Die diskrete Heuchelei der Bourgeoisie

Der kürzlich ausgestrahlte ZDF-Dreiteiler „Ku'damm 56“ zeigte eine einseitige Sicht der 1950er Jahre. Von José García
Ku'damm 56
Foto: obs/ZDF/Toby Schult | Caterina Schöllack (Claudia Michelsen, 2.v.l.) möchte ihre drei Töchter Helga (Maria Ehrich), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle) unter die Haube bringen.
Ku'damm 56
Foto: obs/ZDF/Toby Schult | Caterina Schöllack (Claudia Michelsen, 2.v.l.) möchte ihre drei Töchter Helga (Maria Ehrich), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle) unter die Haube bringen.

Berlin 1956. Am Kurfürstendamm werden elf Jahre nach Kriegsende erste Anzeichen des Wirtschaftsbooms und eines neuen Lebensgefühls sichtbar. Der ZDF-Dreiteiler „Ku'damm 56“ verdichtet die Aufbruchsstimmung in der Tanzschule „Galant“ am Kurfürstendamm 56. Produziert wurde die UFA-Miniserie von Nico Hofmann, der mit „Dresden“ (2005), „Das Wunder von Berlin“ (2008) und zuletzt der mit dem „International Emy Award“ ausgezeichneten Miniserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013), dem Fernsehfilm „Bornholmer Straße“ (2014) sowie der achtteiligen Serie „Deutschland 83“ (2015) besonders für die Verfilmung von zeithistorischen Stoffen bekannt ist. Die Idee und das Drehbuch stammen von Annette Hess, die sich insbesondere mit den drei Staffeln der DDR-Serie „Weissensee“ (2010–2014) einen Namen gemacht hat. Die Ende März ausgestrahlte Miniserie wurde ein Publikumserfolg: Von der ersten bis zur letzten Folge steigerte sie sich von 15,3 auf 19,6 Prozent oder 6,35 Millionen Zuschauer.

Im Mittelpunkt von „Ku'damm 56“ steht „Galant“-Besitzerin Caterina Schöllack (Claudia Michelsen). Nach außen hin auf Prüderie bedacht – in der Tanzschule dürfen nur konventionelle Gesellschaftstänze unterrichtet werden, moderne Tänze bezeichnet sie bisweilen als „Einladung zum Beischlaf“ – unterhält Caterina Schöllack jahrelang ein geheim gehaltenes Verhältnis zum Hausfreund und Tanzlehrer Fritz Assmann (Uwe Ochsenknecht). Drängt Assmann auf Heirat, weil Caterinas Ehemann Gerd Schöllack seit 1944 vermisst wird, so besteht Caterina auf Beibehaltung des „Status Quo“.

In den drei Töchtern von Caterina Schöllack spiegelt sich die Rolle der Frau in den fünfziger Jahren – wenigstens nach Annette Hess' Verständnis – wider. Die Älteste, Helga (Maria Ehrich), heiratet zu Beginn des Dreiteilers den angehenden Staatsanwalt Wolfgang von Boost (August Wittgenstein) und setzt alles daran, die perfekte Frau für ihren Ehemann zu sein. Allerdings stellt sich im Laufe der Handlung heraus, dass Wolfgang homosexuell veranlagt ist – was aber Helga nicht daran hindert, die Fassade aufrecht zu halten. Eva (Emilia Schüle), die Jüngste, arbeitet als Pflegerin in einer Nervenheilanstalt in Berlin-Dahlem. Angestachelt von ihrer Mutter verfolgt sie den ehrgeizigen Plan, ihren Chef Professor Jürgen Fassbender (Heino Ferch) trotz des Altersunterschieds zu heiraten. Das ursprüngliche Ziel gerät jedoch in den Hintergrund, als sie sich plötzlich in einen (verheirateten) Ost-Berliner Fußballspieler verliebt.

Die meiste Bildschirmzeit gehört jedoch der mittleren Schwester Monika (Sonja Gerhardt), aus deren Perspektive der Zuschauer die Ereignisse in der Miniserie sieht. Die Handlung beginnt denn auch mit Monikas Rückkehr nach Berlin, nachdem sie aus einer Hauswirtschaftsschule wegen „unzüchtigen Verhaltens“ verwiesen wurde. Für Caterina ist Monika das schwarze Schaf der Familie. Sie besitzt allerdings ein großes Tanztalent, weshalb sie nach ihrer Rückkehr in der Tanzschule unterrichten darf. Als sie Musiker Freddy Donath (Trystan Pütter) und den Rock ?n? Roll kennenlernt, entdeckt sie eine neue Welt. Ihre Mutter sähe sie allerdings lieber an der Seite des Industriellensohns Joachim Franck (Sabin Tambrea), zu dem Monika ein ambivalentes Verhältnis hat: Nachdem Joachim sie vergewaltigt hatte, entwickelte sich jedoch zwischen den beiden im weiteren Verlauf eine gewisse Nähe.

