Die Aufstände der arabischen Welt im Film

Das Ringen unterdrückter Völker für ein menschenwürdiges Dasein wird ab kommender Woche auf den Leinwänden der Berlinale gezeigt. Von Max-Peter Heyne
Foto: Berlinale | Szene aus dem Film „The Devil's Double“ (Belgien) über die Diktatur im Irak.
Foto: Berlinale | Szene aus dem Film „The Devil's Double“ (Belgien) über die Diktatur im Irak.

Die Fernsehbilder der demonstrierenden Massen, die in Ägypten und anderen arabischen Ländern für mehr Demokratie ihr Leben riskieren, wird auch der Direktor der Berliner Filmfestspiele, Dieter Kosslick, trotz des Vorbereitungsendspurts für das nächsten Donnerstag startende Festival aufmerksam verfolgen. Auch als staatlicherseits berufener Filmförderer und Festivaldirektor betonte Kosslick (62) stets seine Sozialisierung in der antibürgerlichen Protestbewegung der späten sechziger Jahre und die Legitimität der damaligen politischen Gleichheitsideale.

In seinen nunmehr schon zehn Amtsjahren als Berlinale-Direktor hat der Schwabe Kosslick durch die Auswahl der Filme, aber auch durch zahlreiche Sonderveranstaltungen zu politischen Themen und durch persönliche Äußerungen immer wieder versucht, die Welt des schönen Scheins zur Verbesserung der realen Verhältnisse einzuspannen. Schon die Eröffnungszeremonie wird Kosslick dafür ein Forum bieten – vorausgesetzt, die Ereignisse in den arabischen Ländern spitzen sich nicht noch weiter zu, was auch bei der Berlinale auf Kosten der medialen Aufmerksamkeit ginge. Doch auch dann wäre ein überraschendes Auftauchen des iranischen Regisseurs Jafar Pahani eine kleine Sensation. Nur wenige Tage nachdem der im Ausland hochgeschätzte Pahani in die siebenköpfige, internationale Jury berufen wurde, verurteilte ihn das Mullah-Regime wegen angeblich staatsfeindlicher künstlerischer Pläne zu sechs Jahren Gefängnis und 20 Jahren Berufsverbot. Ob Pahani für die Dauer der Berlinale ausreisen darf, ist trotz aller internationalen Proteste allerdings unwahrscheinlich. So oder so: Die Berlinale zeigt aus Solidarität in allen Sektionen Pahanis Filme, darunter gleich am Freitag den bei der Berlinale 2006 mit einem Regie-Bären preisgekrönten „Offside“, der anstelle einer der üblichen Galavorstellungen im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz noch einmal aufgeführt wird. Eine gute Gelegenheit für die versammelte Filmwelt, den iranischen Machthabern noch einmal unmissverständlich die Meinung zu sagen – pikanterweise am Jahrestag der iranischen Revolution.

„Ein tiefer Einblick in die iranische Gesellschaft“

Pahanis älterer Kollege Asghar Farhadi steht bislang nicht unter Kuratel und darf am 15. Februar im Wettbewerb seinen neuen Film „Nader und Simin – eine Trennung“ vorstellen, der laut Kosslick „einen tiefen Einblick in die iranische Gesellschaft erlaubt“. Ob und was Farhadi zu den arabischen Freiheitsbewegungen sagt, die im Iran im letzten Sommer so grausig gescheitert ist, wird mindestens so interessant sein wie sein Film, der immerhin die staatliche Zensur passiert hat. Dass unter den insgesamt 385 Filmen, die in acht Sektionen des Festivals präsentiert werden, auch in diesem Jahr ansonsten so gut wie keine Filme aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum dabei sind, unterstreicht die Notwendigkeit auch wirtschaftlicher und kulturpolitischer Reformen in diesen Regionen. Denn zu erzählen gibt es eine Menge, was freilich nicht immer angenehm ist und daher meist ohne offizielle Genehmigung und mithilfe ausländischen Geldes geschieht.

