Deutsche Tugendlandschaft

Bach, Beckenbauer, BMW: Deutsche Leistungen werden bewundert, aber auch unsere Eigenschaften sind gar nicht so furchtbar. Ein Erklärungsversuch. Von Liane Bednarz
Foto: dpa | Deutsch und glücklich: Nicht nur Fußball-Fans haben Grund zum Jubel. Der Deutsche schlechthin ist viel beliebter als er dachte.
Foto: dpa | Deutsch und glücklich: Nicht nur Fußball-Fans haben Grund zum Jubel. Der Deutsche schlechthin ist viel beliebter als er dachte.

Überheblich, besserwisserisch und anstrengend sind wir Deutschen. Soweit das Klischee. Aber sieht man uns wirklich so? Zur allgemeinen Verblüffung haben nämlich die aus insgesamt 25 Ländern stammenden Teilnehmer einer kürzlich veröffentlichen Umfrage der britischen BBC Deutschland zum beliebtesten Land der Welt gekürt. Deutschland? Wer hätte das gedacht? Vor allem in Zeiten der Eurokrise galten wir bisher doch als kleinkarierte Spaßverderber, die andere Länder mit gnadenlosen Sparvorgaben nerven und dafür in der ausländischen Presse gescholten werden. Wir waren uns doch so sicher, allenfalls respektiert, aber auf gar keinen Fall geliebt zu werden, ließen uns – wie Matthias Matussek gerade in einem Kommentar zu der BBC-Studie betonte – wieder und wieder einreden, dass wir im Ausland als „arrogant und wenig mitfühlend verschrien“ seien.

Und nun das. Offenbar sieht die Welt uns Deutsche weitaus positiver, schätzt uns viel mehr, als wir dies selbst für möglich gehalten hätten. Jedenfalls dürfte das Ergebnis der Studie kaum allein mit dem Magnetismus zu erklären sein, den Orte wie Heidelberg oder Neuschwanstein auf Touristen ausüben. Auch der attraktive Angriffsfußball der Nationalmannschaft und erfolgreicher Vereinsmannschaften (Bayern München, Borussia Dortmund) greift zu kurz. Autos made in Germany (VW, BMW, Mercedes) reichen auch nicht zur Erklärung. Es muss etwas mit uns selbst zu tun haben.

Höchste Zeit also für die Suche nach einer Erklärung. Aber wo ansetzen? Am besten bei jemandem, der uns Deutsche ebenfalls aus einer Außenperspektive betrachtet. Da drängt sich Prinz Asfa-Wossen Asserates neues Buch „Deutsche Tugenden – von Anmut bis Weltschmerz“ geradezu auf. Fast könnte man angesichts des Ergebnisses der BBC-Studie annehmen, es handele sich bloß um die verspätete deutsche Übersetzung eines längst zum weltweiten Bestseller avancierten Loblieds auf die Deutschen. Denn der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie hat von der „Anmut“ bis zur „Zivilcourage“ eine beeindruckende Zahl von 22 typisch deutschen Tugenden identifiziert. Darunter finden sich Klassiker wie „Fleiß“, „Gottesfurcht“, „Naturverbundenheit“ „Ordnungsliebe“, „Pflichtgefühl“, „Pünktlichkeit“ und „Sparsamkeit“, aber auch Überraschungen wie der „Humor“ und die „Anmut“. Anmut? Ja, Anmut. Paradebeispiel ist Preußens Königin „Luise“, gewissermaßen die Antipode zu den „Leggins in Bonbonfarben“, die man oft in Fußgängerzonen sieht. Was Asserate über unsere Tugenden herausgefunden hat, ist feingeistig, investigativ, fundiert und voller Herzlichkeit.

Und er weiß, wovon er spricht, denn er lebt seit mehr als 40 Jahren im Lande. In dieser Zeit wurden ihm die Deutschen zum liebgewonnenen Sujet. Während er in dem Bestseller „Manieren“ (2003) amüsante Einblicke in die Gepflogenheiten der Aristokratie und des Großbürgertums ermöglichte, war „Draußen nur Kännchen“ (2010) eine Liebeserklärung des „Zugereisten“ an die deutsche Provinz und das, was man wie etwa den Münchner „Schweinsbraten mit Semmelknödl und Krautsalat“, die Frankfurter „Grüne Soße“ oder eben das „Kännchen Filterkaffee“ „gutbürgerlich“ nennt. Mit der Betrachtung unserer Tugenden schaut Asserate tief in die deutsche Seele hinein. Und greift damit ein Sujet auf, das sich in den letzten Jahren großer Beliebtheit erfreut. Zu nennen sind hier vor allem „Wir Deutschen“ von Matthias Matussek (2006) und „Die deutsche Seele“ von Thea Dorn/Richard Wagner (2011), die beide zu Bestsellern wurden und wie Asserate mit einer Mischung aus Ernst und Humor glänzen.