Das Klischee von der frühen Brüchigkeit der Werte

Auch wenn in „Ku'damm 56“ der Neubeginn nach dem Krieg und der Gegensatz zwischen West- und Ostberlin eine Rolle spielen, bleibt das Hauptthema des Dreiteilers die Rolle der Frau in den fünfziger Jahren. Auf die Frage nach der Inspiration für ihre Figuren antwortet Drehbuchautorin Annette Hess: „Die Erzählungen meiner Eltern über diese Zeit. Immer wieder tauchte der Name einer unmöglichen Monika auf. Sie war nicht anständig, poussierte mit Jungs, trug Petticoats und las Romane! Eine Helga gab es auch, eine Freundin meiner Mutter, gutmütig, anständig, bemüht, allen Erwartungen gerecht zu werden. Auch Vorbilder für die berechnende Eva, die ,auf dem Standesamt promovieren‘ will – wie das damals hieß – kamen in vielen Erzählungen vor. Aber am meisten interessierte mich diese Monika, denn der Umgang mit ihr war verboten. Sie war also gefährlich.“ Die Drehbuchautorin wollte „von den jungen Frauen erzählen, von denen, die es doppelt schwer hatten, ein eigenständiges Leben zu leben. Denn die Frauen der 50er Jahre kämpften nicht nur mit der bigotten Moral jener Zeit, sondern darüber hinaus mit einem biederen, festsitzenden und fatalen Rollenverständnis: ,Kinder werden Leute, Mädchen werden Bräute.‘ Zudem waren die allermeisten Frauen sexuell ahnungslos und entsprechend gehemmt.“ Deshalb – so die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ – sei „Ku'damm 56“ im Grunde „weniger eine bundesrepublikanische Nachkriegssaga als vielmehr Annette Hess' ganz persönlicher Familienroman“. Nicht nur Caterina Schöllack, sondern überhaupt die gesamte Gesellschaft der fünfziger Jahre wird in „Ku'damm 56“ als scheinheilig dargestellt.

Stehen die Frauenfiguren eindeutig im Vordergrund von „Ku'damm 56“, so sind die männlichen Charaktere nicht minder aufschlussreich. Der vermisste Gerd Schöllack taucht im Laufe der Handlung wieder auf. Im Jahre 1956 lebt er mit neuer Familie – Frau und Kind – in Ost-Berlin, wo er sich dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft verschrieben hat. Der Mehrteiler setzt den Unterschied zwischen dem bürgerlichen Westen mit aufkommendem Wohlstand und dem proletarischen Osten mit den heruntergekommenen Häusern und Straßenzeilen plakativ ins Bild. Fritz Assmann, der Hausfreund und Geliebter von Caterina Schöllack, stellt sich als alter Nazi heraus, der dank seiner hohen Stellung in der Nazizeit die Tanzschule den eigentlichen Eigentümern, der jüdischen Familie Crohn, enteignet hatte. Die Geschichte der Tanzschule, ja die ganze Familiengeschichte der Schöllacks, so wie Caterinas Töchter sie kannten, ist auf einer Lebenslüge und dem Blut einer anderen Familie aufgebaut. Ob dies auch für die gesamte Adenauer-Ära gilt, ist die Frage, die damit suggeriert wird.

Das behauptete Fortleben von Nazi-Seilschaften in den fünfziger Jahren wird in der Figur des Industriellen Otto Franck (Markus Boysen) verdichtet: Franck machte Waffengeschäfte mit den Nazis, nun verkauft er seine Waffen nach Asien. Die schwierige Beziehung Joachims zu seinem Vater Otto Franck wird darüber hinaus als eine Vorwegnahme der 68er Generation gezeichnet. In „Ku'damm 56“ erscheint die jüngere Generation als ein Vorgriff auf die Rebellion, die ein Dutzend Jahre später allgegenwärtig sein wird: Monika kämpft für eine Gleichberechtigung, die in ihren Augen insbesondere in sexueller Selbstbestimmung besteht, Freddy für ein neues Lebensgefühl, das sich vor allem in den „fragwürdigen Kreisen“ um den Rock 'n' Roll abspielt. Joachim bewegt sich wiederum auf der Suche nach einem Lebensentwurf, der ihn möglichst weit weg vom dominierenden Vater führt.

In „Ku'damm 56“ werden aus heutiger Sicht die 1950er Jahre – oder allgemeiner die Adenauer-Ära – nicht als „heile Welt“ angesehen. Ober besser: Dieser Zeit wird vorgeworfen, eine scheinheile oder -heilige Fassade aufgebaut zu haben. Hinter der oberflächlichen Betulichkeit hätten aber die Moral- und Wertevorstellungen bereits Risse gezeigt. Denn solche Vorstellungen seien lediglich nach außen gewahrt geblieben. Hinter der Fassade sei bereits eine (insbesondere sexuelle) Befreiung in Gang gewesen, weswegen sich dieses Jahrzehnt durch Heuchelei ausgezeichnet habe. Dies mag für einen Teil der Gesellschaft zutreffen. Dies aber als Merkmal der deutschen Gesellschaft in den 1950er Jahren darzustellen, scheint eher die heutige Sicht der Autoren von „Ku'damm 56“ abzubilden als die historische Realität. Darüber hinaus scheinen die Autoren das politisch unkorrekte Diktum von Nicolás G. Dávila nicht zu kennen: „Der Niedergang einer Kultur zeigt sich im Niedergang der Heuchelei.“ Denn nur eine auf Moralvorstellungen aufgebaute Gesellschaft kann sie auch vorheucheln.

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