Die Familie wird vielen Eltern immer wichtiger

Auch wenn ihre Konzerte weiterhin gut besucht sind, gibt es Nachwuchssorgen bei Knabenchören. Von Paul Winterer und Jörg Schurig
Foto: dpa | Der Thomanerchor in Leipzig.
Foto: dpa | Der Thomanerchor in Leipzig.

Nach wie vor sind Konzerte von Knabenchören gut besucht, egal ob die Regensburger Domspatzen singen oder die Thomaner aus Leipzig. Doch die Nachwuchssuche ist schwieriger geworden. Manche Eltern muten die Doppelbelastung von Singen und Schule ihren Kindern nicht mehr zu.

Sie stellen einen Jahrzehnte bewährten Tagesablauf auf den Kopf, passen ihre Ferienzeiten denen anderer Schulen an und geben sogar den Schulunterricht am Samstag teils preis – bisher Alleinstellungsmerkmal des Domspatzengymnasiums in Regensburg. Mit radikalen Änderungen und einer millionenteuren Generalsanierung seiner in die Jahre gekommenen Gebäude will sich der älteste Knabenchor der Welt gegen Nachwuchssorgen wappnen. Und die Domspatzen sind nicht die einzigen, die sich etwas gegen Mitgliederschwund einfallen lassen müssen. Auch die Thomaner in Leipzig haben reagiert.

Immer weniger Eltern sind offenbar bereit, ihre Kinder für mehrere Wochen am Stück in ein Internat zu geben und dort der Doppelbelastung von Schule und täglichen Chorproben auszusetzen. Jeden Sonntag singt eine Gruppe im Regensburger Dom – schließlich sind die Domspatzen mit ihrer tausendjährigen Tradition in erster Linie katholischer Domchor. Tourneen im In- und Ausland, CD-Aufnahmen und Fernsehauftritte kommen hinzu. Dafür opfern die Jungen im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren sogar Ferien – ein hoher Preis für den Beifall im Konzert.

Die Anmeldungen fürs neue Schuljahr zeigen, dass vielen Eltern dieser Preis zu hoch erscheint. Gerade einmal 37 neue „Spatzen“ fangen dieser Tage im Musischen Gymnasium mit seinen rund 400 Schülern an. In guten Zeiten waren es doppelt so viele. Die Gesellschaft sei eben im Wandel, erklärt sich Domkapellmeister Roland Büchner den Rückgang. Eltern und Kinder hätten heutzutage eben andere Ansprüche und Wünsche. „Darauf müssen wir reagieren.“ Es gehe darum, Familienleben und Domspatzenalltag besser zu vereinbaren.

Von der Umstellung der Abläufe profitieren vor allem die Tagesschüler aus Regensburg und Umgebung. Dauerten die Chorproben bisher oft bis in den Abend, ist jetzt für die kleinen Sänger um 16.30 Uhr Schluss, für die Männerstimmen um 18.00 Uhr. Zudem ist künftig jeden zweiten Samstag schulfrei. „Viele hält der Samstagsunterricht davon ab, zu uns zu kommen“, weiß Büchner. Vom Schuljahr 2015/2016 an sollen zudem die Ferienzeiten an den bayerischen Schulkalender angepasst werden.

Mit 24 Neuanmeldungen zum Schulbeginn muss der protestantisch geprägte Windsbacher Knabenchor auskommen. „Das ist ok, aber 30 plus wäre besser“, sagt Direktor Thomas Miederer. 130 Knaben- und Männerstimmen zählt der 1946 gegründete Chor derzeit, 110 leben im angeschlossenen Studienheim. Eine eigene Schule wie in Regensburg haben die Windsbacher Sänger nicht.

Auch Miederer stellt fest, dass sich die Lebensqualität von Eltern und deren Kindern stärker als früher an der Freizeit bemisst. Daher sei es schwieriger geworden, junge Menschen für einen Knabenchor samt Internatserziehung zu begeistern. Mit gezielter Werbung vor allem in der Region Nürnberg versuchen die Verantwortlichen gegenzusteuern.

Der Thomanerchor aus Leipzig – sein berühmtester Kantor war Johann Sebastian Bach – tritt dem Nachwuchsproblem schon seit Jahren entgegen. Nach der Wiedervereinigung habe es einen starken Rückgang der Bewerberzahlen gegeben, sagt Sprecher Roman Friedrich. „Unsere Versuche, auf uns aufmerksam zu machen, Anzeigen zu schalten oder Tage der offenen Tür zu veranstalten, waren von mäßigem Erfolg gekrönt.“ Mitte der 1990er Jahre begann der Chor, in einer nahen Grundschule selbst Nachwuchs auszubilden. Inzwischen beschäftigt er zwei Musikpädagoginnen, die in Leipziger Kindertagesstätten Talente suchen. Zum neuen Schuljahr nahm der Chor 14 Jungen auf.

Keine Nachwuchssorgen kennt dagegen der Dresdner Kreuzchor. „Wir freuen uns über eine konstante Nachfrage, die sicherlich in unserem besonderen Bildungsangebot begründet liegt“, erläutert Kreuzkantor Roderich Kreile. „Der Zulauf ist ungebrochen.“ Pro Jahr treffen bis zu 50 Bewerbungen ein. Etwa 20 Knaben werden als Kruzianer in die 4. Jahrgangsstufe aufgenommen.

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