Die Fake-Fan-Fabrik

Der Handel mit gefälschten Followern eskaliert und wirft besorgniserregende Fragen auf. Von Felix Rapa

Soziale Medien sind nicht nur Austauschplattformen, sie legen auch das Prestige von Sportlern, Politikern, Schauspielern und anderen Größen der Gegenwartskultur fest. Die Währungseinheit, in welcher der Stellenwert der oder des Betreffenden bemessen wird, ist das „Like“ (Facebook) oder das „Follow“ (Twitter). Je mehr „Fans“, je mehr „Follower“, desto berühmter darf sich die Person wähnen. Doch hier geht es nicht nur um Eitelkeit, sondern um Bares. Denn der Bekanntheitsgrad und die Beliebtheit in der Zielgruppe der kaufkräftigen 15- bis 45-Jährigen ist für die Selbstvermarktung nicht ganz unwichtig, legen doch Werbetreibende größten Wert auf Breitenwirkung ihrer Botschaft. Und die lässt sich mit Stars, die von Menschen aus der Zielgruppe millionenfach gemocht und verfolgt werden, leichter herstellen als mit solchen Persönlichkeiten, die bei ein paar hundert „Fans“ stehenbleiben.

Bis hierhin sollte die Angelegenheit nicht verwundern, entspricht sie doch dem, was wir aus der guten alten Offline-Welt kennen. Doch nun wird es interessant: Es gibt kommerzielle Angebote, die Zahl der „Fans“ und „Follower“ (und damit den eigenen Marktwert) zu erhöhen. Die Firma „Devumi“ soll ihren Kunden über 200 Millionen Twitter-Follower vermittelt haben, wie die „New York Times“ berichtet. Dazu hat sich das Unternehmen erdreistet, die Profile realer Personen zu klonen, um die Sache authentisch wirken zu lassen. Zudem musste Facebook einräumen, mindestens doppelt so viele gefälschte Konten zu haben als bisher angenommen. Die Zahl der Facebook-Fakes belaufe sich auf rund 60 Millionen.

Der Handel mit gefälschten Followern und Pseudo-Anhängern, die Politiker und Showstars automatisiert zujubeln, blüht offenbar in einer Weise, die selbst Branchenexperten wie Linda Gondorf von der „absatzwirtschaft“ überrascht. Sie spricht von einer „neuen Eskalationsstufe“. Wer nun meint, das sei ein US-Phänomen, muss enttäuscht werden. Auch in Deutschland gibt es Firmen, die mit Sympathiebekundungen Geld verdienen. Der Berliner Dienst „Social Media Daily“ wirbt mit dem Slogan „Der schnelle Weg zu mehr Likes“. Vierzig „deutsche Facebook-Fans“ kosten 9 Euro 90. Dabei werde vom Unternehmen jedoch der Datenschutz gewahrt: Man kaufe „echte“ Fans, insoweit diese aus Fleisch und Blut sind. Und sogar deutsch. Ihre Zuneigung hingegen ist alles andere als wahrhaftig, es sind gekaufte Abonnenten und Follower.

Das Ganze ist mehr als ein harmloses Spielchen mit der Eitelkeit und auch nicht bloß ein kleiner Betrug, der innerhalb der Grenzen der Marketingbranche bleibt, sondern eine gezielte Manipulation der Öffentlichkeit mit Auswirkungen auf Produktpreise und Wahlergebnisse. Vom Misstrauen gegen die Sozialen Medien, das damit neue Nahrung bekommt, ganz zu schweigen.

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