Die älteste Bibel der Welt geht online

Wissenschaftler in aller Welt sind begeistert über neue Arbeitsmöglichkeiten

„Hier ist einfach phantastische Arbeit geleistet worden“, äußert sich Professor Robert J. Littmann von der Universität Hawai begeistert. „Wir haben jetzt eines der besten Tools überhaupt“, fügte er hinzu. Der Altphilologe spricht über den „Codex Sinaiticus“, die älteste erhaltene christliche Bibel der Welt in einer einmaligen großformatigen Ausgabe, die seit wenigen Wochen digitalisiert im Internet anschaubar ist. Etwa 25 Prozent des Kodexes stehen bereits zur Verfügung, bis Ende Juli 2009 soll die Arbeit beendet sein.

Professor Littmann, ein renommierter Bibelwissenschaftler, war von Anfang an dem Projekt beteiligt. Dabei ging es nicht allein darum, den aus dem vierten Jahrhundert stammenden „Codex Sinaiticus“, der unter Experten als eines der wichtigsten Bücher der Welt gilt, technisch für die Präsentation im Internet aufzubereiten. Zunächst mussten grundlegende Vorarbeiten getätigt werden, denn das kostbare Werk, das große Teile des Alten und ein vollständiges Neues Testament enthält, wird in mehreren Teilen in vier verschiedenen Bibliotheken der Welt aufbewahrt.

Das Gesamtwerk umfasst rund 800 Seiten und etwa 40 Fragmente. Sowohl das Katharinenkloster auf dem Berg Sinai in Ägypten, die British Library in London, die Russische Nationalbibliothek in St. Petersburg und die Universitätsbibliothek Leipzig beherbergen Teile des Manuskripts. Es bedurfte jahrelanger, teilweise mühsamer Verhandlungen, bis sich alle Parteien im Jahr 2006 darauf einigten, den Kodex zu digitalisieren, um das Werk so im Internet wieder als Einheit zusammenzuführen. So besitzt etwa Leipzig 86 Seiten, in London befinden sich weitere 134 Seiten. Diese Teile sind bereits vollständig digitalisiert und auf der Webseite www.codexsinaiticus.org abrufbar, darunter alle Psalmen sowie das Markus-Evangelium.

Das Manuskript trägt seinen Namen nach dem Katharinenkloster, wo es viele Jahrhunderte lang aufbewahrt wurde. Blätter und Fragmente dieser Handschrift wurden von Konstantin Tischendorf zu drei verschiedenen Zeiten – 1844, 1853 und 1859 – aus dem Kloster mit der Absicht der Veröffentlichung entfernt. Der Hauptteil des überlieferten Werkes mit 347 Blättern ging nach Russland, wurde von der sowjetischen Regierung 1933 verkauft und befindet sich nun in der British Library. 43 Blätter sind im Besitz der Universitätsbibliothek Leipzig. Teile von sechs Blättern bewahrt nach wie vor die Russische Nationalbibliothek in St. Petersburg auf. Zwölf Blätter und 40 Fragmente sind noch im Katharinenkloster, wo sie durch Mönche an der nördlichen Mauer des Klosters erst im Juni 1975 entdeckt wurden. Die neue interaktive Webseite ermöglicht es nun erstmals Wissenschaftlern und Liebhabern gleichermaßen, den original griechischen Text zu lesen sowie alle im Laufe der Jahrhunderte angebrachten Korrekturen und Kommentare. Ausgewählte biblische Bücher und Texte sollen auch auf Englisch und Deutsch übersetzt werden, Querverweise nicht nur zu den dazugehörigen originalgetreuen Fotografien der Bibelseiten erlauben ein schnelles Auffinden und Vergleichen einzelner Textstellen.

Bei der technischen Aufbereitung für das Internet wurde auf komplizierte Plug-ins verzichtet und auf allgemein zugängliche Webstandard-Programme zurückgegriffen. Für die Durchführung zeichnete die Firma ACS Solutions in Leipzig verantwortlich, der es gelang, dieses technisch bislang einmalige Internetprojekt auf den Weg zu bringen.

Scot McKendrick, Abteilungsleiter für Manuskripte der Westlichen Welt im Londoner British Museum, ist stolz darauf, an diesem Projekt mitzuwirken: „Dies ist ein erster Meilenstein auf dem Weg, den ,Codex Sinaiticus‘ in seiner Gesamtheit online verfügbar zu machen. Bislang hatte nur ein ganz begrenzter Personenkreis Zugang zu dem Text und auch dann nur zu einigen ausgewählten Seiten. Die Webseite erlaubt es nun allen Interessierten, diesen absolut einmaligen Schatz zu sehen. Zudem ist die jetzt geschaffene Möglichkeit, den Text wissenschaftlich zu untersuchen, von unschätzbarer Bedeutung.“

Über die Kosten wird Stillschweigen bewahrt, die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG unterstützt dass Projekt mit rund 200 000 Euro, zahlreiche andere Institutionen sowie private Stifter sind ebenfalls beteiligt. Als Host der Internetseite wird in Zukunft die British Library fungieren. Eine Textausgabe und ein gedrucktes Faksimile des „Codex Sinaiticus“ sind ebenfalls in Planung.

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