Die französische Nation am Ölberg

Léon Bloy schreibt über die Niederungen des Krieges. Von Georg Alois Oblinger
Foto: IN | Der Schriftsteller Léon Bloy.
Foto: IN | Der Schriftsteller Léon Bloy.

Es waren Ernst Jünger, Carl Schmitt und Gertrud Fussenegger, die den eigenwilligen französischen Katholiken Léon Bloy im deutschen Sprachraum bekannt gemacht haben. Dass dieser französische Schriftsteller es nie leicht hatte, ein größeres Publikum zu finden, lag an seiner radikalen Sichtweise, die jede „Verbürgerlichung“ des Christentums ablehnte, ebenso an seinem feurigen, meist ungezügelten Temperament sowie an seiner drastischen, nicht selten sogar brutalen Wortwahl. In Deutschland kam noch ein zweiter Grund für seine Unbeliebtheit hinzu: sein französischer Nationalstolz, der mit einer gewissen Deutschfeindlichkeit einher geht.

Bloy hat ein sehr eigenwilliges Verständnis von Christentum, da er das Schicksal des französischen Volkes als untrennbar mit dem Schicksal Christi verbunden sieht. Siege Frankreichs werden als Siege Christi interpretiert und militärische Niederlagen der französischen Nation werden folglich mit dem Leiden Christi in Beziehung gebracht. Nur so kann man verstehen, dass Bloy seinen Erzählungen aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 den Titel „Blutschweiß“ (sueur de sang) gibt, der auf das Gebet Jesu Christi am Ölberg verweist, mit dem die Passion begann. Das entsprechende Zitat aus dem Lukas-Evangelium ist dem Erzählungsband als Leitwort vorangestellt.

Was Léon Bloy in diesen 30 Erzählungen schreibt, ist nichts für zarte Gemüter. Es sind Kriegsanekdoten, bei denen keine Grausamkeit ausgelassen wird. Grausamkeiten, Schmerzen, Blut und sämtliche Perversitäten werden hier genüsslich ausgebreitet. Der Autor selbst muss hierbei zwiespältige Gefühle empfunden haben, schreibt er doch folgende Entschuldigung: „Empfindliche Leser bitte ich für das, was nun folgt, um Nachsicht. Ich werde mich bemühen, es so schnell wie möglich hinter mich zu bringen.“ Andererseits schreibt er bald darauf: „Sie müssen nicht ungeduldig werden. Ich habe noch, Gott sei Dank!, einige schöne Grausamkeiten für Sie auf Lager.“

Ähnlich wie sein Lehrmeister Jules Barbey d'Aurevilly, dem er seine Hinwendung zum katholischen Glauben verdankt und dessen zeitweiliger Sekretär er war, hat auch Léon Bloy allem Teuflischen ebenso viel Gewicht beigemessen wie allem Göttlichen. Die Literatur schöpft ihre Kraft aus der Spannung zwischen diesen beiden Realitäten. Mögen die von Bloy geschilderten Kriegserlebnisse historisch oder bloß fiktiv sein, sie stellen für den Autor eine Möglichkeit dar, seine eigenen Erfahrungen als Kriegsteilnehmer („franc tireur“) auf dem Hintergrund seines katholischen Glaubens zu verarbeiten. Das gesamte literarische Werk Bloys, in dem die Schattenseiten des Lebens so stark präsent sind, muss vor dem Hintergrund seines tragischen Lebens und seines Ringens im Glauben gesehen werden. Fraglich bleibt allerdings, warum hier eine Anekdote enthalten ist, in der Barbey d'Aurevilly als preußischer Spion verdächtigt wird. Dem Lehrer und literarischen Vorbild Bloys wird dieses Ereignis, sofern es sich wirklich zugetragen hat, äußerst peinlich gewesen sein.

Dass der 1893 erschienene Erzählungsband bisher nie ins Deutsche übersetzt wurde, scheint nicht zuletzt wegen der sehr negativen Darstellung und grotesken Überzeichnung der Deutschen sehr verständlich. Die Frage, die sich stellt, lautet: Was hat Alexander Pschera bewogen, diese schwer verdauliche Kost ins Deutsche zu übersetzen? Und worin liegt der Gewinn für den Leser, zumal wenn dieser sich als gläubiger Katholik betrachtet?

In seinem angefügten Essay plädiert Pschera für eine symbolische Interpretation. Seines Erachtens ist der hier geschilderte Krieg „ein sich in vielfachen Zeichen und Chiffren verkleidendes mystisches Geschehen – ein Geschehen, das die Spuren göttlichen Wirkens in das menschliche Schicksal einzeichnet“. Der dem Evangelium entlehnte Titel sollte daher beim Lesen dieses Buches nie aus dem Blick verloren werden. Auch möchte Pschera das Adjektiv „grausam“ für Bloy nicht gelten lassen. Zwar gibt es in dessen erzählerischem Werk keine Barmherzigkeit, sehr wohl aber eine an der Bibel orientierte „majestätische Sprache“, welche alle geschilderten Dunkelheiten ins göttliche Licht empor hebt.

„Wer zu Bloy will, der muss sich selbst überwinden.“ Diesen Ratschlag gibt Alexander Pschera dem Leser. Tatsächlich kann der Zugang zu Bloy, der sich selbst einen Pilger des Absoluten, einen undankbaren Bettler oder einen Abbruchunternehmer nannte, nur durch die Niederungen des menschlichen Daseins erfolgen. Die Armut, das Leid und die Sünde sind im Werk Bloys allgegenwärtig. Erst durch den mitleidenden Christus kann ein Sinn dahinter erkannt werden. Wer Bloy verstehen will, muss mit ihm zumindest lesend in das Elend hinabsteigen. Das war nie ein Weg für viele. So bleibt das literarische Werk Léon Bloys, einschließlich der vorliegenden eher sperrigen Erzählungssammlung, ein Geheimtipp für Menschen, die das Unkonventionelle suchen und auch vor anspruchsvollen Herausforderungen nicht zurückschrecken.

Léon Bloy: Blutschweiß, aus dem Französischen übersetzt, kommentiert und mit einem Essay von Alexander Pschera, Verlag Matthes und Seitz, Berlin 2010, gebunden, 296 Seiten, ISBN 978-3-88221-837-4, EUR 29,90

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