Des Kaisers Katholiken

„Er spielte Kaiser“. Das Urteil Sebastian Haffners über Wilhelm II. spiegelt die Unsicherheit der Deutungen über den letzten deutschen Kaiser wider. Noch immer hat die Geschichtswissenschaft kein abschließendes Urteil gefällt. Die Biographien von drei Historikern zum Geburtstag Wilhelms II., der sich heute zum hundertfünfzigsten Male jährt, fallen völlig unterschiedlich aus: Der Brite John C. G. Röhl sieht in ihm den Hauptverantwortlichen für den Sturz Deutschlands in den Ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts. Als Getriebenen, der sich nicht gegen die widerstrebenden Interessen und Pläne seiner Umgebung durchsetzen konnte, sieht ihn der in Oxford lehrende australische Historiker Christopher Clark. Für den Berliner Historiker Eberhard Straub ist Wilhelm II. eine Lichtgestalt, die ihr Land an die Weltspitze von Wissenschaft und Wirtschaft führte.

Gilt diese Ambivalenz auch für das Verhältnis des Kaisers zur katholischen Kirche? Wollte er den Ausgleich nach den Wunden, die der Kulturkampf geschlagen hatte? Was bewirkte er tatsächlich?

Es ist bemerkenswert, mit welcher Warmherzigkeit Wilhelm II. in seinen Erinnerungen über seinen dritten und letzten Besuch bei Papst Leo XIII. am 3. Mai 1903 berichtet hat. „Interessant war mir“, heißt es dort, „dass der Papst mir bei dieser Gelegenheit sagte, Deutschland müsse das Schwert der katholischen Kirche werden.“ Das waren überraschende Worte an den protestantischen Souverän eines Landes, das eben erst den von Bismarck begonnenen Kulturkampf gegen die katholische Kirche beigelegt hatte. Dies schien mehr zu sein als der übliche diplomatische Wortwechsel zwischen einer aufstrebenden europäischen Großmacht und dem Oberhaupt einer Kirche, zu der sich 36 Prozent der Bevölkerung dieses Landes bekannte. Offensichtlich kam hier das Selbstverständnis Wilhelms II. als Herrscher zur Sprache.

Wilhelm II.: „Ja“ zu Bischöfen, „Nein“ zum Zentrum

Vorgänger Wilhelm I. hatte sich als deutscher Kaiser noch ganz als protestantischer König von Preußen empfunden und gedacht. Der katholischen Kirche stand er reserviert gegenüber. Anders sein Nachfolger: Wilhelm II. suchte seine Vorbilder in den – katholischen – mittelalterlichen Kaisern des 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Er empfand sich als Herrscher „von Gottes Gnaden“, als „Instrument des Herrn“, dem die Rolle eines Vermittlers zwischen den Interessen von Welt und höheren Werten zukam und dessen Handeln unfehlbar und unangreifbar war. Deshalb fühlte er sich auch verpflichtet, unter den Konfessionen für Ausgleich zu sorgen: „Dass ich die Glaubensfreiheit Meiner katholischen Untertanen durch Recht und Gesetz gesichert weiß, stärkt meine Zuversicht auf die dauernde Erhaltung des kirchlichen Friedens“, schrieb der Kaiser 1888 in einem Brief an den katholischen Episkopat. Die Integration des katholischen Bevölkerungsteils erschien dem Kaiser für die innere Einigung Deutschlands notwendig zu sein: In den Worten „Ein Volk, ein Reich, ein Gott!“ gipfelte eine programmatische Thronrede zum fünfundzwanzigsten Jubiläums des Deutschen Reichs am 18. Januar 1896.

