Die Flucht vor dem Unheimlichen

Trotz guter Ansätze ist der neue Thriller von M. Night Shyamalan „The Happening“ nicht überzeugend

Der 1970 in Indien geborene, in den Vereinigten Staaten aufgewachsene M. Night Shyamalan feierte vor etwa zehn Jahren mit „The Sixth Sense“ (1999) seinen bislang größten Erfolg. Die überraschende Wendung am Ende, der alles bis dahin im Film Gesehene auf den Kopf stellte, blieb sein Markenzeichen. Diesen sogenannten Plot-Twist setzte er etwa auch in seiner vorletzten Regiearbeit „The Village – Das Dorf“ (2004) ein. Mit seinen Spannung erzeugenden Sujets, die zumeist mit klassischen Stilmitteln ohne große Spezialeffekte in atmosphärisch dichter Bilder umgesetzt werden, reiht sich Regisseur Shyamalan in die Tradition klassischer Thriller ein, die auf den „Meister der Hochspannung“ Alfred Hitchcock zurückgeht. Die Nachahmung Hitchcocks geht soweit, dass der indisch-amerikanische Filmemacher vom Altmeister sogar den Kurzauftritt in den eigenen Filmen übernommen hat. So auch im neuen Spielfilm „The Happening“.

Was auf der Leinwand geschieht, lässt sich genauso schwer erklären wie etwa das Verhalten der Vögel in einem der berühmtesten Filme des britischen Meisters des Suspense („Die Vögel“, 1962). Nur dass in „The Happening“ die Angreifer unsichtbar bleiben. Lediglich ein unheimlich wirkender Wind erweist sich als deren Vorbote.

Es beginnt mit großartigen Einstellungen aus dem New Yorker Central Park. Zwei junge Frauen sitzen auf einer Bank, von denen eine zweimal hintereinander erwähnt, sie wüsste nicht, wo wie mit der Lektüre aufgehört habe. Urplötzlich bleiben alle Menschen im Park stehen. Das leicht ausgebleichte Bild der bewegungslosen Menschen verfehlt seine Wirkung nicht. Noch unheimlicher wirken aber die Bilder aus einem Hochhaus-Rohbau, aus dem sich mehrere Menschen in die Tiefe stürzen.

Die Medien berichten sofort von dieser rätselhaften Massen-Selbstmord-Welle, so dass etwa die Schüler einer Highschool in Philadelphia nach Hause geschickt werden. Dort unterrichtet Elliot Moore (Mark Wahlberg) Naturwissenschaften, der nun zusammen mit seiner Ehefrau Alma (Zooey Deschanel) sowie mit seinem Kollegen Julian (John Leguizamo) und dessen acht-jähriger Tochter Jess (Ashlyn Sanchez) aus der Stadt flüchtet.

Sie besteigen einen Zug, aber dieser bleibt irgendwann einmal mitten in der Landschaft einfach stehen. In der Tradition klassischer Katastrophenfilme (zuletzt etwa Roland Emmerichs „The Day After Tomorrow“, 2004) bilden sich kleine Menschengruppen, die sich auf der Flucht vor dem Unerklärlichen in Sicherheit zu bringen versuchen, während andere dafür plädieren, einfach dort zu bleiben und abzuwarten. Währenddessen stehen die Punkte mit solchen „Vorkommnissen“ auf der Landkarte des Nordostens der Vereinigten Staaten immer dichter beieinander.

Die Dramaturgie von „The Happening“ krankt allerdings daran dass, nachdem die Exposition hervorragend gelungen ist, die Spannung immer mehr nachlässt. Teilweise wirkt „The Happening“ wie ein in die Länge gezogener Kurzfilm.

Filmtechnisch bleibt der indisch-amerikanische Regisseur freilich seinem Stil treu – obwohl er erstmals zwar abgemilderte, aber noch immer schockierend genug visuelle Gewalt einsetzt. Statt Effekte setzt Shyamalan auf klassische „Angst erzeugende“ Mittel wie Kamerafahrten von hinten auf Menschen zu oder unerklärliche Geräusche. Und natürlich auf das Rauschen von Bäumen und dem Rasen im Wind.

Die Botschaft des Films, die auf den ersten Blick einen deutlich ökologischen Charakter besitzt – die Natur schlägt zurück, nachdem der Mensch sie ausgebeutet hat – erlaubt freilich auch andere Interpretationen, nicht umsonst wird etwa immer wieder auf die zwei Klärungsansätze hingewiesen: Wissenschaft oder Kräfte, die darüber hinausgehen.

Jedenfalls erinnert „The Happening“ unweigerlich an die alttestamentlichen Plagen. In einem Interview führte der Regisseur dazu aus: „Bei einem Erdbeben, einem Tsunami oder einer weiteren Naturkatastrophe denke ich sofort an das Jüngste Gericht. Ich weiß, dass es sich um Naturphänomene handelt. Wenn ich aber so viele Menschen sterben sehe, muss ich unweigerlich an eine Hand denken, der vom Himmel herab uns daran erinnert, dass wir hier unten leben.“

Die Schlussszenen von „The Happening“ lassen ebenfalls die Deutung zu: „Nur die Liebe zählt.“ Auf die Frage eines Interviewers nach der „Botschaft seines Weltuntergangs-Thrillers“, antwortete der Regisseur denn auch: „Dass die Liebe unser Leben retten kann! Dass es Dinge gibt, die wir nicht begreifen können! Dass die Natur das Wichtigste ist, was wir haben!“.

Schade nur, dass des dem Film kaum gelingt, die in diesen Antworten steckende Komplexität dramaturgisch umzusetzen.

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