Die Frage

Muss „Das Parfum“ von Patrick Süskind zum Lektürekanon der Schulen gehören? Ist die Amoralität nicht schädlich? Von Amelie Feinkuch
die frage

Meine Tochter liest im Deutschunterricht (Oberstufe) „Das Parfum“ von Patrick Süskind. Ich finde diese bizarre Lektüre ungeeignet, um in einem jungen Menschen die Freude an der Literatur zu wecken. Wie beurteilen Sie das? Ist meine Sichtweise zu eng?

Wenn mit „Freude“ ein Leseerlebnis gemeint ist, das einen jungen Menschen begleiten kann auf dem Weg seiner Selbsterkenntnis, der soliden Aneignung historischer Entwicklungen im Wechselspiel von Geschichte und Literatur und der Aneignung philologischer Fertigkeiten, dann ist bei der Lektüreauswahl zumindest auf das erste Ziel hin ein Warnschild zu beherzigen, das der Erzähler gleich im ersten Abschnitt aufgestellt hat: Du hast es hier mit einem genialen Scheusal zu tun, mit Menschenverachtung, mit Immoralität und mit Gottlosigkeit.

Die Begriffe werden bei der Schilderung der angehäuften Verbrechen des genialen, monomanischen Monsters Grenouille drastisch mit Inhalten gefüllt. Die Zeitumstände und die Gesellschaft im Frankreich des 18. Jahrhunderts helfen ihm bei seiner größenwahnsinnigen Selbstverwirklichung; denn durch das geschilderte Großstadtelend mit seinen menschenunwürdigen Lebensbedingungen, der Korruption und der Machtgier erfährt der Leser sinnenhaft, dass es für die Menschen kein Entrinnen aus ihrem selbstgebauten Gefängnis der sozialen und ideologischen Abkapselung gibt.

Die Vertreter aller möglichen Geistesrichtungen müssen ihren Part dabei spielen. Die Fäden zieht das Monster Grenouille, das mit seinem einmaligen Geruchssinn die Zeitgenossen durchschaut und beherrschen lernt, aber auch vor keinem Verbrechen zurückschreckt.

Ja er schafft durch seine Geruchskombinationen eine eigene Welt für sich, in der nur eine Maxime gilt: grenzenlose Selbstverwirklichung und Rache an der Gesellschaft, aus der es sich kraft seiner Genialität selbst erlöst. Dabei spielt sein Geruchssinn die Schlüsselrolle. Doch da führt der Erzähler den Leser in die Sphäre des Phantastischen, Märchenhaften und Monströsen. Diese ist aber mit dem Realen so verwoben, dass er in den gleitenden Übergängen leicht die Orientierung verlieren kann, genauso wie die Opfer von Grenouille.

Süskind strukturiert nach dem klassischen Bildungsroman, deutlich sind die Elemente des Künstlerromans nachzuweisen, auch die des diabolischen, monomanischen Künstlers, die Mittel der erlebten Rede, des inneren Monologs, alle Kniffe des epischen Erzählens sind gekonnt in das Vexierspiel von kriminologischen, psychologischen und massenhysterischen Darstellungstechniken eingebracht, und das weite Feld der sprachlichen Mittel ist ein Abbild der Arbeitsweise Grenouilles. Also Übungsmaterial genug für den Sprachunterricht.

Aber muss es dann Süskind sein? Auch wenn er in zig Sprachen übersetzt und millionenfach aufgelegt ist? Kann man nicht andere Autoren, die in der Motivverknüpfung Süskinds ähneln, auch in Betracht ziehen zur Erfüllung des Lehrplanes in der Oberstufe? Muss es der Tauchgang in die tiefste Amoralität sein? Eltern haben ein noch längst nicht ausgelotetes Gewicht in der Mitbestimmung der Themen, zumal sich die Lehrpläne auf Lernkompetenzen verlagert haben. Eine empfindlich spürbare Solidarität von Eltern kann ein im Mainstream schwimmendes Lehrerkollegium durchaus beeinflussen. Und die Bestsellerliste ist noch lange nicht ein Kriterium für literarisch und ethisch wertvollen Unterricht, der mit positiven Figuren den jungen Menschen eher begeistert.

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