Schon in der Antike hatten Klugheit, Mäßigung, Gerechtigkeit und Tapferkeit einen hohen Stellenwert. Doch jede Tugend birgt, wie Asserate hervorhebt, zugleich ihren eigenen Abgrund in sich, wenn man es denn mit ihr übertreibt. So kann die vielgerühmte deutsche „Sparsamkeit“ zur „Geiz ist geil“-Attitüde mutieren. Und sogar die Bescheidenheit kann sich „schnell in ein Laster verwandeln“, „wenn sie den Mitmenschen aufgezwungen wird“. Als Exempel dient Asserate die zur Schau gestellte Kargheit, die der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. seinem Hof aufoktroyierte. Derart auf die Spitze getrieben, wird die Tugend zur Untugend, camoufliert die ostentative Bescheidenheit in Wahrheit nur den inneren Stolz. Solange sie jedoch diese Grenze nicht überschreitet, also nicht zur Hybris wird, bleibt die Bescheidenheit eine „Zier“ und eine Antipode zum „Parvenü“ und dessen „materiellem Erfolgsstreben“. Und, möchte man hinzufügen, zu der heute oftmals so beliebten „Bling-Bling“-Kultur, in der es vor allem darauf ankommt, die richtige, da gerade in den Lifestyle-Magazinen gehypte „Bag“, vulgo Handtasche zu haben. Tugenden sind also nur so lange tugendhaft, wie sie mit Maß ausgeübt werden. Vielleicht liegt es an dieser Ambivalenz, dass der Tugendbegriff es seit einigen Jahrzehnten schwer hat. Den 68ern waren klassische Haltungen wie Pflichtgefühl, Ordnung und Pünktlichkeit viel zu spießig und muffig und somit per se suspekt. Oskar Lafontaine ging 1982 in einer Erwiderung auf seinen damaligen Parteifreund Helmut Schmidt sogar noch weiter und brachte Eigenschaften wie Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, und Standhaftigkeit als „Sekundärtugenden“ in Verruf, mit denen „man auch ein KZ betreiben“ könne.

In der letzten Zeit prägt ein neuer Aspekt die Tugenddebatte, der sogenannte „Tugendfuror“. Dem Monatsmagazin „CICERO“ war dieser sogar eine Titelstory wert. Gemeint ist die Tendenz hin zu einem immer rigider werdenden Moralismus, zum rigorosen Anprangern der Verfehlungen anderer, zur „politischen Korrektheit“, wie sie etwa in der Sexismus-Diskussion rund um den Twitter-Hashtag „#Aufschrei“ zu Beginn des Jahres zu erleben war. Ob Tempolimit, Klimadebatte, Gender-gemain-streamte Sprache oder Unisex-Toiletten. Stets droht die Moralkeule all jenen, die diese Trends skeptisch betrachten.

Mit der Tugendhaftigkeit im klassischen Sinn hat ein solcher Tugendfuror indes wenig gemein. Tugenden lassen sich nicht von außen erzwingen, Tugenden sind immer die Manifestation einer inneren Haltung des Individuums. Demgemäß zitiert Asserate im Kapitel „Freiheitsliebe“ zu Recht Goethes Maximen und Reflexionen: „Die Gleichheit will ich in der Gesellschaft finden; die Freiheit, nämlich die sittliche, dass ich mich subordinieren mag, bringe ich mit.“ Und fügt treffend hinzu: „Einen freien Menschen wird man den nennen können, der sich aus freien Stücken bindet.“ Und dafür bedarf es eben weitaus mehr als einer rein weltimmanten „Zivilreligion“, in der sogenannte „Gutmenschen“ sich selbst veredeln und mit dem Finger auf andere zeigen. So weiß etwa der Christ um die eigene Fehlbarkeit und Erlösungsbedürftigkeit und ist daher eher aus Demut bestrebt, Gottes Gebote zu achten und demgemäß tugendhaft zu handeln. Einer solchen Geisteshaltung liegt es eher fern, den Stab über andere zu brechen und sich selbst emporzuheben. Nicht umsonst heißt es in der Heiligen Schrift: „Du sollst nicht richten.“ Wer sich mit den deutschen Tugenden beschäftigt, stellt fest, dass diese im Laufe der Zeit durchaus dem Wandel unterworfen waren, wie die anekdotenreiche Parforceritte von Asserate, Matussek und Dorn/Wagner durch die deutsche Geschichte zeigen. War etwa der vielgerühmte deutsche „Fleiß“ den Gebrüdern Grimm mit „Frau Holle“ noch ein eigenes Märchen wert, galt den Protagonisten der deutschen Romantik die „philiströse Geschäftigkeit“ (Dorn/Wagner) als degoutant, der „Müßiggang“ hingegen als höchstes Gut. Zwischen „Arbeitswut“ (Dorn/Wagner) und dem Lob der Faulheit also bewegten sich die Extreme. Und auch heute noch wohnt dem Fleiß eine Ambivalenz inne. „Burn-out“ lautet Asserates Stichwort, womit es auch bei dieser Tugend auf das richtige Maß ankommt.

