„Die Frage nach Gott war eine Kampfansage“

Am Freitag feiert die „Arche“ in Potsdam ihren 30. Geburtstag. Diese Bildungsinitiative in der katholischen St. Peter und Paul-Gemeinde vermittelt Wissen aus den Bereichen Religion, Philosophie, Kunst, Politik und Geschichte. Ein Mitinitiator ist der Denkmalpfleger Rainer Roczen. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: KKS | Engagierter Katholik damals und heute: „Arche“-Mitinitiator Rainer Roczen.
Wofür ist der Name „Arche“ ein Symbol?

Der Name Arche sollte in der damaligen Zeit Bezug nehmen auf ein Rettungshilfsmittel, also auf das, was die Arche im alttestamentarischen Sinne auch war: ein Mittel zum Überleben, ein Schiff, das ein Überleben auf der Flut garantieren kann. In dem Falle war es die rote Flut, die real-sozialistische Welt der DDR.

Welchen Auftrag, welche Mission hatten Sie sich selbst gegeben?

Es ging darum, möglichst viele Menschen anzusprechen. So wie in der Arche unterschiedliches Getier geborgen war, so sollten in der Arche verschiedene Menschen Zugang zu unseren Veranstaltungen finden – jung, alt, Akademiker, Nicht-Akademiker, ja auch Leute, die nicht-katholisch sind, sollten kommen können und Interesse an unseren Themen finden.

Wie sah das praktisch aus?

Über die Dienstagabende hinaus, die es damals schon regelmäßig gab und an denen Gäste Referate gehalten haben, haben wir Ausstellungen, Dichterlesungen, Konzerte und einmal jährlich Literaturwochen veranstaltet. Dabei war dann jeweils ein bestimmtes Thema vorrangig, etwa russische oder Literatur in der DDR oder überhaupt deutsche Literatur, oder der Renouveau Catholique (Paul Claudel oder Georges Bernanos), aber auch aktuelle Trends im Rahmen von Glasnost und Perestroika. Und schließlich haben wir auch Feste gefeiert.

Wer kam damals zu den Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen?

Alle Interessierten – jung, alt, Mann, Frau, Katholiken, Nicht-Katholiken, Atheisten, Fragende, Suchende – bis hin zu den Leuten, die man eher als relativ eingebunden in das System betrachtete, die sich beispielsweise für drei Jahre in der Nationalen Volksarmee verpflichtet hatten. Die waren durch Plakate in der Evangelischen Stiftungsbuchhandlung oder im Krankenhaus oder im Katholischen Pfarrhaus aufmerksam geworden, die wir dort aufgehängt hatten. Die Plakate waren ja auch in gewisser Weise „öffentlich“. Werbung in einer Zeitung war ja nicht möglich.

Die „Arche“ wurde von der Stasi beobachtet. Wurden die Veranstaltungen auch gestört?

Gestört in dem Sinne nicht offensichtlich. Vielleicht durch Fragen in eine bestimmte Richtung – es kann schon sein, dass da immer jemand da war, aber das war nicht immer so zu spüren. Von einem Besucher aber weiß ich, dass er von der Stasi angesprochen wurde, der hat sich dann geoffenbart. Der wurde im Betrieb von der Staatssicherheit angesprochen. Man hat ihm Fotos vorgelegt, auf denen er bei einer Veranstaltung (mit dem Liedermacher Stephan Krawczyk) bei uns zu erkennen war und man wollte ihn zum Spitzel machen. Aber er hat das natürlich weitererzählt, auch dem damaligen Priester, und damit hat er sich für die Sache als unbrauchbar erklärt.

Die Stasi hat aber trotzdem beobachtet…

Ja, die haben vom Haus gegenüber Fotos gemacht. Die Stasi hatte in jeder Stadt in der DDR ein ganzes Netz an konspirativen Wohnungen, und die konnte man dann – wie man im Nachhinein erfuhr – für solche Konspirationsdienste nutzen. Die Stasi hat uns übrigens unter der Rubrik „Operativer Vorgang Keller“ eingeordnet, weil wir damals in einem Souterrain untergebracht waren.

Welche Themen, welche Redner waren die „gefährlichsten“, also die, die dem System am unbequemsten waren?

Das waren solche Schriftsteller wie Lutz Rathenow oder Stephan Krawczyk zum Beispiel – und von der Thematik her waren das so relevante Themen wie die Beschäftigung mit dem Glauben, mit der Frage nach Gott, die war schon eine Kampfansage, weil sich der Staat ja schon auf den Atheismus festgelegt hatte. Insofern zog sich das durch alle Veranstaltungshalbjahre durch, wenn wir uns mit der Dreifaltigkeit oder mit dem Materialismus befassten, der uns in der DDR ja quasi als die wissenschaftliche Weltanschauung offeriert wurde.

Gab es auch Kontakte zu anderen regimekritischen Personen und Gruppierungen in der DDR?

Es gab durch die einzelnen Leute Vernetzungen. Man hat sich schon ausgetauscht. Was die anderen machten, konnte man schon wissen.

