Die Dichterin der Barmherzigkeit

Am Ende dieses „Jahres der Barmherzigkeit“ sei Gertrud von le Forts 140. Geburtstag gemeinsam mit ihrem 45. Todestag und dem 90. Jahrestag ihrer Konversion der Anlass, einen Knotenpunkt ihres Schreibens in den Blick zu nehmen: die Misericordia. Von Gudrun Trausmuth
Foto: IN | Am 1. November 1971 starb die Schriftstellerin Gertrud von le Fort.
Foto: IN | Am 1. November 1971 starb die Schriftstellerin Gertrud von le Fort.

Die erzählte Barmherzigkeit in den Texten le Forts ist durch eine zweifache Bewegung gekennzeichnet: Sie betrifft den, dem sie zukommt und – vielleicht sogar vor allem – den, der sie übt. Die Barmherzigkeit bei le Fort transzendiert, verwandelt, hebt die Individualität, in ihrer negativen Bedeutung der Vereinzelung, auf. In einer unbegrenzten Zuwendung geschieht innerster Kontakt zwischen zwei Menschen, welcher bei le Fort zumeist mit dem Berühren einer Wunde (dessen, der Barmherzigkeit übt) verbunden ist: Der Mann von Anna Elisabeth („Die Verfemte“, 1953) wurde im Schwedenkrieg getötet, nun rettet die junge Witwe einen schwedischen Soldaten vor der Ermordung durch ihre Landsleute. Nicht nur hier verwirft die erzählte Misericordia le Forts die naheliegende, menschlich gesehen gerechte oder zumindest zu rechtfertigende Möglichkeit; zugleich ereignet sich, wie auch in anderen Erzählungen, als Folge und gleichsam reflexive Wirkung barmherzigen Handelns, eine Heilung: die schwangere Anna Elisabeth in der Erzählung „Die Verfemte“ wird durch ihr rettendes Agieren am Feind verwandelt, aus der Verdüsterung herausgerissen und zu neuer Hoffnung geboren.

Zugleich erweist sich der Akt der Barmherzigkeit in seinen Folgen als Keim und Ausgangspunkt jener komplexen semantischen Technik der Autorin, die als „doppeltes Erzählen“ bezeichnet sei. Diese Erzähltechnik bezieht sich auf die Bedeutungs- und Deutungsebene des betreffenden Textes und hängt ganz unmittelbar mit der christlichen Dimension der Werke le Forts zusammen. Gerade das Üben der Misericordia nämlich ist bei le Fort ganz konsequent das, was ihre Protagonisten äußerlich, im Hinblick auf den weiteren Verlauf ihres Schicksals, dramatisch scheitern lässt: Anna Elisabeth, die dem jungen Landesfeind gegenüber barmherzig ist, wird aus der Familie ausgestoßen. Anne de Vitré, („Das Gericht des Meeres“, 1943) bezahlt die Schonung des fremden kleinen Prinzen mit dem Tod, der Prinz von Beauvau („Der Turm der Beständigkeit“, 1957), der die protestantischen Gefangenen des Turmes von Aigues-Mortes ohne königliche Vollmacht entlassen hat, erfährt den Einbruch seiner Karriere und muss selbst in Gefangenschaft.

Was also den Barmherzigen in le Forts erzählter Welt widerfährt, ist in den Augen der Welt ein entsetzliches Schicksal, bedeutet Scheitern und Vernichtung. Mehr noch, in der Wahrnehmung derer, die natürlicherweise dem betreffenden Protagonisten zur Seite gestellt sind (Familie, Landsleute, Glaubensbrüder), präsentiert sich das Vollbrachte als unsinnig, unverständlich, ja sogar als schuldhaft oder als Verrat. Diese negative Wahrnehmung führt – wie in „Die Verfemte“ – dazu, dass sogar das Andenken an den betreffenden „Barmherzigen“ beschädigt und belastet ist. Und doch, das, was le Fort auf einer tieferen semantischen Ebene, als innere Wirkung der Barmherzigkeit erzählt, zieht den Protagonisten (und in der Folge auch die Leser) ins Zentrum der christlichen Botschaft. Denn die erzählte Barmherzigkeit le Forts in ihrer – bis zu Vernichtung und Tod gehenden – Hingabe für einen anderen Menschen, stellt ihre Protagonisten ja gleichsam unmittelbar unter das Kreuz, an die Seite und in die Nachfolge Christi.

