Seuchenbekämpfung

Burkhard Spinnen: Die Corona-Krise bewältigen

Seuchen gab es immer: Der Schriftsteller Burkhard Spinnen arbeitet an einem „Emblembuch der abgewünschten Dinge“.
Schriftsteller Burkhard Spinnen
Foto: Oliver Berg (dpa) | Corona drängt sich auch in die Literatur: Burkhard Spinnen erlebt es bei seinem neuen Roman.

Die Corona-Pandemie, erklärt Burkhard Spinnen, habe ihn in gewissem Sinne überhaupt nicht überrascht. Oft werde nämlich vergessen, dass das Leben unserer Großeltern noch durch viele nationale und globale Katastrophen, Bedrohungen und Einschränkungen vielfältiger Art gekennzeichnet gewesen sei. Auch habe zum Beispiel die Spanische Grippe vor 100 Jahren Millionen von Menschen in Europa das Leben gekostet, was im Laufe der Zeit aber aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sei. „Wie können wir vor diesem Hintergrund ernsthaft annehmen, dass wir zu unseren Lebzeiten von allem verschont bleiben könnten?“, fragt der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller.

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Die heute übliche weltweite Mobilität habe der Pandemie Tür und Tor geöffnet. „Das ist ganz einfach das nächste Stadium in der Geschichte der Menschheit mit Seuchen.“ Die kollektiven Ängste vor ansteckenden Krankheiten, die wie eine Geißel Gottes über die Menschheit kommen, äußern sich seiner Ansicht nach in Zombie-Filmen wie der Serie „The Walking Dead“ oder dem Streifen „Contagion“ von Steven Soderbergh, die Spinnen schon vor Corona-Zeiten angeschaut hat und die er als kulturelle Metaphern für diese tief sitzenden (und höchst berechtigten) gesellschaftlichen Ängste interpretiert.

Der Fall ins schwarze Loch

Von den äußeren Abläufen her hat sich für den gebürtigen Rheinländer, der im westfälischen Münster wohnt, allerdings durch Corona nicht viel geändert. „Ich war und bin wie sonst auch tagelang zu Hause und schreibe, unternehme Spaziergänge mit unseren beiden Hunden und mache punktuelle Besorgungen.“ Schon früh, betont der renommierte Autor, habe er Mundschutz getragen, obwohl das „ein Affront gegen unsere Kommunikationsgrundlagen“ sei, aber in einer über-popularisierten Welt sei es vernünftig, sich gegenseitig auf diese Art und Weise zu schützen. Zwar konnte Spinnen seine Schreibtätigkeit während der Pandemie weitgehend wie gewohnt fortsetzen, ist aber nach eigenem Bekunden dennoch „in ein schwarzes Loch“ gefallen. „Schauspieler und Sänger haben einen noch wesentlich engeren Bezug zum Publikum als ich, aber wenn keine Lesungen, keine Moderationen und kaum Radio-Beiträge möglich sind, weil die meisten Sender Konserven oder eigene Beiträge bringen, macht das sehr viel aus“, betont er. „Begegnungen mit anderen Menschen haben eben auch immer Einfluss auf die ganze Autoren-Tätigkeit.“ So sei etwa die Lesung vor einer Schulklasse, die insgesamt etwa anderthalb Tage Arbeit in Anspruch nehme, gleichbedeutend mit dem Eintauchen in eine andere Welt.

Kommt Spinnen in einem guten Jahr auf bis zu 50 Lesungen, so konnte im Jahr 2020 gerade einmal eine im Rahmen der „Freien Gartenakademie Münster“ stattfinden. Nur ein einziger Vortrag – Spinnen spricht sonst häufiger als Nicht-Fachmann vor Experten-Konferenzen – kam 2020 zustande. Eine lange Liste der mit ihm geplanten, aber abgesagten Veranstaltungen hat der Autor sich bisher noch nicht gezielt zum Nachholen vorgenommen, weil er große Zweifel hat, ob es jetzt schon sinnvoll ist, Pläne für den Herbst zu schmieden, der möglicherweise eine neue Corona-Welle mit sich bringen könnte. Die Kultur, so seine Überzeugung, habe sich in der Krise genug zu Wort gemeldet, „und wenn es eine ganze Volkswirtschaft zu retten gilt, gibt es andere Größen, die eine Rolle spielen, als unseren Bereich“, urteilt er realistisch. „In anderen Branchen geht es um Milliardenumsätze und damit um das ganze System.“ Die Wirtschaft befinde sich derzeit noch in einem Dornröschenschlaf und werde noch Jahre brauchen, um sich völlig von der Krise zu erholen. Er selbst habe dramatische finanzielle Einbußen erlitten, aber auch früh eine Förderung durch die NRW-Kulturstiftung erhalten.