Noch als Prinz, als Student im katholisch geprägten Bonn, hatte Wilhelm II. die Auswirkungen des Kulturkampfs aus nächster Nähe mitverfolgen können. Später, in seinen Erinnerungen verurteilte er diesen Konflikt als „schweres Verhängnis für die geistige Einheit Deutschlands“. Durch Vermittlung von Kardinal Hohenlohe-Schillingfürst lernte Prinz Wilhelm einige der führenden katholischen Bischöfe Preußens kennen. Und er nutzte als Kaiser die Freundschaftsbeziehungen zu deutschen Bischöfen, um sich die Sympathien seiner katholischen Untertanen zu sichern. An erster Stelle steht hier der Fürstbischof von Breslau, Kardinal Georg von Kopp: Mehrfach übernahm Kopp für den Kaiser Vermittlungsdienste beim Heiligen Stuhl. Auch die Erzbischöfe von Köln, Hubert Simar und Felix von Hartmann, waren Freunde des Kaisers. Und was den Episkopat außerhalb Preußens angeht, war es der 1917 zum Münchner Erzbischof geweihte Michael von Faulhaber, der auch nach der Revolution von 1918 keinen Hehl aus seiner monarchistischen Gesinnung machte. „Die Revolution war Meineid und Hochverrat und bleibt in der Geschichte erblich belastet und mit dem Kainsmal gezeichnet“, sagte Faulhaber noch 1922 auf einem Katholikentag.

Doch so hoch Wilhelm II. die Amtskirche als Stütze des monarchischen Reichsgedankens empfand, so tief verachtete er die politische Vertretung des deutschen Katholizismus. Der Kaiser sah im Zentrum das Sammelbecken aller „Reichsfeinde“. Auch nach der Beilegung des Kulturkampfs habe es sich nie zu „einer rückhaltlosen freudigen Bejahung des Reichsgedankens aufschwingen können“, meinte der Kaiser später in seinen Erinnerungen.

Das mittelalterliche Kaisertum sah Wilhelm II. im Deutschen Reich wiedererweckt. Es sei gerade die Vorsehung gewesen, die Wilhelm I. „als den ersten großen Kaiser des Neuen Deutschen Reiches“ direkt an das mittelalterliche Kaiserideal eines Friedrich Barbarossa anknüpfen ließ, „dem es gelang, gewissermaßen das Land einmal zusammenzufassen“, erklärte der Kaiser 1897 bei einem Festmahl des Brandenburgischen Provinziallandtags. Es scheint, als habe der Kaiser in Papst Leo XIII. ein Gegenüber gefunden, das solchen Gedankengängen aufgeschlossen war. Leo XIII. hatte sich als politisches Vorbild Innozenz III., den großen Papst des Mittelalters, ausgesucht. Bereits in der Enzyklika „Diuturnum Illud“ von 1881 hatte der Papst unter Hinweis auf das Hochmittelalter Anspruch auf Mitwirkung in der internationalen Politik gefordert. Überdies befand sich das Papsttum in einer schwierigen politischen Lage: Seit dem Fall des Kirchenstaats 1870 empfanden sich die Päpste als Gefangene im Vatikan und missbilligten jede Kontaktaufnahme mit der italienischen Regierung. Da musste der Besuch des jungen Kaisers am 11. und 12. Oktober 1888 eine diplomatische Aufwertung sein: Noch vor der Paradetafel im italienischen Königspalast besuchte der junge Kaiser den Vatikan: Den Höhepunkt der Visite bildete ein persönliches Gespräch zwischen Kaiser und Papst. Im Vatikan freute man sich über den Triumph über das italienische Königshaus, die deutschen Katholiken feierten das Ende des Kulturkampfs. Und Wilhelm II. sprach von einem freundschaftlichen Vertrauensverhältnis, das dieses erste Zusammentreffen begründet habe.

Dreimal stattete der Kaiser Papst Leo XIII. einen Besuch ab

Dreimal stattete Wilhelm II. Papst Leo XIII. einen Besuch ab. Die katholische Presse, der das Trauma des Kulturkampfs noch in den Knochen saß, interpretierte die kaiserlichen Besuche entsprechend: „Da sahen die Römer einen Karl den Großen wieder heranziehen zu Peterskirche und Vatikan, hinantreten zum Papst, ihn begrüßen, der würdevolle Imperator den würdigen Pontifex“, hieß es etwa 1903 in einem kirchlichen Organ.

