Dichtung erhält ihre Wahrheit aus der Eucharistie

Das Wort schafft Wirklichkeit, trotz der reinen Selbstreferenz der Diskurse – Der Schriftsteller Botho Strauß ist in dieser Woche 65 Jahre alt geworden

Botho Strauß zählt zu den umstrittensten Schriftstellern der deutschen Gegenwartsliteratur. Seine Dramen, Romane und Essays haben in der Öffentlichkeit immer wieder zu Kontroversen geführt. Besonders sein 1993 in der Zeitschrift „Der Spiegel“ erschienener kultur- und demokratiekritischer Essay „Anschwellender Bocksgesang“ löste heftige Kritik aus. Neben der Unfähigkeit zur Kommunikation in der Mediengesellschaft, Beziehungslosigkeit und Entfremdung in der westlichen Zivilisation behandeln seine Texte immer wieder auch Fragen nach dem Standort des Menschen in Vergangenheit und Zukunft. Mythologische Bezüge sowie eine Auseinandersetzung mit den modernen Naturwissenschaften spielen dabei eine wesentliche Rolle. Wichtig ist Strauß von Anbeginn die Entwicklung von Sprache, sowie die für das Bewusstsein nur schwer erkennbare Weitergabe, Fortsetzung von Literatur im poetischen Raum des Individuums. In diesem Zusammenhang tauchen in Strauß' Werk neben gnostischen Elementen schon früh christliche Anklänge auf. Zeichen für das religiöse Denken des Autors? Authentische Beweise für seine persönliche Glaubensausrichtung? Oder ist Botho Strauß ein Apologet ohne Kirche, ein Verkünder nach eigenem Gesetz?

„Lachhaft, ohne Glaube zu leben“

Vor wenigen Jahren im Gespräch mit einem Journalisten hat sich Botho Strauß an Berliner Restaurants erinnert: An das „Exil“ von Oswald Wiener zu Schaubühnenzeiten am Halleschen Ufer, die „Paris Bar“, wo Strauß während der 1980er Jahre zunächst unbemerkt seine Abende verbrachte oder das zur Zeit angesagte Politiker- und Journalisten-Restaurant „Borchardt“ am Gendarmenmarkt, das er zu Anfang schätzte, bis es auch dort zu voll wurde, und Strauß flüchten musste. Flüchten vor zu viel Leben, weiter fort an ruhigere Orte.

Eine Erinnerung, ein Motiv, das typisch zu sein scheint für Deutschlands „größten Dramatiker“ (Vanity Fair), der seit Jahren abgeschieden in der Uckermark wohnt und nur gelegentlich in der Hauptstadt vorbeischaut, hin und wieder sogar öffentliche Verkehrsmittel benutzt und ansonsten lieber auserwählte Gäste auf dem Land empfängt: Die Frau, den Sohn, Freunde. Einer von diesen, der Regisseur Luc Bondy, verbreitete bei einer Widmung zu Strauß' 60. Geburtstag am 2. Dezember 2004 neben dem ästhetischen Lobgesang eine persönliche Anekdote, die das Thema „Flucht“ ebenfalls in den Mittelpunkt stellte: „Einmal sind wir in Österreich auf Einladung einer sehr adeligen Familie in einem Landhauskomplex, also in einer Ansammlung roter, von einem ,sachlichen Architekten gebauter Fachwerkhäuser‘ zu Gast gewesen. Da saßen wir nun beide unter Menschen, unter fremden Menschen. Die Gespräche stockten, du ließest spüren, dass deine Anwesenheit an diesem Ort nur ein Missverständnis sein kann. Du stochertest missvergnügt im Teller herum, die Gespräche um uns wurden immer abgerissener, zerstoben zu richtigen Fetzen in der Luft. Wir sollten zudem noch dort wohnen. Um vier Uhr morgens standest du mit einem Koffer auf der Türschwelle meines Zimmers: ,Flucht! Weg von hier!‘, flüstertest du. ,Schnell.‘ Von dem Abendessen bis zu dieser Nachtaktion war deine Stimmung düster, panisch. Kaum fuhren wir auf die Straße, in die Freiheit, ich glaube sogar, du riefst der Natur, den Bäumen ,Freiheit!‘ zu, überkamen dich Lachanfälle über die Situation von uns beiden erwachsenen Ausbrechern, ganz so, als hätte man dir die Geschichte von zwei anderen Menschen erzählt.“

