Die Frage nach dem Lebensende wird immer drängender

Bücher über Sterben und Tod sind besonders auffällig in den Herbstprogrammen der Verlage. Von Alexander Riebel

Die Frage nach dem Umgang mit dem Sterben ist auch unter Buchautoren angekommen. Dafür spricht eine deutliche Tendenz in den Herbstprogrammen der Verlage. Doch welche Wirklichkeit spiegeln die Bücher eigentlich wider? Die Selbstbestimmung und Optimierung des alltäglichen Lebens wird in der Gesellschaft auch längst für das Sterben gefordert. Es findet ein Kulturwandel statt, auch im Selbstverständnis der Ärzte, der immer mehr auf Kosten eines würdigen Lebens geht. „Die Beschäftigung mit dem Tode ist die Wurzel der Kultur“, schrieb einst der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt.

Über den „zeitgenössischen Individualisten“ hat jetzt Christian Schüle in „Wie wir sterben lernen – Ein Essay“ (Pattloch) geschrieben. Dabei ist er selbst ganz Zeitgenosse. Statt eines Vorworts hat Schüle einen „Sicherheitshinweis“ verfasst, in dem er religiöses Pathos, missionarischen Eifer und jede Absicht, zu belehren, zurückweist. Er hält den Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen für schlecht begründbar. Ganz säkular sieht er in „palliative Care“ den „entscheidenden Pfeiler des behaupteten Kulturwandels“. Also den Wunsch vieler Menschen, in vertrauter Umgebung zu sterben, mit den Angehörigen und von der Familie umsorgt, aber auch in der „Linderung psychosozialer und spiritueller Probleme“. Damit meint er auch ausdrücklich die „christlichen Amtskirchen“; denn anders als bei Schüle gibt es bei ihnen noch ein Sinnbegriff würdevollen Sterbens, der für alle Menschen gilt.

Darauf haben besonders Robert Spaemann und Bernd Wannenwetsch in „Guter schneller Tod – Von der Kunst, menschenwürdig zu sterben“ (Brunnen Verlag) aufmerksam gemacht (DT vom 5.10.). Das Autorenteam zeigt genau die Widersprüche, in die eine subjektivistische Deutung des Sterbens und der Euthanasie gerät: sie setzt nämlich immer schon das Leben voraus, das sie den Menschen abzusprechen versucht. dass eine säkulare Sicht dieser Zusammenhänge nicht zu durchschauen vermag, zeigt allein die christliche Auffassung über den Tod und das Sterben, wie das Buch überzeugend deutlich macht.

Den christlichen Zugang zum Tod beschreibt auch Susanne Conrad in „Sterben für Anfänger – wie wir den Umgang mit dem Tod lernen können“ Ullstein Verlag). Für Conrad gibt es eindeutig ein „Danach“, wie sie es auch in allen Religionen sieht. Im Kern aber gilt für die ehemalige ZDF-Redakteurin die eigene christliche Sicht auf das Sterben, das sie auch sehr eindringlich mit Berichten über ihren verstorbenen Vater fundiert. In ihrer Deutung des Glaubens zitiert sie häufig aus einen Gespräch mit kardinal Lehmann über die Begegnung mit dem Tod. Die Autorin plädiert, den Tod nicht in die Hände von Profis zu legen, weil wir selbst dann völlig unvorbereitet sind. Sie selbst erhielt bereits eine Diagnose für Brustkrebs, dann starben ihre beiden Eltern. Sie weiß, dass auch das Leben richtig geführt werden muss: „Auch im Christentum kommt mit dem Tod nicht die einfache ,Instant-Erlösung‘. Es gibt keinen Freifahrtschein ins Ewige Leben, für niemanden.“ Daraus entsteht eine ganz persönliche Einstellung zum Sterben, die aber durch den Glauben getragen ist. Das Buch wird dieser Einstellung völlig gerecht.

Zum Thema Sterben gehört auch die Frage nach dem Hirntod – hierzu hat der bekannte Jurist und Naturrechtler, Professor Wolfgang Waldstein, mit Regina Breul ein Interview-Buch „Hirntod – Organspende und die Kirche schweigt dazu“ (media maria) veröffentlicht. Im ersten Teil des Buchs werden Fakten dokumentiert über die medizinischen Aspekte der Transplantationsmedizin, dann folgt das Gespräch und schließlich wird der Kongress „Signs of Life“ zusammengefasst, der 2005 in der „Päpstlichen Akademie der Wissenschaften“ in Rom auf Wunsch von Papst Johannes Paul II. zur Klärung der Hirntodfrage stattfand. Waldstein ist kein Anhänger der Hirntod-These. Medizinische Befunde sprechen seiner Auffassung nach dafür, dass das Ende der Hirntätigkeit kein Beweis für den Tod sei. Und es gebe zahlreiche Belege, dass Menschen trotz der Feststellung des Hirntodes bei richtiger Behandlung wieder völlig gesund geworden seien. Organe würde zu oft entnommen werden, ohne auf das Lebensrecht des Spenders zu achten. Ein äußerst lesenswertes Buch, das die Rahmenbedingungen des Sterbens beschreibt.

Der Titel „Mein Tod gehört mir – Über selbstbestimmtes Sterben“ von Svenja Flaßpöhler (Pantheon) lässt wenig Gutes erwarten. Die Autorin wägt äußerlich zwar ab zwischen der Frage, ob „Freitodbegleitung“ wünschenswert ist und noch viel mehr, ob Suizid nach dem Schweizer Modell erlaubt sein sollte. Doch die Absicht ist es, die Beihilfe zum Tod „moralisch vertretbar“ auszuweisen, was wiederum nur unter säkularen Bedingungen möglich ist.

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