicht auf der „Terraferma“ oder der europäische Adel auf seinen Sommerresidenzen leisten. Die Bürger im Deutschland des 19. Jahrhunderts sprachen von der „Sommerfrische“ draußen vor der Stadt. Für Arbeiter schaffte man mit den „Schrebergärten“ Grünzonen, die bis heute bestehen. Radikaler noch das Konzept der Stadtlandschaft, wo man die Städte ganz in der Landschaft aufgehen lassen wollte. Ein Städtebaukonzept, das zwar als utopisch gilt, aber in den Architekturwettbewerben immer wieder eine Rolle spielt – nämlich dann, wenn man die Steinwüsten der Großstädte aufzulockern versuchte. Dabei blieb allerdings der Traum der Menschen vom Wohnen im eigenen Haus, im eigenen Garten, außerhalb der Stadt und scheinbar auf dem Land ungebrochen.

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