„Dichtung ist... – wachend träumen“

Das skandinavische Theater steht im Mittelpunkt der diesjährigen Ruhrfestspiele – Ein Gespräch mit Intendant Frank Hoffmann

Was macht aus Ihrer Sicht die Universalität, die Zeitlosigkeit des skandinavischen Theaters aus?

Durch die Skandinavier hat die Psychologie in das Theater Eingang gefunden. Es gab zwar schon vor Ibsen und Strindberg entsprechende Ansätze. Aber es ist die große Leistung dieser beiden Autoren und ihrer nordischen Zeitgenossen, die Schilderung menschlicher Seelenzustände, menschlicher Dramen als Kriterium der Wahrhaftigkeit, als Kriterium einer glaubwürdigen Wirklichkeitsbeschreibung für das Theater entdeckt und umgesetzt zu haben. Es ist das allgemein Menschliche, was sich bei Ibsen und Strindberg findet – darin liegt ihre universelle Bedeutung bis heute.

Die großen skandinavischen Autoren stellen gern seelische Abgründe des Menschen dar, zeigen die Brüchigkeit menschlicher Existenz. Kann das auf Zuschauer nicht bedrücken wirken?

Ich empfinde das nicht als bedrückend. Natürlich sind die Beziehungen, wie sie dargestellt werden, sehr heftig, sehr schwierig. Aber das heißt nicht, dass es bei Ibsen oder Strindberg keine Entwicklungsprozesse, keine Möglichkeiten der Veränderung gibt. Die Autoren stellen Konflikte, die es gibt, die wir alle kennen, sehr offen dar – aber nicht in dem Sinne, dass das Leiden des Menschen, sein Leiden auch am Menschen, als schicksalhaft hinzunehmen ist. Es klingt immer der Aufruf zu Veränderung mit, zu persönlicher und übrigens auch zu gesellschaftlicher Veränderung. In diesem Sinne ist das nordische Drama nicht bedrückend, sondern mutmachend.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen Ibsen und Strindberg?

Bei Ibsen leidet der Einzelne zwar an der Gesellschaft und ihren Zwängen, bleibt aber letzten Endes ins gesellschaftliche Gefüge eingebunden, das heißt, in der Konvention verhaftet – das ist im übrigen ein Aspekt, der bis heute Ibsens Aktualität ausmacht: Denn noch immer drücken wir uns durch Konventionen aus. Wir versuchen alle, uns an bestimmte Übereinkünfte zu halten und wagen nur in sehr extremen Situationen die direkte Konfrontation mit unserer Umgebung. Bei Strindberg sind diese extremen Situationen die Regel; er ist schonungsloser, radikaler in seiner Darstellung der Wirklichkeit. Die Menschen sagen öfter, was sie denken, sie gehen nicht gerade nett miteinander um. Strindberg bringt, stärker noch als Ibsen, die emotionale Dimension in das skandinavische Theater ein. Das ist großes, universales „Welttheater“; was Strindberg geschaffen hat.

Hat Ibsen eher den Grundkonflikt zwischen Individuum und Gesellschaft beschrieben, während Strindberg stärker die Psyche des Einzelnen beleuchtet, die Persönlichkeit eines Menschen sozusagen seziert?

Ja, genauso. Und ich darf hinzufügen: Strindberg ist nicht nur der Psychologe; er ist auch der Metaphysiker unter den skandinavischen Theaterdichtern. Diese metaphysische Dimension zeigt sich besonders im „Traumspiel“: Das Stück erzählt, wie der indische Gott Indra seine Tochter auf die Erde schickt, um die Menschen zu beobachten. Und Indras Tochter begibt sich in die Niederungen menschlichen Lebens, heiratet, bekommt ein Kind, hat auf Erden auch einen Vater, der Glasermeister ist. Das Fazit, das sie mitnimmt, als sie in den Himmel zurückkehrt, ist der immer wiederkehrende Satz: „Es ist schade um die Menschen!“ Strindberg, der ein großer Gottsucher war sein Leben lang, auch wenn er an den Glaubenskonventionen seiner Zeit rüttelte, bildet im „Traumspiel“ seinen persönlichen Prozess des Strebens nach Erlösung ab. Am Ende gibt Indras Tochter dem Dichter eine Botschaft für die Menschen mit und verschwindet dann.