Doch nicht allein die Wiederbelebung des mittelalterlichen Kaisergedanken brachte Papst und deutschen Kaiser zusammen, auch das gemeinsame Interesse an der Lösung der Sozialen Frage. Die Sozial-Enzyklika „Rerum Novarum“ bildete das herausragende Ereignis im Pontifikat Leos XIII. Darin bekannte sich der Papst zur Lohngerechtigkeit, zum Koalitionsrecht und zur Staatsintervention zum Schutz der Arbeiter. Scharf wandte sich der Papst gegen jede utilitaristische Ethik des individualistischen Liberalismus, den er für die kapitalistische Klassengesellschaft verantwortlich machte. Er rügte das Versagen der öffentlichen Gewalt und betonte gegenüber sozialistischen Theorien das Ziel der Sozialpartnerschaft, die Unverzichtbarkeit des Sondereigentums an Produktionsmitteln und die Begrenzung des Staatsmacht.

Auch das soziale Engagement Wilhelms II. in seinen ersten Regierungsjahren, das mit zum Sturz Bismarcks führte, hatte einen christlichen Ausgangspunkt. „Wer Christ ist, ist auch sozial“, sagte der Kaiser 1896. Im Bergarbeiterstreik von 1889 ergriff der Kaiser Partei für die Streikenden. Greifbare Folgen seines sozialen Engagements waren die Invalidenversicherung vom Juni 1889 und, 1890, ein Sechs-Punkte-Programm, das den Ausbau der Sozialversicherung, Vorschriften für den Arbeiterschutz, die Einführung eines Schlichtungsverfahrens zur Wahrung des Sozialen Friedens, die Schaffung von Arbeitervertretungen, die Wiederherstellung der staatlichen Bergaufsicht und die Umformung der staatlichen Bergwerke zu sozialen Musteranstalten. Ganz offensichtlich lag hier eine Übereinstimmung zwischen Kaiser und Papst vor. Und der Papst erschien dem Kaiser nicht bloß als interessierter Gesprächspartner, sondern als derjenige Partner, mit dessen Hilfe sich Einheit und sozialer Friede herstellen ließen – wie im mittelalterlichen Zusammenwirken von Kaiser und Papst. Da wundert es nicht, wenn man in Berlin daran interessiert war, den Papst zur Teilnahme an der Internationalen Arbeiterschutzkonferenz, die im März 1890 in Berlin stattfand, zu bewegen. Nach Beratungen im Vatikan entschied der Papst jedoch, keinen direkten Vertreter zu entsenden. Man befürchte Verwicklungen mit Italien, zudem gehe es bei der Konferenz nicht ausschließlich um kirchliche Belange, hieß es. Stattdessen sollte der Fürstbischof von Breslau, Kopp, die katholische Kirche auf der Konferenz repräsentieren, dabei eher beobachtende Funktion haben und keineswegs intervenieren. Gleichwohl stellte die Teilnahme eines Fürstbischofs als päpstlicher Delegat auf einem mehrheitlich von Protestanten besuchten Kongress einen bedeutenden Prestigegewinn für Kaiser und Konferenz dar.

