Der Wanderer sehnt sich nach Vereinigung mit dem Göttlichen

Die islamische Kultur wird Schwerpunkt bei der Ruhrtriennale 2010

Im vergangenen Jahr brach die Ruhrtriennale unter der neuen Leitung des Regisseurs Willy Decker zu einem besonderen Dreijahreszyklus auf: „Urmomente“ – so die gemeinsame Überschrift der Spielzeiten 2009/2010/2011. Im Mittelpunkt dieses Zyklus steht die Frage nach der inneren Beziehung zwischen Kunst und Religion, der Begegnung des Schöpferischen mit dem Göttlichen.

Für jede der drei Spielzeiten gibt es neben der Gesamtüberschrift noch ein spezielles Motto: Unter dem Titel „Aufbruch“ stand in der vergangenen Saison die jüdische Tradition im Vordergrund. In diesem Jahr richtet sich der Fokus unter dem Leitwort „Wanderung“ auf den islamischen Kulturkreis. Und mit dem Leitmotiv der „Ankunft“ im Jahr 2011 schließt die Triennale den Zyklus „Urmomente“ mit einem Blick auf den Buddhismus.

Bei einer Pressekonferenz in der Jahrhunderthalle Bochum präsentierte Intendant Decker jetzt das – wesentlich auch von der persischen Dichtung mit inspirierte – Programm dieser Spielzeit. Dabei machte er deutlich, wie sehr das Motiv der „Wanderung“ ein zentraler Aspekt der islamischen Spiritualität ist: „Der Mensch erscheint als Suchender, geleitet von der Sehnsucht, in der Vereinigung mit dem Göttlichen endlich anzukommen.“ Das Element der irdischen Pilgerschaft ist im übrigen auch der christlichen und jüdischen Tradition vertraut.

Decker stellte sein Regieprojekt vor: „Leila und Madschnun“ – die bewegende Geschichte einer unerfüllten Liebe. Verfasst wurde sie im Jahr 1188 vom persischen Dichter Nizami; und sie gehört bis heute zum kulturellen Erbe des Islam. Der Lyriker und Dramatiker Albert Ostermeier schrieb die deutsche Bühnenfassung. Und der in Tel Aviv geborene, heute in Deutschland lebende palästinensisch-israelische Komponist Samir Odeh-Tamini schuf den musikalischen Rahmen, nutzte dazu Klangmotive und Rhythmen seiner Heimat.

„Leila und Madschnun“ erlebt seine Premiere am 20. August in der Bochumer Jahrhunderthalle: Es ist die Geschichte des jungen Qeis, der nach der gewaltsamen Trennung von seiner geliebten Leila Familie und Stamm verlässt, die Wüste durchirrt und zu „Madschnun“, dem „Wahnsinnigen“, wird. Mehr und mehr aber verändert sich seine Liebe zu Leila, wandelt sich nach und nach in eine universale, grenzenlose Liebe zur Schöpfung – zu Gott. Am Ende kann Madschnun nur eines über sich aussagen: „Ich bin ein Liebender!“

Ergänzt wird das Theaterprojekt durch ein Symposion über „Himmlische Liebe – Mystik, Ekstase, Erkenntnis“ am 29. August: Hier diskutiert eine hochkarätige Runde aus Literaten und Philosophen über die Einheit von Menschen- und Gottesliebe in verschiedenen kulturellen Kontexten. Textgrundlagen des Symposions sind unter anderem das Hohe Lied, das „Liebesbuch“ des persischen Dichters Dschalal Rumi und die göttlichen Visionen der Hildegard von Bingen.

Die Kultur des Islam steht auch im Zentrum einer Filmreihe bei der diesjährigen Ruhrtriennale: „Spirit of Islam“: Da in den vergangenen Jahren Filme aus islamischen Ländern große Erfolge bei internationalen Festivals feierten, möchte die Ruhrtriennale – wenigstens ausschnitthaft – Einblicke in das breite Spektrum der Filmkunst in diesen Ländern bieten. So zeigt die Triennale Werke junger Regisseure und Regisseurinnen, etwa der Bosnierin Jasmila Žbaníc und ihrer iranischen Kollegin Hana Makhmalhaf. Die Themen der Filme reichen von der Auseinandersetzung zwischen Modernität und Tradition, über Generationenkonflikte, Jugendkultur, Sexualität bis zum Thema Spiritualität. „Spirit of Islam“ öffnet Blickwinkel auf Entwicklungen muslimischer Gesellschaften der Gegenwart, zeigt beharrende, aber auch sich wandelnde Mentalitäten.

Einen weiteren Zugang zu islamischer Kultur und Denken bieten verschiedene literarische Lesungen: Unter anderem werden Werke von Orhan Pamuk und Salman Rushdie vorgestellt. Ein weiterer literarischer Abend bringt dem Publikum Werke von zwei bedeutenden Vertretern der christlichen und der muslimischen Welt näher: Auf der einen Seite steht die Dichtung Dschalal al-Din Rumis (1207–1275); seine Einflüsse auf die mystische Bewegung des Sufismus sind ebenso bedeutend wie auf die persische und türkische Literatur bis in die Gegenwart. Ihm gegenüber gestellt werden Verse Franz von Assisis, dessen „Sonnengesang“ bis heute eines der bewegendsten Zeugnisse christlicher Dichtung ist. Franz von Assisi war ein – wenn auch älterer – Zeitgenosse des persischen Dichters; beide sind einander jedoch nie begegnet, soweit man weiß. Es verbindet sie die Konsequenz, mit der sie ihren Weg gingen und vor allem: eine tiefe Spiritualität und Gottesliebe.

Höhepunkte dieser Spielzeit sind auch zwei große Musikprojekte von Hans Werner Henze. Für die Triennale schrieb er das musikalische Bühnenstück „Gisela – die merk- und denkwürdigen Wege zum Glück“ und als Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr 2010 das Musikprogramm „Neue Musik für eine Metropole“, worin sich verschiedenste Elemente seines bisherigen Werkes widerspiegeln. Ein Akzent setzt die diesjährige Ruhrtriennale auch mit der Uraufführung der ersten dramatischen Fassung von Günther Grass' Roman „Die Blechtrommel“.

Ein weiterer Programmhöhepunkt ist ein neues Projekt von Christoph Schlingensief. Er hofft damit, an den Erfolg seiner Triennale-Inszenierung aus dem Jahr 2009 „Eine Kirche der Angst“ anknüpfen zu können, die auch bei Gastspielen in Amsterdam und beim Berliner Theatertreffen auf breite Resonanz stieß. In seiner neuen Produktion „In Hilfe ersticken“ beleuchtet Schlingensief selbstkritisch die möglichen Konsequenzen des geplanten Operndorfes in Burkana Faso. Er befürchtet zunehmende Geldtransfers nach Afrika, fürchtet, dass auf diese Weise die eigenen Kräfte der Afrikaner zur Gestaltung ihrer Gesellschaft erstickt werden könnten.

Um den Dialog der Religionen geht es bei einem Kulturforum „Friede sei mit euch“: Wie ist dieser Friedenswunsch aus Sicht der verschiedenen Religionen zu interpretieren? Was bedeuten die Friedensbotschaft und das Gebot der Nächstenliebe des Christentums, wie sind die Gebote zur Friedenssicherung im Islam zu verstehen? Und wie realistisch ist Kants – von der Aufklärung inspirierte – Idee eines supranationalen „Ewigen Friedens“? Kirchenvertreter, Politiker und Wissenschaftler diskutieren im Rahmen der Triennale über mögliche Chancen einer interreligiösen Friedensbewegung.

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