Künstliche Intelligenz

Die gefährliche Illusion der KI

Echte "Künstliche Intelligenz" (KI) ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es kann sie genauso wenig geben wie hölzernes Eisen. Warum die Illusion, KI sei möglich, dennoch die Menschheit bedroht und diese daher der Verteidigung bedarf.
Künstliche Intelligenz
Foto: Skanda Gautam (ZUMA Wire) | ARCHIV - 21.03.2018, Nepal, Kathmandu: Der lebensechte Roboter Sophia hält bei der «Konferenz zu Technologie für öffentliche Dienstleistungen und Entwicklungen» die Eröffnungsrede.

Am 23. Dezember ist es soweit. Einen Tag bevor Christgläubige in vielen Teilen der Welt das Fest der Menschwerdung Christi feiern, läuft in deutschen Kinos der vierte Teil des Science Fiction-Epos "Matrix" an. Die ersten drei Teile, die im Jahr 1999 sowie im Frühjahr und Herbst des Jahres 2003 in die Kinos kamen, spielten zusammen weltweit mehr als 1,6 Milliarden US-Dollar (mehr als 1,34 Milliarden Euro) ein.

Der Stoff, aus dem die Alpträume sind

Anders als die streckenweise recht verworrene Handlung ist die Ausgangslage der Trilogie schnell erzählt: Die Menschheit hat Künstliche Intelligenz (KI) erschaffen. Die KI, die offenbar über ein eigenes Bewusstsein verfügt, wähnt sich der Menschheit überlegen und beschließt sie auszulöschen. In dem folgenden Krieg verdunkeln die Menschen schließlich den Himmel, um so die solargetriebenen Maschinen von der Sonne abzuschneiden. Doch der verzweifelten Aktion bleibt der Erfolg versagt. Die KI gewinnt den Krieg und nutzt statt der Sonne fortan eine neue Energiequelle: Menschen, eingeschlossen in Tanks, die auf gigantischen, von Maschinen bewirtschafteten Plantagenfeldern vor sich hinvegetieren, während die von der KI entwickelte und "Matrix" genannte Scheinwelt ihrem Bewusstsein vorgaukelt, sie gingen zur Arbeit, verbrächten Freizeit und führten ein ganz normales Leben.

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Stoff, aus dem längst die Alpträume vieler Menschen gewebt werden. Denn nicht nur Hollywood, das seit einigen Jahren vermehrt mit Filmen aufwartet, die sich des Themas KI annehmen - so etwa "Her" (2013), "Ex Machina" (2014), "Transcendence" (2014), "Age of Ultron" (2015), "Blade Runner 2049" (2017) - , spielt mit der Angst von Menschen, die Kontrolle über Maschinen zu verlieren. Auch hochdekorierte Wissenschaftler und Bestseller-Autoren wie beispielsweise Max Tegmark ("Leben 3.0"), Physiker am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) oder Yuval Noah Harari ("Homo Deus"), der Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrt, sowie mächtige Unternehmer wie Elon Musk, Microsoft-Gründer Bill Gates und Google-Technik-Chef Ray Kurzweil ("Menschheit 2.0.") propagieren ganz ähnliche Szenarien oder halten sie zumindest für realistisch.

So unterschiedlich solche Szenarien sich dabei in Details ausnehmen mögen, eines ist ihnen allen gemeinsam. Sie fußen auf der Annahme, Maschinen seien prinzipiell in der Lage, dieselben intellektuellen Fähigkeiten zu erlangen wie Menschen. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang auch gerne von "starker KI" (engl.: "strong artificial intelligence"). Anders als "schwache KI" (engl.: weak artificial intelligence"), die gebraucht wird, um von Menschen definierte Anwendungsprobleme zu lösen, soll "starke KI" Probleme selbstständig identifizieren, aktiv angehen sowie autonom lösen können.

Bislang gibt es keine "starke KI"

Tatsache ist: Bislang gibt es überhaupt keine "starke KI". Alles was bisher als "KI" firmiert, angefangen bei digitalen Assistenzsystemen wie "Siri" und "Alexa", über Computerprogramme wie "Deep Blue" oder "Alpha Go", die den Schachweltmeister Gary Kasparow beziehungsweise den weltbesten Go-Spieler Lee Sedol bezwangen, bis hin zu Menschen simulieren sollenden Robotern wie "Sophia", dem das Königreich Saudi-Arabien in einem so Aufsehen erregenden wie lächerlichen Akt 2017 die saudi-arabische Staatsbürgerschaft verlieh, erfüllen alle nur die Bedingungen "schwacher KI".