Auch in Botho Strauß' Romanen und Theaterstücken flüchten die Menschen. Vor sich selbst, der Liebe, dem Partner, den Umständen. Schon in den frühen Dramen („Trilogie des Wiedersehens“, „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“) und Prosatexten („Paare, Passanten“, „Der junge Mann“) war dies so – und es hat sich fortgesetzt bis in die aktuellen Arbeiten. Wenn es sein muss mit Träumen und Medikamenten, in grotesker Anspielung an die Machbarkeitsfantasien der neuen Biopolitik. So etwa in dem Erzählmosaik „Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich“ aus dem Jahre 2003. Ein Ehepaar wird von einem anderen „zu einem Teller Spaghetti“ eingeladen. Der Abend verläuft unerquicklich. Zwischen Gastgeber und Gast entsteht ein Streit, ein Wort gibt das andere. Der Gast erhebt sich voller Zorn, im Begriff, die Wohnung zu verlassen. Fluchtwunsch. Doch begütigend mischt sich die Gastgeberin, eine „Verhaltensendokrinologin“, ein. Sie interpretiert die Aggressivität der Männer als fehlgesteuerte Funktion der „Humoralsäfte“ und überredet den Gast, sich einer Behandlung zu unterziehen.

Woher kommt diese Angst vor dem anderen, vor Festlegung, die Beklemmung, sich in falscher Gesellschaft zu befinden? Bei den Figuren, bei Strauß selbst? Er könne sich schwer auf mehr als einen Menschen zurzeit konzentrieren, sagte Strauß einmal. „Es gibt ja Menschen, die ein forensisches Talent haben. Sie sind in ihrer Intelligenz besser und klarer, wenn sie vor Menschen sprechen. Ich gehöre extrem zur anderen Sorte.“ Dahinter, so Strauß, der nie Lesungen gibt, nie im Fernsehen auftritt, nie bei Premieren oder Preisvergaben erscheint, stünden frühere Erfahrungen, die wohl auch mit der Motivation zum Schreiben zu tun haben: Er habe „ganz markante Momente“ des Ausgeschlossen-Werdens erlebt. Der Turnunterricht in der Schule: „Bei jeder Korbball-Mannschaft wurde ich immer als Zugabe verteilt“.

Welche quasi-religiöse Bedeutung die Sprache für Strauß in realiter besitzt, hat er selbst Anfang der 1980er Jahre ausgedrückt: „Wieso arbeite ich stundenlang an einem Satz? Das ist doch nicht mein eigenes subjektives Empfinden von Perfektion! Es muss doch ein tieferes Urbild dieses Satzes geben, das nicht allein aus meiner Subjektivität kommt, sondern von anderswoher: aus der Summe von Literatur, die ich kenne oder die überhaupt existiert. Aber ich glaube da eben fest dran – sonst hätte ich gar nichts, woran ich glaube: Das ist das große Archiv...“. Um bald darauf zu fragen: „Was an meinem Denken ist religiös bestimmt? Das ist nicht der Wunsch nach Transzendenz, danach, über sich hinauszugehen und Schutz zu suchen. Den hat jeder, diesen Wunsch. Aber deshalb bin ich nicht auf der Suche nach Gott – wie man anlässlich ,Groß und klein‘ geschrieben hat.“ „Groß und klein“, ein an Strindberg angelehntes Stationsdrama aus dem Jahr 1978, in dem Strauß dramaturgisch mit dem konventionell-allegorischen Weg von Tod, Auferstehung und Epiphanie spielt. Das ständige Gespräch der Hauptfigur, der verlassenen Ehefrau Lotte, mit Gott wird nicht als Heils-Weg gezeigt, sondern als Selbstinszenierung vorgeführt. Nach dem realen Leid sieht Lotte sich als auserwählte Prophetin, die Gott drängt, er möge sie von der eingebildeten Berufung abbringen: „Näher dürft Ihr mir aber nicht kommen, Ehrwürdiger Schöpfer, ich bitte Euch. Ich kann Euch weder Schale noch Kelch sein, und auch kein anderes Gefäß.“

