Die Einsamkeit der Sterbenden durch Liebe lindern

Wie die Gesellschaft mit dem Tod umgeht – Ein Überblick über neue Bücher über die Würde am Lebensende

Schon seit einer Weile – lange bevor Hamburgs ehemaliger Justizsenator Roger Kusch damit begann, Menschen beim Suizid zu helfen und zur Rettung der eigenen Haut ihr Sterben im Bild festzuhalten – haben Verlage den gesellschaftlichen und persönlichen Umgang mit Tod und Sterben als Thema entdeckt. An ethischen Expertisen, an persönlichen Berichten, welche die Begleitung Sterbender schildern, an Ratgebern zu Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen – hochwertigen und solchen, die eher mit heißer Nadel gestrickt wurden – herrscht also kein Mangel. Und daher tut Orientierung Not. Vier Publikationen ragen unter der Fülle der Neuerscheinungen der letzten Zeit besonders positiv hervor. Wer sich den Themen Euthanasie und Sterbehilfe systematisch nähern möchte, ist bei Kazimierz Sekala bestens aufgehoben. Der katholische Priester des Erzbistums Hamburg, der in Krakau und Augsburg Theologie studierte, hat unter dem Titel „Das Euthanasieproblem im Licht moraltheologischer Prinzipien“ eine überaus flüssig geschriebene, auch für Laien sehr gut lesbare Dissertation vorlegt, die eine breite Leserschaft verdient.

Neben der Lehre der katholischen Kirche, die Sekala hier sorgsam entfaltet und erläutert, behandelt die bemerkenswerte Schrift aber auch eine ganze Reihe von Aspekten, die auch für Nichttheologen von erheblichem Interesse sind. Beginnend mit einem überaus gelungen historischen Abriss der Euthanasie – angefangen von den Urvölkern über die Antike bis zur Gegenwart – leistet das vorliegende Werk nicht nur wichtige Begriffsklärungen, legt sorgfältig die Positionen von Gegnern und Befürwortern der Euthanasie dar, sondern beleuchtet auch die Entstehungsgeschichte der Hospizbewegung und die mannigfaltigen Besonderheiten der palliativen Pflege und der modernen Schmerzmedizin. Breiten Raum nimmt die sehr gelungene Untersuchung des kranken Menschen und seiner Rechte im „Licht der Menschenwürde“ ein. Die religiöse Begleitung sterbender Menschen, angefangen beim Gebet bis hin zur Spendung der Sakramente wie der Beichte, der Krankensalbung und der Heiligen Kommunion als „Viatikum“, werden in einem gesonderten Kapitel zum Schluss behandelt. Wer sich tiefer und systematisch mit der Euthanasieproblematik beschäftigen will, und Wert auf eine katholische Perspektive legt, der sollte daher an diesem Buch auf keinen Fall vorbeigehen.

Nicht ganz so systematisch, aber inhaltlich nicht minder profund kommt das jüngste Buch des katholischen Theologen Dietmar Mieth daher. Unter der Überschrift „Grenzenlose Selbstbestimmung?“ warnt der renommierte Bioethiker eindringlich vor einer „Selbstverfügung um jedem Preis“.

„Selbstbestimmung und Autonomie“ seien zur „Propaganda“ verkommen. Der Ausdruck „menschenwürdig sterben“ habe nichts mehr mit der „unverlierbaren Würde“ zu tun, die wir „jedem Menschen unabhängig von seinem Zustand zuerkennen müssen“, kritisiert Mieth und zeigt, dass der Autonomiegedanke so gut wie nie zur Begründung zusätzlicher Leistungen für Kranke herangezogen, sondern meist nur dort ins Spiel gebracht wird, wo Leidenden der Verzicht auf eine kostenintensive, lebensverlängernde Behandlung nahegelegt werde. Sterbenden, die sich nach Gemeinschaft sehnten, würde eine Einsamkeit zugemutet, die sie erdrücken müsse. Der Autor ist überzeugt, dass das Leben jedes Menschen „eine Dimension“ enthalte, der wir nur durch „eine Grundpassivität, durch ein Gewährenlassen“ gerecht werden könnten. Dagegen führe „das Angebot“, einer fiktiven Selbstbestimmung geradewegs zur „Ausbreitung des Notstandes“. Eindämmen ließe dieser sich nur durch „Liebe, Betreuung und Begleitung“.

