Der weite Blick aus Brandenburg

Günter de Bruyn hat mit über 92 Jahren einen neuen Roman herausgegeben – Ein Porträt. Von Stefan Sieprath
Foto: S. Fischer | Raureif überzieht ostdeutsches Land, wie auf dem Cover des neuen Buches von Günter de Bruyn, „Der neunzigste Geburtstag“, zu sehen ist.

Wanderungen durch das heutige Brandenburg. Alles andere als ein katholisches Ambiente, dagegen viel Protestantismus und noch mehr religionsloses Gebiet. Und viel Natur. Irgendwo nahe der sogenannten Krummen Spree, völlig abseits im Wald, lebt der Schriftsteller Günter de Bruyn, nahezu wie ein Eremit. Und was man hier, in der preußischen Streusandbüchse, inmitten von Kiefern, Schlehen, alten Obstbäumen und Eichelhähern nicht vermutet, der Mann ist Katholik. Und jetzt hat er einen neuen Roman herausgegeben, durchaus außergewöhnlich, im hohen Alter von 92 Jahren.

Sein literarisches Gesamtwerk, entstanden in Jahrzehnten in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland, ist umfangreich und mehrfach preisgekrönt. Gibt es in diesem Werk Spuren des Katholischen, was hat er in all den Jahren des Schaffens zum Thema gemacht? Bereits in der DDR entwickelte sich de Bruyn vor allem mit Hörspielen, Erzählungen und Romanen zu einem bekannten Schriftsteller, dessen zweiter Roman „Buridans Esel“ (1968), einer Dreiecksgeschichte über Liebe und Lebenslügen, auch in der Bundesrepublik veröffentlicht wurde. 1975 landete er einen noch größeren Erfolg mit der Biografie „Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter“. Nach der Wiedervereinigung erschienen seine beiden autobiografischen Werke „Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin“ (1992) und „Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht“ (1996), in denen der Autor auch Einblick in seine katholische Seite gewährt. Vor allem die Schilderung seiner Kinder- und Jugendjahre gibt Zeugnis vom Leben in der katholischen Diaspora in bewegten Zeiten.

Geboren 1926 in Berlin, wächst de Bruyn hinein in ein als glücklich empfundenes Familienleben traditioneller Regeln mit Morgen- und Abendgebet, der besonderen Beachtung des Sonntags und dem als Höhepunkt des Jahres empfundenen Weihnachtsfest. Die Rituale vermitteln ihm Sicherheit und werden nicht als Zwang empfunden, da dem individuellen Bedürfnis des Einzelnen genug Raum zur Verfügung gestanden habe. Berlin habe etwa zehn Prozent Katholiken aufgewiesen, denen der Besuch der Heiligen Messe Pflicht gewesen sei. Günter de Bruyn berichtet unter anderem über die katholische Jugendorganisation „Neudeutschland“, über katholische Zeitungen und Zeitschriften und den mittlerweile als selig verehrten Dompropst und Märtyrer Bernhard Lichtenberg. Er steht exemplarisch für die Generation junger Männer, die in den dramatischen Lauf der deutschen Katastrophe katapultiert wurde. Sein Erleben der Naziherrschaft, von Krieg, Verwundung, des Herumirrens in den Wirren des Kriegsendes und der Teilung Deutschlands sowie Berlins unter neuen ideologischen Vorzeichen werden mit einer Reflexionsdichte geschildert, die zeitlos beeindruckend ist und jedem, dem die Gnade der späten Geburt gewährt wurde, verdeutlicht, in welch gnadenlose Untiefen das Individuum gestürzt werden kann. De Bruyn berichtet, von der Brutalität der Waffen-SS habe er in der Wehrmacht erfahren, nicht jedoch von der Ermordung jüdischer Menschen. Er räumt allerdings ein, vielleicht auch nicht genügend Fragen gestellt zu haben. Die „Dressurversuche an Menschen“ habe er in zwei Systemen erlebt, seinen Glauben verliert der junge Mann aber durch diese einschneidenden Erfahrungen und sein Erleben der beiden sich „formal und methodisch“ ähnlichen „Ideologie-Antipoden“, denen er mit Widerwillen und Angst begegnete, nicht. Ja, in dieser Aneinanderreihung des Totalitären entfaltet sich in ihm eine ganz eigene Persönlichkeit, die er selbst als die eines „christlich-pazifistischen Individualisten“ bezeichnet. Nach dem Fall der Mauer will er Gott danken, findet die Kirche allerdings verschlossen vor.