Die Frage nach der Religion, nach Gott verlor Strauß nie aus dem seismographischen Blickfeld seines Schreibens und Denkens. Dabei streifte Strauß das Phänomen teilweise nur flüchtig, fragmentarisch, in Form von Sentenzen, dafür aber mit konstanter Permanenz. So in seinem vielleicht bekanntesten, populärsten Buch „Paare, Passanten“ (1981), in dem er – wohl an Max Frisch geschult – Alltagsnotiz, Fiktion und Reflexion zum ersten Mal tagebuchartig zusammenkoppelte. „Es ist lachhaft, ohne Glaube zu leben. Daher sind wir voreinander die lachhaftesten Kreaturen geworden und unser höchstes Wissen hat nicht verhindert, dass wir uns selbst für den Auswurf eines schallenden Gottesgelächters halten.“ Oder: „Gott ist von allem, was wir sind, wir ewig Anfangende, der verletzte Schluss, das offene Ende, durch das wir denken und atmen können.“ In „Niemand anderes“ (1987), einem Buch, das in Ton und Duktus „Paare, Passanten“ fortsetzt, wird die behandelte Frage, wie von der Liebe zu sprechen wäre, schließlich in die Frage transformiert, wie sich von und mit Gott sprechen lasse. Was auch eine Erklärung für den Titel liefert: „Es gibt niemand anderen als Ihn – sagen die Enthusiasten aller Gottesreligionen. Es gibt niemand anderen als sie, sagt der Liebesnarr und fühlt sich, in der Blasphemie seines Glücks, mit dem Weltabgewandten konform und auf dem Weg zum gleichen Licht.“

Strauß lässt dann in der Gestalt einer „gescheiterten Theologin, die irgendwo in dieser geteilten Stadt in ihrer Kammer haust“, eine religiöse Enthusiastin auftreten, deren Ringen mit Gott ein Ringen mit Sprache, mit dem Stil ihrer schriftlichen Meditationen ist. Lotte aus „Groß und Klein“ revisited, könnte man sagen – mit derselben traurigen Erkenntnis: Ohne Sprache wäre Gott nicht erreichbar, mit ihr kann er immer nur verfehlt werden. „Unablässig sucht sie zu einem anderen Sprechen zu gelangen, zu einem ihr unbekannten Hoheitsziel der Sprache. Unablässig misslingt's ihr schon im Ansatz.“ Die bewusste Aneignung des kulturellen Erbes erhält somit, wie Michael Wiesberg in seiner hervorragenden Studie „Botho Strauß – Dichter der Gegen-Aufklärung“ (Edition Antaios, Band 3, 2002) deutlich macht, „eine zusätzliche Rechtfertigung von der Gnostik her. Dem Poet kommt die Rolle zu, „Verbinder der Zeiten“ zu sein.

Um einen besonderen Aspekt der Zeit, die Gegenwärtigkeit, ging es Strauß in seiner ersten Veröffentlichung nach dem Wendejahr 1989. Der Aufsatz mit dem Titel „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“ erschien zuerst als Nachwort zu einem Buch des französisch-englischen Literaturwissenschaftlers George Steiner. Eigentlich also als Gelegenheitsarbeit konzipiert, besitzt dieser Text bis heute das Potenzial zu einer künstlerischen Programmschrift, die gerade katholischen Lesern gefallen dürfte, wenn sie auch die schon früh geäußerte Wort- und Schriftgläubigkeit des protestantisch getauften Strauß dokumentiert, sein ästhetisches sola scriptura – hier ergänzt um den Begriff des Symbols. In Anlehnung an Steiner schreibt Strauß: „Überall, wo in den schönen Künsten die Erfahrung von Sinn gemacht wird, handelt es sich zuletzt um einen zweifellosen und rational nicht erschließbaren Sinn, der von realer Gegenwart, von der Gegenwart des Logos-Gottes zeugt.“

Kunst im Raum des Göttlichen

Das Kunstwerk, so heißt es weiter, gleiche in seiner symbolischen Funktion der Hostie in der christlichen Eucharistiefeier. Wie in der Wandlung beim Abendmahl Brot und Wein substanzgleich würden mit Christi Leib und Blut, so „müsste es in einer sakralen Poetik heißen: Das Wort Baum ist der Baum, da jedes Wort wesensmäßig Gottes Wort ist und es mithin keinen pneumatischen Unterschied zwischen dem Schöpfer des Wortes und dem Schöpfer des Dinges geben kann.“ Gegenwärtig beim Abendmahl sei der reale Leib des Christus passus (im Zustand seines Todesopfers) unter der Gestalt des Brotes. Das Gedenken im Sinne des Stiftungsbefehls („Solches tuet aber zu meinem Gedächtnis“) werde dann zur Feier der Gleichzeitigkeit, es sei nicht gemeint ein Sich-erinnern-an-Etwas.

