Die Angst, die einen hat

Besonders in kommunistischen und islamistischen Ländern werden Schriftsteller und Künstler schikaniert und verfolgt: Über eine Veranstaltung des Internationalen Literaturfestivals Berlin und des ARD-Magazins „ttt“. Von José García
Foto: dpa | Die Schriftstellerin und Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller spricht mit dem chinesischen Autor Liao Yiwu in Berlin vor Beginn einer Pressekonferenz mit dem Motto „Künstler in Gefahr“ im Rahmen des ...
Foto: dpa | Die Schriftstellerin und Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller spricht mit dem chinesischen Autor Liao Yiwu in Berlin vor Beginn einer Pressekonferenz mit dem Motto „Künstler in Gefahr“ im Rahmen des ...

Am 20. März hatte das „internationale literaturfestival Berlin (ilb)“ zu einer Solidaritätsaktion für den inhaftierten chinesischen Autor und Friedensnobelpreisträger des Jahres 2010 Liu Xiaobo in Form weltweiter Lesungen seiner Werke aufgerufen. Laut Ulrich Schreiber, Leiter des 12. Internationalen Literaturfestivals Berlin, fanden denn auch 162 Lesungen in 41 Ländern statt. Die ARD hatte diesen Tag außerdem zum Anlass genommen, bei einer Pressekonferenz die siebenteilige Reihe „Verfolgt! – Künstler in Gefahr“ ihres Kulturmagazins „ttt – titel thesen temperamente“ vorzustellen. An der Pressekonferenz nahmen außer Ulrich Schreiber und Dirk Sager, Vorstandsmitglied des P.E.N.-Zentrums, auch die Literaturnobelpreisträgerin 2009 Herta Müller und der ebenfalls in China verfolgte Autor Liao Yiwu teil, der in seinem Lied „Massaker“ den Müttern der am 4. Juni 1989 auf dem Tian'namen-Platz Ermordeten ein lyrisches Denkmal gesetzt hatte.

Zur Lage verfolgter Künstler in vielen Ländern der Welt führte Dirk Sager, „Writers in Prison“-Beauftragter im P.E.N.-Zentrum Deutschland, aus: „Mit dem Untergang des Kommunismus ist die Welt nicht gerechter geworden. Im Gegenteil: Wir haben es heute zum Teil mit Regimes zu tun, gegenüber denen das Zentralkomitee der KPdSU als mildherziger Verein erscheint – und damit will ich das Zentralkomitee der KPdSU keineswegs schönen. Wir haben es mit Regimes zu tun, die hart sind wie Granit und so grausam, wie man es sich überhaupt nicht vorstellen kann.“ Dass der Kommunismus untergegangen sei, bezweifelt allerdings Nobelpreisträgerin Herta Müller: „Der Kommunismus ist ja nicht vorbei. Wir können ja nicht allen Ernstes behaupten, Russland sei kein kommunistisches Land mehr. Den Kommunismus gibt es darüber hinaus in Kuba. Über Nordkorea brauchen wir gar nicht zu reden – das Land ist aus der Geschichte ausgestiegen. China ist ebenfalls ein kommunistisches Land.“ Die Schriftstellerin wies jedoch auch darauf hin, dass für Künstler die Bedrohung nicht nur von Kommunisten, sondern ebenfalls von den Islamisten ausgeht. Was es für einen Schriftsteller, für einen Künstler bedeutet, in ständiger Bedrohung zu leben und zu arbeiten, erläutert die rumäniendeutsche Autorin, die selbst unter Ceausescu Angst und Bedrohung erlebte und den Alltag in einem totalitären System zum Thema einiger ihrer Werke machte, in anschaulichen Worten: „Unter Verfolgung zu leben, ist etwas ganz anderes, als leichtfüßig jeden Tag aufzuwachen, zu denken, zu sagen und zu sein, wo man es wünscht. Selbstverständlich hat die Angst, die häufig eine Todesangst ist, einen Einfluss. Die Bedrohung hat natürlich einen Einfluss. Das Leben in den islamistischen Ländern und den Nachfolgestaaten des Kommunismus ist eine ganz andere Art zu leben und Kunst zu machen. Das Selbstverständnis eines Menschen, der in einer solchen Situation lebt, ist ein ganz anderes. Die Angst ist eine ständige Begleiterscheinung, die ,lange Angst‘, die einen hat. Man hat nicht mehr Angst, sondern die Angst hat einen.“