Glaubt man dem renommierten Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs, dann wird das auch in Zukunft so bleiben. In seinem im vergangenen Jahr bei Suhrkamp erschienenen Buch "Verteidigung des Menschen - Grundlagen einer verkörperten Anthropologie" setzt sich der Inhaber der Karl-Jaspers-Professur für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg nicht nur kritisch mit Begriffen wie dem der KI auseinander. Auch das von Transhumanisten propagierte Zukunftsszenario des "mind uploading", bei dem der menschliche Geist auf Datenträgern gespeichert und so unsterblich gemacht werden könne, verweist er kurzerhand ins Reich der Phantastereien. Damit nicht genug entlarvt Fuchs auch gleich die kategorialen Denkfehler, die derartigen Vorstellungen zugrunde liegen.

Dass den beeindruckenden Fähigkeiten sogenannter KI, die auch Fuchs durchaus anzuerkennen bereit ist, letztlich kategoriale und damit unverrückbare Grenzen gesetzt sind, bedeutet jedoch nicht, dass der Einsatz von KI für den Menschen immer ungefährlich ist. In China etwa sei "gegenwärtig zu beobachten, wie ein autoritäres Regime mittels künstlicher Intelligenz einen digitalen Überwachungsapparat etabliert. Ein ,Sozialkreditsystem  erfasst und bewertet die Konsum- und Beziehungspräferenzen der Bürger, ihr politisches und soziales Verhalten, ihre Bonität und Konformität bis hin zum Strafregister.

Was Humanismus im ethischen Sinn bedeutet

Gesichtserkennungssoftware, die die öffentliche Videoüberwachung auswertet, lässt sich mit dem System leicht verknüpfen". Hier werde, meint der doppelt, nämlich in Psychologie und Philosophie habilitierte Professor, der auch Vorsitzender der "Deutschen Gesellschaft für Phänomenologische Anthropologie, Psychiatrie und Psychotherapie (DGAP)" ist, bereits eine "Sozialtechnologie realisiert", mit der "digitale Dystopien" durchaus "Gestalt" annähmen.

Fuchs, wie Jaspers selbst Arzt und Philosoph, warnt jedoch auch noch vor einer ganz anderen Gefahr. Denn das Streben der Moderne, alles "Gegebene in ein Gemachtes zu verwandeln", wie es der Philosoph Gernot Böhme einmal formulierte, sei, so Fuchs, "heute an einen Punkt angelangt, an dem die Konstitution der Freiheit des Menschen selbst in Frage steht". Es sei daher "nicht nur eine Frage der theoretischen Vernunft, sondern eine ethische und schließlich politische Frage, ob sich in dieser Situation eine humanistische Sicht des Menschen verteidigen und zugleich neu bestimmen lässt". Wie schon Jaspers geschrieben habe, entscheide das Bild des Menschen, das wir für wahr halten, letztlich über unseren Umgang mit uns selbst und mit anderen. Humanismus im ethischen Sinn bedeute daher "Widerstand gegen die Herrschaft technokratischer Systeme und Sachzwänge ebenso wie die Selbstverdinglichung und Technisierung des Menschen". Fassten wir Menschen uns hingegen selbst "als Objekte auf, sei es als Algorithmen oder als neuronal determinierte Apparate, so lieferten wir uns der Herrschaft derer aus, die solche Apparate zu manipulieren und sozialtechnologisch zu beherrschen suchen". "Denn die Macht des Menschen, aus sich zu machen, was ihm beliebt", zitiert Fuchs Clive Staples Lewis, "bedeutet (...), die Macht einiger weniger, aus anderen zu machen, was ihnen beliebt". Insofern sei die Verteidigung des Menschen "nicht nur eine theoretische Aufgabe, sondern auch eine ethische Pflicht".

"Desertiert" der Mensch, wie der Philosoph und Essayist Günter Anders einmal mit Blick auf das "Human Engineering" schrieb, "ins Lager seiner Geräte", dann wird dies auch nicht ohne Folge für die Menschenrechte bleiben. Denn wir vermögen zwar unsere Werke zu bewundern, aber wir pflegen ihnen bisher keine unantastbaren Rechte einzuräumen. Maschinen ficht das nicht an. Für das Subjekt Mensch hingegen wäre es die Katastrophe schlechthin. Nämlich jene, mit der es sich selbst abschaffte.

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