Die Passionsnovelle „Die Frau des Pilatus“ (1955) verdichtet jenes Moment der Veränderung der Perspektive, das erst das barmherzige Handeln möglich macht: Es ist ein Blick des Erbarmens, ungeschuldet, aus reiner Liebe, vorgebildet durch den, der „die Liebe“ ist: „…die Legionäre legten eben Hand an den Verurteilten, der vor ihm stand. Er war mit den Fetzen eines roten Soldatenmantels bekleidet und trug ein Geflecht von Dornen um das blutende Haupt. Aber das eigentlich Erschütternde seines Anblicks war, dass dieser Erbarmungswürdige aussah, als ob er mit der ganzen Welt Erbarmen habe, sogar mit dem Prokurator, seinem Richter – ja, sogar mit ihm! Dieses Erbarmen verschlang das ganze Antlitz des Verurteilten – und wenn mein Leben davon abhinge, ich vermöchte nicht das Geringste davon auszusagen als eben, dass es diesen Ausdruck eines unbegrenzten, geradezu unfasslichen Erbarmens trug …“.

Das Erbarmen Christi ist bei le Fort die unmittelbare Motivation der menschlichen Misericordia. In der Übernahme des Blickes Christi auf den Nächsten ist die Barmherzigkeit ihrer Protagonisten im Tiefsten begründet. Wenn die Sklavin Praxedis, die den Bericht über das Geschehen rund um Claudia Procula gibt, schreibt „…Auch mich hatte der Blick des Gekreuzigten getroffen“, bezeichnet dies die Möglichkeit der christusorientierten Perspektive, was hier, wie in anderen Texten le Forts, oft auch identisch ist mit einer Nachfolge im Sinne einer Kreuzesnachfolge: Claudia Procula nimmt ihren Märtyrertod im Kolosseum bewusst und als Sühne für ihren Mann auf sich und sieht diese Möglichkeit unmittelbar als Ausdruck des Erbarmens Christi: „dem Erbarmen Christi kann niemand entrinnen“, schreibt die Frau des Pilatus in ihrem letzten Brief aus dem Kolosseum. „Die Frau des Pilatus“ stellt in diesem Sinne eine Art Genotypus in Bezug auf den zentralen Textbaustein der Misericordia dar. Diese Erzählung enthält jenen Wesenskern, der den unterschiedlichen Varianten (Phänotypen) erzählter Misericordia jeweils zugrundeliegt und sie begründet. Der Bezugspunkt und tragende Grund jeder Misericordia durch Menschen ist bei le Fort das Erbarmen Christi, das Erbarmen Gottes den Menschen gegenüber, wenn auch dieser letztgründende Zusammenhang nicht in allen Texten explizit hergestellt wird,

Einen Sonderfall in Bezug auf das Textelement der Misericordia stellt die sich in historischem Rückgriff mit der aktuellen Tyrannis auseinandersetzende Erzählung „Die Consolata“ (1947) dar. „Die Consolata“ bezeichnet eine betende Bruderschaft, die es sich – unter der Tyrannei des Ansedio – zur Aufgabe gemacht hat, durch Verkündigung der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit des Herrn den Leidenden Trost zu bringen. Dieses Charisma der Bruderschaft erfährt auch der päpstliche Legat Filippo Fontana, als er angesichts des Anblicks seines völlig zerstörten elterlichen Palais einer heftigen Anfechtung ausgesetzt ist. Bereits zuvor musste der Legat erkennen, dass die Stadt Padua die Bedingung für die Aufhebung des Interdikts, nämlich die Beseitigung des Tyrannen, noch nicht vollbracht hatte. Auf die Frage, ob denn selbst der Tyrann die Consolata habe gewähren lassen, taucht eine Prophezeiung auf, wonach Ansedio, „der Unbarmherzige, noch einmal an der Barmherzigkeit zerschellen werde“. Diese Prophezeiung erfüllend, präsentiert sich die Misericordia wiederum als jenes Textelement, das eine unglaubliche Wendung der Dinge herbeiführt, welches den Tyrannen, der sich unmittelbar zuvor noch als „unüberwindlich“, „unendlich“ und „unsterblich“ gerühmt hatte, niederringt: Unbeeindruckt von seinen Verwerfungen, setzt die Consolata nach ihrem Auftreten vor dem Tyrannen mit ihrem psalmodierenden Gebet ein, dann folgt eine Rede des Vorstehers an Ansedio, ein mächtiges Sprachhandeln: Der eben noch in „gottähnlicher Gelassenheit“ dastehende Ansedio wird als arm, elend und erbarmungswürdig ohnegleichen angesprochen, „denn niemand war so schuldbeladen wie du“.