In der Sektion Forum, die unkonventionellen und unkommerziellen Werken vorbehalten ist, läuft etwa die belgisch-französische Dokumentation „Territoire perdú“ (Verlorenes Land), in dem Pierre-Yves Vandeweerd an die desolate Situation der Minderheit der Sahauris in der vom nördlichen Marokko abgespaltenen Provinz der Südsahara erinnert. Wenn man die grobkörnigen schwarz-weiß-Bilder der kargen Wüstenregion sieht, fragt man sich unwillkürlich, warum die hochgerüstete Armee von König Mohammed VI., die Marokko nun auch schon über zwanzig Jahre autoritär regiert, es für nötig erachtet, unter den renitenten Nomaden Angst und Schrecken zu verbreiten. Doch selbst der Griff nach fruchtlosen Wüsten, so lernt der Zuschauer, kann ein Anlass für gravierende Menschenrechtsverletzungen sein. Leider ist auch der Film prätentiös auf puristisch und karg getrimmt, was dem Interesse an den Interviews mit den Betroffenen eines von der Weltöffentlichkeit gänzlich ignorierten Konfliktes nicht eben zuträglich ist.

Dass unhaltbare politische Zustände durchaus als Folie für einen spannenden Unterhaltungsfilm dienen können, demonstriert sehr überzeugend einer der besten Filme, der in der umfangreichen Sektion Panorama zu sehen ist: In „Tambien la Lluvia“ (Auch der Regen), eine mexikanisch-spanische Koproduktion, gerät ein spanisches Filmteam in Bolivien während der Dreharbeiten zu einer Neuverfilmung der Christoph-Columbus-Biografie in eine anschwellende Protestbewegung der verarmten Indio-Bevölkerung gegen die Privatisierung der Wasserversorgung. Einige der indigenen Aktivisten sind aber auch Komparsen des Films, den der Regisseur (gespielt von Mexikos Star Gael Garcia Bernal) weniger an Columbus, sondern am Dominikanermönch Bartolomé de Las Casas (1484–1566) festmachen will, der als Kritiker der Gewalt der Eroberer und Fürsprecher der Indio-Rechte berühmt wurde.

Die koloniale Vergangenheit Südamerikas verfilmt

Zuerst können sich die Filmleute noch um ihre Verantwortung für ihre Komparsen – und ihr schlechtes Gewissen – herummogeln.

Doch als die (fiktiven, aber glaubhaft inszenierten) bolivianischen Proteste wie jetzt in Ägypten immer größer werden und das Team schon in den Autos sitzt, die sie zum Flughafen bringen sollen, sind Produzent und Regisseur des Films im Film schließlich gezwungen, Farbe zu bekennen. Der spanische Regisseur Iciar Bollain verknüpft die zwei Erzählstränge ebenso intelligent wie elegant – und damit auch koloniale Vergangenheit und sozialpolitische Gegenwart Südamerikas.

Im Pinochet-Regime Aufseher in einer Folterzentrale

Aus Belgien stammt eine Abrechnung mit einer der schlimmsten Diktaturen des arabischen Raums: „The Devil's Double“ (Das Double des Teufels) basiert auf realen Erlebnissen des Irakers Latif Yahia, der während der Herrschaft Saddam Husseins zum Doppelgänger von dessen missratenen Sohnes Udai umgewandelt wurde. Leider erweist sich Regisseur Lee Tamahori („James Bond – Stirb an einem anderen Tag“) als einfallsloser Routinier, der die abstoßenden Schandtaten des Diktatorensohnes nur mehr naturalistisch und mithilfe recht grober Effekte in Szene zu setzen weiß. Das geht auf Kosten von Authentizität und Atmosphäre; nötig gewesen wäre eine Verfremdung der haarsträubenden Geschichte mit filmischen Mitteln.

Ein leiseres und umso eindringlicheres Werk ist wiederum im Forum zu sehen: „El Mocito“ (Der Diener) ist das Porträt eines Chilenen, der schon mit 16 Jahren vom Geheimdienst des Pinochet-Regimes angeheuert wurde und Aufseher in einem Folterzentrum wurde. Heute stellt er sich der demokratischen Justiz als Kronzeuge zur Verfügung, was ihm neben seinem Glauben Halt gibt, und schlägt sich ansonsten mittelos durchs Leben. Der Film erinnert an die erschreckend durchorganisierte Barbarei der chilenischen Militärdiktatur – selbst Schwangere und Greise wurde zu Tode gequält –, und die soziale Vergiftung der zivilen Gesellschaft, die damit einhergeht. Ein Berlinale-Beitrag, der den Schlägern und Unterdrückern in Ägypten und anderswo zur Mahnung gereichen sollte.

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