Immer dann, wenn der Wandel („Change“)
durch die Krise beschworen werde,
sei allerdings auch viel Augenwischerei im Spiel

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Inhaltlich hat das Thema „Corona“ sich in den neuen Roman, an dem Burkhard Spinnen gerade arbeitet, „hineingedrängt“, wie er es selbst formuliert. Der wegen seiner brillanten und zugleich präzisen Sprache von Kritikern wie Publikum geschätzte Schriftsteller verfasst darüber hinaus seit Monaten „Corona-Briefe“, die er allwöchentlich auf seine Internetseite stellt, welche ebenfalls ein Produkt der Pandemie-Zeit ist. In diesen „Corona-Briefen“ greift er auf tiefschürfende, originelle und sehr kreative Weise unterschiedlichste Aspekte der Krise auf. Darüber hinaus hat Spinnen zusammen mit der Künstlerin Anastasiya Nesterova ein Kunst- und Literaturprojekt gestartet, das von der Kunststiftung NRW gefördert wird. Bei Mini-Demos auf dem Wochenmarkt und anderswo haben der Schriftsteller und die Künstlerin die Münsteraner danach befragt, worauf man nach der Corona-Pandemie verzichten, was „weg“ kann – vom Wegwerfkuli bis zur Winkekatze, von der Null bis zur Unendlichkeit, von den Atomkraftwerken bis zur Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen. Die eingereichten Vorschläge werden von beiden regelmäßig dienstags gesichtet und gewichtet. Dadurch soll eine repräsentative Auswahl oder Hitparade der Dinge entstehen, deren Verschwinden erwünscht ist. Im zweiten Teil des Projekts geht es in diesen Wochen um die Gestaltung eines „Emblembuchs der abgewünschten Dinge“. Künstlerin Nesterova wird in der Tradition der barocken Emblembücher „Denkbilder“ schaffen, und Burkhard Spinnen verfasst dazu verrätselnde, erhellende, vertiefende und auf jeden Fall anregende Texte.

Steckt in der Krise auch eine Chance? Diesen Allgemeinplatz kann Spinnen nicht mehr hören. „Eine Krise ist zunächst und vor allem medizinisch betrachtet eine Krise“, stellt er mit Nachdruck klar. „Das Wichtigste ist nicht, dass man daraus lernt, sondern dass man sie bewältigt.“ Falls als Ergebnis der Pandemie ein neues deutsches oder europäisches Krisenzentrum gegründet werden sollte, das an den Gefahren einer möglichen folgenden Pandemie orientiert sei, dann würde er das begrüßen. Immer dann, wenn der Wandel („Change“) durch die Krise beschworen werde, sei allerdings auch viel Augenwischerei im Spiel und die Opfer, die mit dem Wandel verbunden seien, würden zu schnell vergessen. Um menschlicher und globaler zu handeln, etwa im Hinblick auf neue Formen des Verkehrs und der Mobilität, brauche man grundsätzlich keine Pandemie.

Ein Zeichen der Verbundenheit von Mensch und Natur

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Angst vor einer Ansteckung hat Spinnen selbst nicht: Da er keine Vorerkrankungen habe, sei sein Risiko eher gering, erklärt er, und am Vortag des Gesprächs ist er zum zweiten Mal geimpft worden. Große Sorgen aber hat er sich um einen seiner beiden Söhne gemacht, der schwer an Covid-19 erkrankt war. Geradezu fassungslos ist er angesichts der Impfverweigerer, vor allem unter dem Krankenhauspersonal. Hat die Corona-Krise seinen Glauben verändert? Spinnen, der als Katholik sozialisiert worden ist, weiß die Würde und Bedeutung der Schöpfung sehr zu schätzen. „Dass alles so ist, wie es ist, so komplex und dem menschlichen Verstand immer noch weitgehend entzogen, das sollte uns demütig machen“, hebt er hervor. Die Pandemie intensiviere womöglich das Nachdenken über die „Elementargefährdung“ der Schöpfung. „Sie zu zerstören, kann keine Option sein.“ Noch nie habe er das Aufblühen der Natur im Frühjahr so stark wahrgenommen wie in diesem Jahr, nämlich als ein Zeichen der Verbundenheit von Mensch und Natur.

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