Im Anschluss an seine autobiografischen Werke thematisiert Günter de Bruyn das Katholische in seinem reichhaltigen literarischen Schaffen allenfalls punktuell. So wie der ostdeutsche Staat der Vergangenheit angehört, so lässt er auch die Phase seiner dort entstandenen fiktionalen Literatur hinter sich. Er widmet sich nun mit der ihm eigenen Gründlichkeit seiner märkischen Umgebung. Teilbereiche von deren Geschichte und Kultur – damit auch der christlichen Tradition – weiß er meisterhaft zu verarbeiten, ein Schlüsselbegriff seines Wirkens ist dabei der der deutschen „Kulturnation“. Titel wie „Unter den Linden“ (2002), „Als Poesie gut“ (2006) oder „Die Zeit der schweren Not“ (2010) setzen sich vor allem mit der Kulturgeschichte Berlins auseinander, beispielsweise Werke wie „Abseits. Liebeserklärung an eine Landschaft“ (2005) oder „Kossenblatt. Das vergessene Königsschloss“ (2014) führen den Leser dagegen mitten ins Brandenburgische. Die Beschäftigung mit dessen Geschichte und Naturschönheit sowie das zurückgezogene Leben eben dort, das Ergebnis einer bewussten Entscheidung während der DDR-Zeit war, sind weitere Kennzeichen dieses herausragenden zeitgenössischen Schriftstellers. Im Jahre 2016 bricht sich das Katholische mit der Lebensbeschreibung des Autors Zacharias Werner unter dem Titel „Sünder und Heiliger“ wieder Bahn (DT vom 25.3.2017). Es ist dabei nicht zwingend relevant, ob der mittlerweile Neunzigjährige in erster Linie vom katholischen Element seines Sujets oder mehr von der inneren Zerrissenheit eines Sonderlings, der „seinem Seelenheil zuliebe die Welt aus dem Blick“ verloren habe, angeregt worden ist. Fakt ist, dass die erzählte Vita gerade auch aus konfessioneller Perspektive als äußerst lesenswert erscheint. In einer Stationenfolge wird die turbulente Geschichte dieses Dichters der Romantik erzählt, die zunächst zwischen Frauengeschichten und religiöser Dichtkunst pendelt und nach einer Reise ins katholische Köln während eines Romaufenthalts in die Konversion zum katholischen Glauben führt, ja schließlich sogar in der Priesterweihe gipfelt.

Der neunzigste Geburtstag

Und nun, mit 92 Jahren, ein neues Opus, interessanterweise nach langer Zeit wieder ein Roman. Das Katholische im Speziellen spielt in dem empfehlenswerten Buch keine Rolle, das Thema Kirche wird aber mehrfach angesprochen, vor allem mit einem kritischen Blick auf eine sich dem Zeitgeist ergebende Kirche. Die mehrschichtige, in einem Nest in Brandenburg spielende Handlung bildet zunächst die kleine Welt einer nicht unbedingt in völliger Harmonie lebenden Familie ab. Der neunzigste Geburtstag eines Familienmitglieds, einer alten Dame, steht bevor. An ihrer Seite, aber mit ihr nicht immer einer Meinung, steht unter anderem ihr fast so alter Bruder. Vor dem Hintergrund dieser Konstellation taucht der sich ansonsten so gerne in die Sphäre der Vergangenheit begebende Autor in den Reflexionen und kontroversen Gesprächen seiner Protagonisten weit in die große Welt der aktuellen bundesdeutschen Zeitgeschichte und Gesellschaft ein, die er mit hellwacher Analyse und durchsetzt mit feiner Ironie literarisch beleuchtet. Zentrales Thema ist die Flüchtlingspolitik, ein heikles Thema, bei dem das bunte, neue Deutschland im Normalfall nur schwarz oder weiß zu kennen scheint. Dabei bleibt de Bruyn sich treu; er lässt sich so schnell in keine ideologische Schablone pressen, aber seinem Protagonisten legt er für manchen Zeitgenossen unangenehme Ansichten und Gedanken in den Mund, die der Reflexion in einer freien Gesellschaft aber würdig sein müssten. Das ganze Buch ist Beweis einer jedem Alter trotzenden Schaffenskraft und der geistigen Wachheit des über neunzigjährigen Autors, der zwar auch für innere Emigration und eine gewisse Weltflucht steht, dessen Leben in der Einsamkeit der brandenburgischen Natur aber alles andere als ein dichterisches Verharren in einem Elfenbeinturm darstellt.

Wenn dieser brandenburgische Schriftsteller katholischer Konfession, dieser „christlich-pazifistische Individualist“, seine Neugierde und schriftstellerische Schaffenskraft noch lange behält, es wäre seinen Lesern und diesem Land zu wünschen.

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