Der Monarch hatte auch andere Seiten: Mehrmals Vatikan düpiert

Auch die Palästinafahrt des Kaisers in Jerusalem mit der Stiftung der Dormitio-Abtei in Jerusalem, mit der Benediktiner der Abtei Beuron betreut wurden, bildete einen Impuls für die deutsche katholische Auslandsarbeit im Heiligen Land, der schwer zu überschätzen war. Waren das herzliche Einvernehmen des Kaisers mit dem Papst und der Besuch im Heiligen Land nicht klare Anzeichen, dass der Kaiser seine Konfession wechseln wollte? Schon Jahre vorher hatte man katholisierende Tendenzen beim Kaiser vermutet. Tatsächlich führte der Kaiser im Oktober 1898 mit dem Innsbrucker Jesuiten Victor Kolb ein Gespräch. Darin muss Wilhelm sehr deutlich geworden sein, denn Kolb berichtete am 8. Oktober gegenüber Kardinalstaatssekretär Rampolla, ohne Namen zu nennen, eine hochgestellte Persönlichkeit „incline vers la religion catholique“. Der Kaiser befand sich offenbar in Gewissensnot. Er neige zwar dem katholischen Glauben zu, da er nach den durchaus ernst zu nehmenden Worten Kolbs unter dem Eindruck der Größe der katholischen Kirche und dem Charme und der unvergleichlichen Würde Leos XIII. stehe, sehe aber große innen- und kirchenpolitische Schwierigkeiten, die einen solchen Schritt behinderten. Da der Kaiser weiteren Gesprächsbedarf bei Kolb geltend machte, bat der Jesuit den Kardinalstaatssekretär um Instruktionen. Wenige Tage später kam die Antwort. Rampolla riet zu äußerster Vorsicht: Obgleich bei Gott nichts unmöglich sei, wisse doch niemand, was in einem anderen Menschenherz vor sich gehe, hieß es. Etwas mehr Begeisterung hätte man sich schon bei Rampolla gewünscht, zumal die katholische Kirche und der Vatikan nichts zu verlieren hatten. Bis zuletzt blieb das Geheimnis gut gehütet. Und was für einen Triumph hätte die Konversion des deutschen Kaisers nach dem erst vor kurzem beigelegten Kulturkampf bedeutet!

Ob Wilhelm II. sich von seinen Überlegungen gelöst hat, ist ungewiss. Seine öffentlichen Kommentare und Bemerkungen waren keineswegs einheitlich katholisierend. 1901 war er angeblich sehr entrüstet, als die verwitwete Prinzessin Anna von Preußen, eine Enkelin Friedrich Wilhelms III., zum katholischen Glauben übertrat. Und in Rom war man bestürzt, als der Kaiser bei der Einweihung des Evangelischen Doms in Berlin zu einem Bündnis aller Protestanten gegen den Ultramontanismus in Deutschland aufrief. Hintergrund waren Angriffe der Zentrumspartei gegen die deutsche Kolonialverwaltung, die 1906 in die Auflösung des Reichstags mündeten.

Zeigte sich damit auch im Verhältnis zur Kirche der unstete Zug, der so oft als Kennzeichen in der Persönlichkeit des Kaisers genannt wurde? Die Integrationspolitik des Kaisers gegenüber den deutschen Katholiken führte dazu, dass sich die Katholiken mit ihrem Staat wieder identifizierten. Treue gegenüber Rom und Loyalität gegenüber dem Staat schlossen sich nicht mehr aus. Das bedeutete aber auch, dass die deutschen Katholiken in den Ersten Weltkrieg mit dem festen Bewusstsein eintraten, hier gehe es um den Abwehrkampf gegen die antichristlichen Entente-Mächte – und sie wollten sich nach Jahren des Kulturkampfs nicht wieder als „schlechte Deutsche“ diffamieren lassen. „Nach meiner Überzeugung wird dieser Feldzug in der Kriegsethik für uns das Schulbeispiel eines gerechten Krieges werden“, meinte der spätere Erzbischof Faulhaber noch 1915.

Aber angesichts der ungeheuren Verluste in den Materialschlachten verlor der Kaiser bald auch bei den Katholiken seinen religiösen Nimbus. In der Niederlage zeigte sich, dass die Integrationspolitik des Kaisers gegenüber den Katholiken nur teilweise gelungen war. Denn Wilhelm II. hatte sie aus machtpolitischen Zwecken betrieben: Thron und Altar, Religion und Gehorsam gegenüber dem Souverän – dies schienen für den Kaiser zwei Seiten einer Medaille zu sein. Gehorsame Untertanen waren für ihn immer auch fromme Untertanen. Und wenn der Kaiser gegen „die Parteien des Umsturzes“ aufrief, sprach er immer vom Kampf gegen den Unglauben. Kirche und Religion wurde zum Werkzeug der Macht. Solche Interpretationen konnten nach der Abdankung des Kaisers nicht mehr funktionieren. In der Weimarer Republik fanden sich die Katholiken von neuem als Minderheit vor. Aber die Demokratie bot ihnen die Chance, ihre Interessen im sachlichen Ausgleich durchzusetzen.

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