Diese radikale, fast abrupte Perspektivenänderung ist ein typisches Erzählelement le Forts: Der Gewaltherrscher, vor dem alle Angst haben, der selbst nach einer Niederlage unangreifbar bleibt, auch er, wird mit dem Blick des Erbarmens umfasst. Vermittelt wird die plötzliche Veränderung aus dem Blickwinkel des päpstlichen Legaten, der sich in der gewaltsamen, manipulativen Strahlkraft des Legaten dem Untergang geweiht fühlt und nun, nach dem Psalmodieren der Consolata, die Veränderung wahrnimmt:

„… – dieser Vermessene war ja plötzlich gar nicht mehr vorhanden, sondern vorhanden war der, den die Consolata angesprochen hatte, vorhanden war eine armselige Kreatur, die wie alle andern sterben und verderben kann, ein zum Tode Verurteilter, der inne geworden ist, dass er nichts mehr bedeutet als einen Gegenstand des letzten Erbarmens. Der Legat sah, wie der eben noch in seiner gottähnlichen Gelassenheit Dastehende zu zittern begann, einem Baum gleich, dem man die Axt an die Wurzel gelegt hat – ein lautloser Sturz schien stattzufinden, ein ungeheurer Spuk war ganz einfach zu Ende.“ Die Veränderung oder die Wahrnehmung der Veränderung durch den Blick der Misericordia passiert von einem Satz auf den anderen: als werde der täuschende Nebel weggewischt, als trete die Wolke plötzlich von der Sonne weg und alles erscheine im „rechten Licht“: Die Dinge, die Menschen und ihre Macht und Ohnmacht werden gleichsam an der Misericordia neu aufgestellt, neu relationiert, werden unter der letzten Perspektive des göttlichen Blickes an den ihnen realiter zukommenden Platz gestellt.

Ein Diktum Nietzsches verwendend, könnte man in Bezug auf diese wiederkehrende Bewegung der erzählten Welt le Forts von einer völligen „Umwertung der Werte“ sprechen, kühn und unvermittelt. Aus einem semantischen Gegeneinanderstellen und Gegeneinanderschichten von Begriffen schält le Fort hier ihre Logik der Misericordia heraus. Rhetorisch bewältigt nur der radikale Gegensatz das revolutionäre narrative Geschehen: „Und dennoch fasse dir ein Herz zu sterben, armer Bruder Ansedio! Gott hat viele deiner Untaten in Segen verwandelt (…) Du hast, ohne es zu wollen, viele Herzen geläutert. Unzählige haben an deiner Ungerechtigkeit erst die Gerechtigkeit lieben gelernt. Unzählige sind an deiner Unbarmherzigkeit barmherzig geworden.“ Diese Technik bringt nicht nur schwierig zu Fassendes in einem Gegensatzpaar höchst dramatisch ins Wort, sondern deutet zugleich eine Perspektive des Absoluten an, wenn die Gegenpole des semantischen Spektrums in ihrem Zusammengespannt-Werden Sinn hervorbringen.

Die Misericordia zeigt sich nicht nur als wirkmächtiges Textelement, sondern auch inhaltlich als Vollmacht – in le Forts erzählter Welt kann man auch „an der Barmherzigkeit zerschellen“. Tatsächlich präsentiert sich die erzählte Barmherzigkeit hier fernab jeder Schwäche und Weichheit, vielmehr tritt sie mit Kühnheit und Vitalität auf, ist jenes Element, an dem gleichsam der Bogen des Textes gespannt wird.

Thomas von Aquin schreibt über das Erbarmen „Denn es gehört zum Erbarmen, dass es sich auf die anderen ergießt und – was mehr ist – der Schwäche der anderen aufhilft“ – dieser Ausdruck sei bei le Fort nicht nur im Sinne der „Überwindung der Schwäche“ verstanden, sondern auch im Sinne eines „Aufstehens und Aufscheinens der Schwäche“, das insofern heilsam und rettend wirkt, als es die Mächtigen und Gewalttätigen wieder in jene Erbarmungswürdigkeit einreiht, die jedem Menschen eigen ist.

Misericordia bei Gertrud von le Fort hat zu tun mit einem Moment der inneren Nonkonformität, des bedingungslosen Zugewendetseins, der Compassion jenseits aller Parteiungen und jenseits jeder Konvention. Es findet gleichsam eine völlige innere Entkoppelung von Bindendem, Verpflichtendem statt, aufgrund einer höheren Bindung („religio“ heißt ja Bindung). In der Misericordia zeigt sich eine letzte innere Freiheit der Protagonisten, als unverfügbares Licht, gründend in der Liebe Gottes. Zugleich stellt die Barmherzigkeit bei le Fort so etwas wie eine Deutungsscheide dar: für die Menschen ihrer erzählten Welt erschließt sie sich nur, wenn sie – getroffen vom Blick des Erbarmens Gottes – ihrerseits „Kinder des Erbarmens“ (vgl. „Der Turm der Beständigkeit“) geworden sind. Ist dieser innere Schritt getan, wird das Kreuz, bei le Fort unabdingbare Folge der Barmherzigkeit, zur Sinngestalt, wird es transparent auf die Ewigkeit hin, leuchtet auf als blühender Baum des Lebens.

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