Völlig zu Recht hat die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz in diesem Zusammenhang von einem „geheimen Erdbeben“ gesprochen, das die Christentums-verdrossene Kultur nicht wahrgenommen habe. Mag Strauß auch rein ästhetisch argumentieren. „Nur das Verständnis des sakramentalen Wortes, das sich in der Eucharistie verwirklicht, reißt nach Strauß die Zeichen von Zeichen auf. Verschwindet die Eucharistie, verschwindet auch das Kunstwerk, das aus dem Raum des Göttlichen kommt und nicht einzig aus dem illusionären psychischen Raum seines Autors, worin die leeren Echos dröhnen.“ (Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: „Eucharistie“ aus: Pastoralblatt Nr. 10/2000). Und nicht nur das: Sollte die Eucharistie, das schöpferische Wort der Anwesenheit, schwinden, verschwinde auch die Dichtkunst und der Mensch an sich, denn dieser, so Strauß, sei „ein sakramentales Wesen [...] Alles, was er schafft, ist Darbringung, Opfergabe.“ Eucharistie also als Sprengung des Geschwätzes, als Erweis von Wirklichkeit durch das Wort – trotz der „reinen Selbstreferenz der Diskurse, dem nihilistischen Vertexten von Texten“, wie Strauß selbst schreibt. Wer dies liest, kommt nur schwer umhin, sich zu fragen, ob der Zeitraum 1989/90 vielleicht nicht nur ein politischer Wendepunkt in Deutschland war, sondern auch eine entscheidende Bewegung zum Geiste des Katholizismus bei Botho Strauß bedeutet hat. Wie gnostisch prä-implantiert auch immer.

Die Texte der 1990er Jahre geben nur dezent Aufschluss hierüber: Strauß: berühmt-berüchtigter Essay „Anschwellender Bocksgesang“ (1993) löste einen Aufstand der kulturellen- und politischen Gesellschaftswächter aus, weil er darin eine Rückkehr zum Nationalgefühl und zum konservativen Elite-Denken forderte und vor globalen archaischen Attacken warnte, die sich mittlerweile bewahrheitet haben. Dass er in diesem Aufsatz auch für die Achtung von „Kirche, Tradition und Autorität“ warb und gegen „Spötter, Atheisten und frivole Insurgenten“, gegen eine „profane Eschatologie“ wetterte, interessierte damals nicht. Der Roman „Wohnen Dämmern Lügen“ (1994) wie auch das Theaterstück „Das Gleichgewicht“ (1993), nicht schlechter oder besser als frühere Werke, wurden von der Kritik verrissen, weil Strauß mit dem „Bocksgesang“ zur Persona non grata geworden war. Doch flammende katholische Bekenntnisse sucht man in beiden Werken vergebens.

Deutlich mehr katholisch-publizistische Fahrt nahm Strauß mit dem Umzug, mit der – wenn man so will – Flucht in die Uckermark Mitte der 1990er Jahre auf. Hier versenkte er sich in die Lektüre des wichtigsten Sprachforschers der Goethezeit, Johann Georg Hamann, und der Renouveau Catholique (vor allem Bloy und Claudel) und schrieb weiter Stücke („Die Ähnlichen“, „Der Kuss des Vergessens“, „Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia“) und Prosatexte („Das Partikular“ – mit einer absurden Paar-Anekdote, bei der die Frau nur bereit zur Ehe ist, wenn ihr zukünftiger italienischer Mann auf die Kommunion verzichtet). Werke, die allesamt auf ein gutes Echo in den Medien stießen, bei den von Strauß leidenschaftlich geschmähten „Kommunikationsagenten“. Wie auch das vielleicht persönlichste Strauß-Buch, „Die Fehler des Kopisten“, in welchem der in Naumburg an der Saale geborene und später mit den Eltern nach Remscheid und Bad Ems umgesiedelte Autor vom Heimisch-Werden in der Uckermark berichtet, vom Zusammensein mit dem Sohn, der Natur, den Nachbarn, um plötzlich – gleichsam aus der Naturidylle heraus – mit apologetischem Flügelschlag zu verkünden: „,Vielfalt statt Einfalt!‘ Mit solchem Spruch wollen sie den Papst vermahnen. Der Letzte auf dieser Erde, der dazu berufen ist, das Heil nicht von Reformen zu erwarten. Diese Leute ahnen offenbar nicht, wie nötig die Entfaltung des Pluralen der einen Instanz bedarf, die es ausschließt. Sie wissen nichts von Einfalt, die längst verlorenging, aus dieser Welt fast spurlos schwand – und wieviel Kraft und Gewissen sie erfordert, im Gegensatz zum raschen Zapping durch die nahverwandten Meinungen. Wie kann man für das Viele sein, wenn man das Eine noch nie erfahren hat? In dessen Namen doch der Gläubige seine Religionszugehörigkeit begründet.“