„Wir Bildungsbürger“ heißt ein Kapital in Matusseks Buch. Und ja, die „deutsche Kulturnation“, wie Schiller sie nannte, dürfte gewiss ein Grund dafür sein, warum man uns weltweit mag. Ein echter Exportschlager sind sie bis heute, die zahlreichen Komponistengenies, die unser Land hervorgebracht hat. Von New York bis Tokyo, von Manaus bis Sydney, überall erklingen in den Konzertsälen etwa die Werke Bachs, Beethovens und Mahlers. Und auch im Lande selbst bietet sich dem „Bildungsbürger“, der übrigens – so Matussek – ein „deutscher Phänotyp“ ist, nach wie vor ein reichhaltiges kulturelles Leben. In keinem anderen Land gibt es – der früheren Kleinstaaterei sei Dank – eine derartige flächendeckende Vielzahl von Opern- und Schauspielhäusern. Allerdings, und auch insofern zeigt sich erneut die Ambivalenz der Tugenden, ist zugleich das sogenannte „Regietheater“ in Deutschland besonders ausgeprägt, das, wie man bei Matussek nachlesen kann, seit Jahrzehnten so manche „Zertrümmerungswelle“ mit sich bringt, die den Bildungsbürger im Theater in eine „ständige Defensive“ treibt. Und auch in anderer Hinsicht neigt der deutsche Kulturbetrieb zur Übertreibung. Asserate erwähnt die seit ein paar Jahren immer wieder aufflammende und gerade erst wieder durch den Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, bekräftigte Forderung, die deutschen Bühnen zum UNESCO-Weltkulturerbe zu erklären. So weit, so verlockend. Denkt man jedoch näher darüber nach, entpuppt sich dieses Postulat als durchaus fragwürdig. So wies der Theaterkritiker Matthias Heine gerade in der WELT darauf hin, dass die Kriterien für eine Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe unter anderem eine „gewisse Musealisierung“, und „ein künstlerischer Stillstand“ sind, und damit „genau das Gegenteil jener Offenheit, Aktualität und globalen Vernetzung“, „die gerade von den Mitgliedern des Bühnenvereins beschworen werden“.

Fragt man sich weiter, was uns Deutsche im Ausland beliebt macht, kommt einem bald das Münchner Oktoberfest in den Sinn. Auch dieses ist ein Exportschlager, der weltweit gefeiert wird. So ist das zweitgrößte Oktoberfest der Welt gar im chinesischen Qingdao zu finden. „Gemütlichkeit“ lautet die zugehörige Tugend und „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ der gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Georg Kunoth komponierte Dauerbrenner. Und was identifiziert Asserate nicht alles als gemütlich: vom „beschaulichen Sonntagnachmittag bei Kaffee und Kuchen“, über das „Grillen“ und den „Strandkorb“ bis hin zum „Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt“ geht die Erkundigungstour. Allerding sollte man es wie mit allen anderen Tugenden auch mit der Gemütlichkeit nicht übertreiben. Sie ist nämlich nicht nur, wie Asserate schreibt, ein „Zauberspruch“ gegen die „Zumutungen unseres durch und durch ökonomisierten Alltags“, sondern birgt gerade auch in Zeiten der Euro- und Finanzkrise die Gefahr eines Rückzugs ins Private, eines Desinteresses an politischen und wirtschaftlichen Debatten in sich. Eine gewisse Skepsis gegenüber einer übermäßigen „Rebiedermeierisierung“ ist also angebracht. Dorn/Wagner weisen mit Recht darauf hin, dass die Gemütlichkeit sich in den Post 68er-Generationen vielleicht etwas zu sehr in den „ängstlich gewordenen, kindlich gebliebenen Herzen als Sehnsucht festgesetzt“ hat.

Auch die „Reinlichkeit“ und „Ordnungsliebe“ sind typisch deutsche Tugenden, die etwa bei Asserate gebührend gewürdigt werden. Kein Wunder bei jemandem, der in Tübingen und damit im Stammesgebiet aller Kehrwochewütigen gelebt hat. Berliner Leser mag die Existenz der schwäbischen „großen“ und „kleinen Kehrwoche“ allerdings erschaudern lassen. Eine weitere typisch deutsche Tugend ist schließlich die Tapferkeit, heute oftmals unter dem Begriff „Zivilcourage“ thematisiert. Der Politologe Andreas Püttmann bezeichnet die Tapferkeit in einem 2010 erschienenen Aufsatz treffend als „Kardinaltugend der Freiheit“, die auch im liberalen Rechtsstaat nicht an Bedeutung verloren habe, weil sie dem Individuum aufgebe, dem „sozialem Konformitätsdruck standzuhalten“, wie er sich etwa in der bereits angesprochenen „politischen Korrektheit“ zeigt.

Was also bleibt als Fazit der Tour durch die deutsche Tugendlandschaft? Eigentlich vor allem eines: so überraschend ist es gar nicht, das Ergebnis der BBC-Studie. Und wer Asserates, Matusseks und Dorn/Wagners Bücher liest, mag vielleicht sogar fähig sein, das eigene Deutschsein fortan etwas leichter und heiterer zu nehmen.

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