Und wie sehen Sie sich im Verhältnis zu Gruppen, die im evangelischen Raum gegen die Unterdrückung im Sozialismus gekämpft hatten?

Wir hatten ja auch Referenten aus diesem Bereich. Es gab da auch eine, aber nicht so aktive Vernetzung, denn unser Thema war ein anderes. Wir dachten ja, dass die DDR noch eine längere Zeit fortbesteht. Wir haben nicht so auf die Pauke gehauen, sondern wir haben die Dinge immer kontinuierlich unter einem religiösen Aspekt bearbeitet, denn wir haben uns vordergründig nicht als eine politische Gruppe gesehen, sondern als eine Gruppe im kirchlichen Raum, die sehr viel Freiheit hatte. Aber im Unterschied zu den protestantischen Gruppen waren die Hauptakteure bei uns ja gläubige Katholiken. Und das macht schon einen Unterschied in der Wahl der Themen aus. Dass es eben nicht nur um rein Politisches ging, sondern man eben auch den Himmel im Blick hatte. Damit man in der DDR auch Kraft und Hoffnung aus dem Glauben schöpfen konnte. Das führte auch dazu, dass man gemeinsam betete. Man bekam auch Bestätigung von den Leuten, mit denen man den Glauben teilte. Wir fingen damals an, jeden Montag regelmäßig die Komplet zu beten. Unser Ziel war nicht, dass man sein Land verließ, sondern wir wollten ja hier überleben. Nicht, weil die DDR unsere Heimat war, sondern Potsdam und die Gegend hier. Die Heimat war mehr als das politische System. Also die Liebe zu dem, was uns umgibt, zu den Mitmenschen, zu der Geschichte – wir wandten uns damals auch mehr der Geschichte und Potsdam zu, was wir auch heute noch machen – weil wir gemerkt haben: Wir brauchen eine Verwurzelung. Dieser vordergründige Konsumismus jetzt, der war ja gar nicht unser Ziel, also, dass wir traurig gewesen wären, dass wir irgendwelche Jeans aus dem Westen nicht kaufen konnten, was in der Normalbevölkerung vielleicht einen hohen Stellenwert eingenommen hatte. Soziale Themen haben zwar schon eine Rolle gespielt, aber immer so, dass der Glaube auch eine Rolle dabei spielt.

Hat sich an Ihrer katholischen Grundausrichtung seitdem denn etwas gewandelt?

Nach der Wende haben wir uns den Dingen noch einmal von Grund auf so wie neu genähert, da wir dann ja auch einen viel breiteren Zugriff auf Referenten und auf Literatur hatten. Wir sind selber dann auch viel herumgefahren, sind auf Tagungen gewesen, haben Referenten gehört. So zog dann ein Interesse das andere nach. Wir haben gemerkt, dass eine oberflächliche Betrachtungsweise nicht ausreicht. Dann haben wir uns angesehen, welche Schätze, welche Fülle hat eigentlich die Kirche – in der Theologie, in der Liturgie und auch in der Philosophie eines Thomas von Aquin.

Gibt es denn heute – fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung – immer noch eine Daseinsberechtigung für die Arche?

Wenn man sieht, dass die Leute zunehmend nach dem Sinn ihres Lebens fragen, oder bestimmte existenzielle Nöte in der Gesellschaft festzustellen sind, dann gibt es nach wie vor eine Berechtigung, dass wir diese Dinge thematisieren, dass wir sie vom Glauben her reflektieren. Und den Leuten das auch anbieten, was der Glaube zu bieten hat, nämlich einen großen Reichtum und eine Überlebenshilfe im Diesseits. Man hat der Kirche immer vorgeworfen, eine Jenseitsvertröstung zu propagieren. Mittlerweile scheint es so zu sein, dass wir eine Diesseitsvertröstung haben. Weil im innerkirchlichen wie im gesellschaftlichen Raum die Versprechen, die nicht eingehalten werden, ja sehr groß und umfangreich sind.

Die große Frage bleibt natürlich die, dass wir im christlichen Sinne aufgefordert sind, den anderen den Glauben anzubieten. Das „Gute, Wahre und Schöne“ – so wurde es früher genannt, aber das ist ja nicht nur eine mittelalterliche Geschichte, sondern das ist ja nach wie vor gültig. Dazu kann man zum Beispiel Zugang finden über ein künstlerisches Thema, wenn man sich bei einem kunsthistorischen Vortrag in der Arche die wunderbaren Bildwerke des Mittelalters ansieht und dann vielleicht weiter angeregt wird, darüber nachzudenken: Was hat denn die Leute dazu gebracht, diese Bildwerke zu schaffen? Was hat sie beseelt? Warum waren die gläubig? Ist es heute etwas Unmögliches zu glauben? Gibt es heute auch noch diesen Zugang? Jemand der zweifelt, könnte sich dann doch fragen, ob nicht vielleicht doch etwas an diesem Glauben dran ist. Diese Tür müssen wir ja offen halten. Und das wird auch noch in 100 Jahren aktuell sein.

Die „Arche“ im Internet: www.potsdam-berlin.de/Arche/

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