Der viel beschworenen, von Autoren wie Sekala und Mieth in ihrem Absolutheitsanspruch kritisierten Autonomie des Patienten, stellt Gerhard Pott, Chefarzt an einem katholischen Krankenhaus, in seinem Buch „Ethik am Lebensende“ die „Autonomie der Helfer“ entgegen. Diese würden im direkten Umgang mit Kranken und Hinfälligen „zum guten Handeln“ angetrieben: „Wir wollen das Objekt unserer Zuwendung nicht vernichten, sondern den Tod aus Ehrfurcht vor dem Leben geschehen lassen“, schreibt Pott. Da das Handeln der Helfer auf eine Lebenserhaltung ausgerichtet sei, sei Euthanasie „demotivierend“ und vermindere die „Intuition zu helfen“. Verhindern ließe sie sich – glaubt der Autor –, wenn „der Wunsch danach, als Erlösung von Einsamkeit, Schmerzen und Lebensüberdruss interpretiert werde“. Potts Buch spannt einen interessanten Bogen von verschiedenen Ethik-Schulen zu einer intuitiven Ethik der Alltagsbegegnung mit Kranken am Lebensende. Exemplarische Texte zur Sterbebegleitung, Ratschläge zur Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung runden das innovative Werk ab. Alles in allem handelt es sich um einen lesenswerten Zwischenruf eines engagierten Praktikers. Allein die starke Idealisierung von Ärzten und Pflegepersonal wirkt angesichts der vielerorts beklagten Praxis, zumal in Einrichtungen, die sich nicht in kirchlicher Trägerschaft befinden, mitunter reichlich überzogen.

Wachsendes Unbehagen und Widerstand gegen die beobachtbaren Bemühungen, Euthanasie schrittweise zu legalisieren, lässt sich jedoch nicht nur in katholischen Kreisen beobachten. Auch im protestantischen Raum formiert sich fundierter Widerspruch. Eine sehr gelungene Kostprobe liefern der Dekan der Freien Theologischen Akademie Gießen, Stephan Holthaus und Timo Jahnke, wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Institut für Ethik & Werte“, in ihrem soeben erschienenen Buch: „Aktive Sterbehilfe – Ausweg oder Irrweg?“ Weit mehr als andere Autoren thematisieren Holthaus und Jahnke auch die Folgen einer möglichen Liberalisierung rechtlicher Regelungen. Dabei zeigen sie etwa anhand von Daten aus der Schweiz und der Niederlande, dass die Freigabe des ärztlich assistierten Suizids dort auch zu Veränderungen der „generellen Einstellung zu Tod und Sterben“ geführt. Angesichts einer „hohen Quote von Behandlungsabbrüchen und Behandlungsverzichten“ warnen Holthaus und Jahnke davor, dass aus dem „Sterben-Wollen“ ein „Sterben-Müssen“ werden könne. Behandelt wird auch die „Terminale Sedation“, auch „terminale Sedierung“ genannt, die manchmal bei Sterbenden im Endstadium zum Einsatz kommt und zunächst ethisch völlig unproblematisch ist. In den Niederlanden werde sie von Ärzten allerdings auch mit der erklärten Absicht eingesetzt, das Sterben zu beschleunigen. Dann aber stelle sich, so die Autoren, durchaus die Frage, ob hier nicht die „Schwelle zur aktiven Sterbehilfe“ überschritten werde.

Hilfreich ist auch der Anhang des Buches, in den neben den „Grundsätzen der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbehilfe“ vom Mai 2004 auch die Webadressen einiger interessanter Internetportale zur Palliativmedizin und zur Hospizbewegung aufgenommen wurden.

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