Der zunehmende Schwund des Realen

Trugbilder beherrschen unsere Medienwelt: Eine Suche nach den Resten der Wirklichkeit. Von Björn Hayer
Foto: dpa | Wer spricht, wer schreibt, wen sieht man – wie wirklich ist die Medienwirklichkeit?
Foto: dpa | Wer spricht, wer schreibt, wen sieht man – wie wirklich ist die Medienwirklichkeit?

E-Mails verwalten neuerdings unsere unbewussten Ängste. Von überall drohen, nehmen wir die eingegangenen Nachrichten ernst, Hacker in unsere Accounts einzudringen. Wir häufen auf den Servern der virtuellen Welt zahllose Passwörter, die wir uns kaum noch merken können, um die persönlichen Daten zu sichern. Und trotzdem bleibt nichts geheim.

Derzeit sind wieder vermeintliche Amazon-Mails mit der dringlichen Bitte um Verifizierung unserer Konteneinstellungen im Umlauf. Betrügerisches Raffinement setzt hier manch einen in überstürzten Handlungsdrang. Schnell folgt man dem angegebenen Link und gibt panisch Kennwort und Bankdaten ein, ohne zu merken, dass man in diesem Moment den eigentlichen Cyber-Kriminellen auf den Leim geht. Wo Amazon draufsteht, muss nicht Amazon drin sein, bemerkt man spätestens bei der Durchsicht der Kontoauszüge. Während die frühen Internetoptimisten lange Zeit die Parole ausgaben, mit der Ausbreitung des Netzes würde eine neue Stufe der menschlichen Entwicklung zum freien Subjekt genommen werden, führen uns die digitalen Medien mit ihrer simulatorischen Brillanz an den Rand der Erkenntnisfähigkeiten. Um es mit dem französischen Medientheoretiker Jean Baudrillard zu sagen, befinden wir uns in einer Epoche, welche die Realität gänzlich durch das Simulakrum, das Trugbild, ersetzt hat. Nur bei genauer Prüfung der Adresszeile mag Skepsis aufkommen, ob die scheinbare Alarmismus-Mail des größten Internetversandhändlers tatsächlich auch bei ihm seinen Ursprung nahm. Emblem und Aufmachung lassen hingegen nicht einmal den Hauch einer Fälschung aufkommen. Gleiches gilt für ominöse Mahnungsbescheide und angedrohte Mahnverfahren. Der kriminellen Energie sind demnach kaum noch Grenzen gesetzt.

Unscharfe Handybilder als Zeichen von Restrealität

Unser Dasein in und mit den Medien nimmt mehr und mehr den Charakter eines virtuellen Welttheaters, eines Theatrum Mundi an. Oftmals verselbstständigen sich Zeichen und Bilder, bis nach zahlreichen Weiterleitungen und Bearbeitungen nur noch eine Restrealität übrig bleibt. Früher waren es Gerüchte, die über Distanzen oder Zeiträume hinweg zu Mythen und Sagen wurden, heute sind es unscharfe Handybilder, aufgenommen bei Explosionen und Gefechten in Krisengebieten.

Auslandsberichterstattung setzt indes weniger noch auf Eindrücke und Einordnungen von Korrespondenten als vielmehr auf für wahr befundene Originalbilder von unmittelbaren Katastrophen. Dabei müssten insbesondere wackelnde Mitschnitte von Mobiltelefonen, hochgeladen auf Youtube, Zweifel über deren Echtheit und Herkunft wecken. So verbreiten sich immer zahlreicher und unkontrollierter erschütternde Aufnahmen von Familien vor der Kulisse brennender Häuser, Bürgersoldaten im Sturmhagel und Propagandavideos islamischer Dschihadisten. Um das Flüchtlingsleid aus Syrien zu dramatisieren, griff bereits im Jahr 2012 das österreichische Boulevardblatt „Kronen Zeitung“ auf Methoden der Bildmanipulation zurück: mithilfe von Photoshop wurden ein Mann, der ein Kleinkind trägt und eine komplett verschleierte Frau, aufgenommen in der syrischen Stadt Aleppo, in die Ruinenlandschaft der Stadt Homs hineinmontiert. Der syrische Bürgerkrieg sollte noch dramatischer rüberkommen als er ohnehin schon ist. Als dies herauskam, dürfte der Vertrauensbruch bei den Lesern enorm gewesen sein. Gleichwohl kursieren unzählige Montagen unverändert im Web herum. Körper und Orte, die nicht zusammengehören, werden zusammengefügt. Copy and Paste macht es möglich. Was auf authentischen Zeugnissen beruht, kann im Zeitalter computertechnischer Bildbearbeitung kaum noch nachvollzogen werden. Täuschung und Wahrheit gehen einen bedenklichen Pakt ein. Der Rezipient und Medienkonsument geriert dabei zum Spielball von Fälschern und büßt sein Wahrnehmungsvermögen ein.

Auf politischer Ebene sind solcherlei Entstellungen fatal, insofern sie sich leicht unserem Unbewusstsein einschreiben. Unsere Weltsicht verfremdet sich. Wagen wir ein Gedankenexperiment: Würde man derzeit auf der Straße nach Attributen fragen, die Afghanistan charakterisieren, so wären sicherlich Krieg, Zerstörung und Hoffnungslosigkeit die erwartbaren Antworten. Nicht ganz falsche, aber auch nicht ganz richtige Antworten, die der dramatischen Zuspitzung in der Medienberichterstattung geschuldet sind. Der Schleier der realen und der medial transportierten Gewalt legt sich über eine ganze Kultur, deren vielschichtiges Erbe zwischen den Fronten von Extremisten und einseitiger Medienberichterstattung unterzugehen droht. Für die Schönheit dieses Landes samt seiner Vielfalt und seiner reichen Tradition findet sich im Passepartout westlicher Perspektiven momentan kein Platz mehr. Das Netz und die digitalen Marionettenspieler tragen zur umfassenden Verflachung bei. Die komplexe Welt dröselt sich dadurch eben nicht in Differenzierungen auf, sondern wird mit einfachen Bildern zurechtgestutzt.

Die Gegenwart angemessen zu verstehen bedeutet daher, sich zukünftig auch verstärkt technische Zusammenhänge klarmachen zu müssen. Nur wenn wir das Prinzip Montage und Imitation im digitalen Zeitalter tiefgehend begreifen, sind wir gegen die Tricksereien umd Simulakra gewappnet oder zumindest besser gewappnet. Medienkompetenz ist der Schlüssel zum Wissen und somit auch zu den Machtverteilungen im 21. Jahrhundert. Denn: Ideologien, wie sie Terroristen zu predigen suchen, brauchen heute kaum noch das Wort.

Das Bild hat das Wort als Demagogiemittel abgelöst

Nicht demagogische Reden sind – wie in noch gar nicht so lang zurückliegender Zeit – die Bedrohung für aufgeklärte Demokratien. Mehrheiten, Einstellung und letztlich auch ganze Kriege werden heute wie zukünftig über Bilder (mit)gewonnen. Dadurch erhitzen sich die Debatten und die Gemüter. Ein besseres Verstehen können Aufnahmen für sich allein jedoch nicht bieten. Erst in Sequenzen und Bezugslinien ergeben sie ein Sinnganzes. Umso mehr bedarf eine so mediendurchdrungene Gesellschaft wie die unsrige eines kühl zu differenzieren vermögenden Journalismus. Erst durch kritische Prüfung und Wertung mögen sich Bildern auch Wahrheiten entlocken lassen.

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