Weil die Solidarität mit dem chinesischen Autor Liu Xiaobo den Anlass für die Veranstaltung bot, standen die Menschenrechtsverletzungen in China im Mittelpunkt. Liu Xiaobo, der seit 2008 inzwischen zum vierten Mal inhaftiert ist, dessen Stuhl deshalb bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 2010 demonstrativ leer blieb, widmet das ARD-Magazin „ttt – titel thesen temperamente“ die erste Sendung seiner siebenteiligen Reihe „Verfolgt! – Künstler in Gefahr“ am morgigen Sonntag. Auf Liu Xiaobos Schmerz im Zusammenhang mit der blutigen Niederschlagung der friedlichen Demonstration auf dem Tian'namen-Platz am 4. Juni 1989 kam denn auch der Lyriker Liao Yiwu zu sprechen, der selbst vier Jahre in chinesischen Gefängnissen verbracht hat. Liao Yiwu sprach aber ebenso über die allgemeine Lage in China unter Berufung auf einen anderen Dissidentenautor, Liu Binyan, der im Jahre 2005 in den Vereinigten Staaten im Exil starb.

„Unbequeme Autoren werden einfach eliminiert“

Liu Binyan habe bereits fünf, sechs Jahre vor seinem Tod gesagt, „die chinesische Gesellschaft wird eines Tages zu einer Mafia-Gesellschaft“. Anstatt des Gesetzes herrsche heute in dem Land eine willkürliche Privatjustiz. Liao Yiwu weiter: „In den letzten Jahren ist die Situation noch viel schlimmer geworden: Unbequeme Autoren und Intellektuelle werden einfach entführt und eliminiert. Vor zehn Tagen wurde ein Gesetz erlassen, nach dem die Polizei jeden chinesischen Bürger verhaften darf, ohne die Familie zu informieren: Die Menschen werden vom Gesetz nicht geschützt. In diesem Zusammenhang ist das Prinzip ,Wandel durch Handel‘ keine Lösung. Durch die Geschäfte mit dem Westen ist China zwar reicher geworden, aber dadurch ist keineswegs die Demokratie in Sicht. Weiter Geschäfte machen, aber die Demokratie und die Menschenrechte mit Füßen treten, ist ein Teufelskreis. China ist heute eine Müllhalde geworden. Wenn in China die Menschen keine Freiheit genießen, dann ist die Freiheit in anderen Teilen der Welt auch nicht garantiert. Die materielle Absicherung des Lebens ist zwar wichtig, aber unsere Menschenwürde und unsere Freiheit ist viel kostbarer.“ Liu Xiaobo sei zu einem Vorbild geworden, weil er über seine eigene Angst, über seine eigene Schwäche, über seinen eigenen Schatten gesprungen sei. „Wir versuchen alle, aus dem Schatten dieser kommunistischen Diktatur herauszukommen.“

Herta Müller machte ihrer Enttäuschung gegenüber China Platz: „Wir hatten gemeint, mit den Olympischen Spielen 2008 käme die große Eröffnung, durch den Kontakt mit dem Ausland würde sich China verändern. Das Gegenteil war der Fall: Die Spiele wurden nur instrumentalisiert, damit sich die Partei aufpolieren und zeigen konnte, dass sie über Menschen verfügen kann, wie sie möchte.“ Ihre Empfehlung: Statt sich China anzubiedern, sollen Politiker und Wirtschaftsmanager die chinesische kommunistische Führung mit genügend Druck konfrontieren. „Dann würde sie auch einige Rückzieher machen und ihr Verhalten ändern müssen. China ist ja überempfindlich, was das Ansehen des Landes im Ausland angeht. Es muss der chinesischen Führung klargemacht werden, dass sie gefürchtet, aber nicht respektiert wird – nicht einmal in den Bereichen, wo sie meint, respektiert zu werden.“

In den weiteren „ttt“-Sendungen werden verfolgte Schriftsteller, Künstler, Publizisten und Musiker aus sechs weiteren Ländern porträtiert: Der Maler Khaled Al-Khani (Syrien), der Aktions- und Videokünstler Artjom Lokutow (Russland), die Malerin Aisha Khalid (Pakistan), der Autor und Verleger Ragip Zarakolu (Türkei), der Journalist Dodojon Atovulloev (Tadschikistan) und der Musiker Azer Cirttan ( Aserbaidschan).

Es dürfte kaum ein Zufall sein, dass in den kommunistischen und islamistischen Ländern, in denen Künstler am meisten bedroht werden, teilweise auch besorgniserregende Christenverfolgungen stattfinden. Schließlich sind Menschen- und Grundrechte, ob es sich dabei um Religions- oder um Meinungs- und Redefreiheit handelt, unteilbar.

„Verfolgt! – Künstler in Gefahr“. Siebenteilige Reihe vom 25. März bis 13. Mai, ab 23.05 Uhr, ARD.

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