Zeichnet Strindberg eine Perspektive für die Zukunft?

Die Perspektive ist die Dichtung. Ein sehr schöner Satz in dem Stück lautet: „Dichtung ist nicht Traum, nicht Wirklichkeit, ist wachend träumen.“ Dichtung ermutigt uns, weiter zu suchen, nicht aufzugeben. Sie öffnet uns Wege, uns mit den großen Fragen des Lebens auseinander zu setzen – das ist, finde ich, eine ganz große, eine wesentliche Perspektive, noch kein klar umrissenes Ziel, aber eine Hoffnung.

Inwiefern lässt sich das skandinavische Theater als europäisches Theater bezeichnen?

Es ist Ibsen und Strindberg gelungen, das spezifisch Nordische in ihren Stücken auch für das übrige Europa vermittelbar zu machen. Menschen auch in Deutschland oder Frankreich konnten sich darin wiederfinden – und so wurden beide schon bald in mehrere Sprachen übersetzt. Darin zeigt sich, dass in den skandinavischen Dramen – unabhängig von einem zweifellos bestehenden Lokalkolorit – die Wahrheit über eine ganze Epoche erzählt wird.

Welchen Einfluss hatte das skandinavische Theater auf die Entwicklung des modernen europäischen Theaters?

Einen gigantischen Einfluss! Gerhard Hauptmann, der große Naturalist des deutschen Theaters, wäre ohne Ibsen und vor allem ohne Strindberg undenkbar. Es besteht kein Zweifel: Das moderne europäische Theater hätte sich ohne diese Autoren anders entwickelt. Selbst bei Samuel Beckett, der unter den Theaterautoren des 20. Jahrhunderts das realistische Theater in der Tradition der Skandinavier wohl am stärksten in Frage stellt, finden sich Rückbindungen an genau diese Tradition. Einflüsse der nordischen Autoren reichen bis in die Ästhetik des Kinos: Jeder ambitionierte Filmemacher versucht heute, einen Ausschnitt der Wirklichkeit möglichst überzeugend darzustellen – und wenn dieses Kriterium nicht erfüllt wird, fühlen wir uns als Zuschauer irritiert.

Damit sich der Kreis zur vergangenen Spielzeit schließt, die Frage: Wo finden sich Brücken auch zur amerikanischen Theaterlandschaft?

Es gibt berühmte Nachfolger der skandinavischen Dramatiker in den USA: Arthur Miller, Tennessee Williams, den ich als amerikanischen Ibsen bezeichnen würde. Diese Brücken zwischen amerikanischem und europäischen Theater finden sich im „Bridge Project“ wieder – das ist eine Kooperation der Ruhrfestspiele mit dem Old Vic Theatre, London, und der Brooklyn Academy, New York, in Regie des Oscar-Preisträgers Sam Mendes. Mit dieser transatlantischen Theaterinitiative wollen wir Schauspieler verschiedener Kontinente zusammenführen: Amerikaner, unter ihnen Größen wie Ethan Hawke und Josh Hamilton und Engländer wie Rebecca Hall und Sinead Cusack; gleichzeitig wollen wir – in einer Spielzeit, in welcher der Norden den Schwerpunkt bildet – zwei weitere, für das europäische Theater bedeutende Autoren in den Blickpunkt rücken: Tschechow mit seinem Drama „Kirschgarten“ und Shakespeares „Wintermärchen“.

Inwiefern hat sich die Bedeutung des „Festivals der Uraufführungen“ verstärkt? Und wie hat sich das „Fringe Festival“ weiterentwickelt?

Die Uraufführungen sind viel zentraler geworden. Es gibt in diesem Jahr fünf Uraufführungen deutschsprachiger Autoren. Und wir haben ihnen auf dem Festspielhügel einen neuen Platz mit unserem Theaterzelt gegeben. Das zeigt, wie wichtig wir diesen Bereich der Festspiele nehmen, der in den vergangenen Jahren zwar schon sehr präsent war, aber nicht in dieser Dichte, dieser Konsequenz wie diesmal. Insgesamt haben wir zwölf Spielstätten. Und mitten in Recklinghausen steht das sogenannte „Fringe-Zelt“ – ein Zeichen, dass das Fringe-Festival im Zentrum der Stadt, direkt bei den Menschen, angekommen ist, da, wo es hingehört.

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