Der Aufgeklärte zahlt den Preis

Und an anderer Stelle – im selben Buch: „Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts. Einen tieferen Glauben als den christlichen kann auch heute kein Mensch erlangen.“ Äußerungen, über welche die Kulturkritiker wie schon beim „Aufstand gegen die sekundäre Welt“ gnädig hinwegsahen. Doch schon wenig später legte Strauß in einem Gastartikel für die Wochenzeitung „Die Zeit“ nach. Hier schrieb er, fünf Jahre vor dem Papstwechsel und der damit einhergehenden Renaissance des Christentums im deutschen Feuilleton, über die menschliche Kniefälligkeit im Zeitalter zunehmender Technologisierung: „Einst stand der Mensch Gott näher und war daher größer, wenn auch elender dran. Was die Heutigen bramarbasierend „Selbstvergottung“ nennen, ist vor Seinem Auge nichts als präpotente Aufgockelung, verliert seine Kleinheit nicht und nichts von der unendlichen Entfernung zu IHM. (...) Kenosis des Menschen. Seine Selbstentäußerung, die nun den Dingen Leben einhaucht. Um ihretwillen ist ,er, der reich war, arm geworden‘ (2. Kor 8,9).“ („Wollt ihr das totale Engineering?“, in: Die Zeit, Dezember 2000)

Die lange ausgebliebenen Anti-Strauß Reflexe der „Kommunikationsagenten“ zeigten sich erstaunlicherweise nicht bei diesen scharfen Worten, sondern machten sich erst bei der fast zeitgleich publizierten (und selbstverständlich nicht von Strauß persönlich gehaltenen) Rede zur Vergabe des Lessingpreises bemerkbar. Der Titel der Rede: „Der Erste, der Letzte. Warum uns der große Lessing nicht mehr helfen kann“. Der wichtigste Satz darin: „Aufklärung, für Lessing ein Erbe des christlichen Offenbarungsglaubens, für die Späteren die Mutter aller empirischen Wissenschaften, zieht in heutiger Nachkommenschaft den umfassend zerebralisierten Menschen groß.“ Sprich: Alles ist nach draußen geschafft, selbst die intimsten Winkel der Seele, des Körpers sind veräußerlicht worden – über alles wird Diskurs gehalten, doch der Preis, den der überaufgeklärte Mensch dafür zahlt, ist eine Teilnahmslosigkeit, Beziehungslosigkeit zu sich selbst, zum eigenen (Innen-)Leben.

Dass es bis heute keine Äußerung von Strauß zu Papst Benedikt XVI. gibt, ist sicher bedauerlich. Doch vielleicht hat Strauß in dem im Sammelband „Der Gebärdensammler“ veröffentlichten Brief „Der Nietzsche unserer Zeit“ von 1994 bereits prophetisch alles Wesentliche zum aktuellen Pontifikat gesagt. Dort resümiert er mit beißender Häme: „Der Ketzer, der gefeierte, ist nach wie vor jemand, der die ungeheure Tapferkeit besitzt, die Jungfrauengeburt zu leugnen. Verglichen damit ist Kardinal Ratzinger der Nietzsche des ausgehenden 20. Jahrhunderts.“ Sprich: Der mutige Revolutionär, der Querdenker wider den Mainstream hockt ausgerechnet im Vatikan. In diesen „seltsamen Verkehrungen“, so Strauß, habe man sein „intellektuell risikoreiches Leben“ zu führen. Und weiter an anderer Stelle in einem Interview: Er selbst, der kein Theologe sei, „präzisiere lediglich das Detail aus einer transzendenten Gestimmtheit“. Jedes Tabu sei besser als ein zerstörtes. Die gesellschaftliche Allgegenwart des Haltlosen und Formlosen sei derart zur Üblichkeit geworden, dass sich der Begriff des Rebellentums verkehre. Nicht der sei mehr ein Rebell, der gegen das Gesetz rebelliere, sondern der, der das verlorene, unkenntlich gewordene Gesetz suche und befolge.

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