Der verkaufte Tod

Gerade wird der Tod verkauft. Selbsternannte Sterbehelfer verkaufen ihn an Kranke und Lebensmüde. Sie liefern die Tinkturen, die zum Selbstmord benutzt werden – von Medikamenten zu sprechen, ist purer Zynismus. Sie tun das gegen Bezahlung, versteht sich, getarnt als Mitgliedsbeiträge eigens gegründeter Vereine. Die Sterbehelfer verkaufen den Tod auch in anderer Weise. Sie machen ihn zum Discountartikel. Sie entwerten seinen Sinn. Die Inflation der Todesanlässe und der Todesmöglichkeiten, die von Sterbehelfern befeuert wird, zehrt den Reichtum des Lebens auf. Ohne altehrwürdige Heiligkeit und Ernst des Todes und des Sterbens schlägt auch das Leben in unheilige, unernste, geschäftige Langeweile um, also Leere.

„Nicht zu wissen, wo und wann der Tod

anklopft, ermutigt den Menschen, den

Augenblick gelassener zu leben.“

Denn nicht zu wissen, wann die Stunde kommt, darüber nicht selbst Herr sein zu müssen, sondern sie in Gottes Hand legen zu können (oder für Gottleugner und Gottgleichgültige: wenigstens in die der Natur), ist eines der kostbarsten Güter jedes einzelnen Menschen und der Menschheit. Es entlastet ihn. Es schenkt ihm ein „Gedenke des Todes“, das ihn innehalten und damit ausbrechen lässt aus dem Hamsterrad des Alltags. Nicht zu wissen, wo und wann der Tod anklopft, erinnert den Menschen, das zu tun, was wirklich wichtig und sinnvoll ist. Es ermutigt ihn, den Augenblick gelassener zu leben. Das „Gedenke des Todes“ lässt die Lebensangst nicht übermächtig werden, deren Grund sich ja oft erst in Krisen klärt.

Dieser doppelte Ausverkauf des Todes durch Sterbehelfer wie Hamburgs Ex-Justizsenator Roger Kusch oder den Schweizer Rechtsanwalt Ludwig Minelli („Dignitas“), die aktive Sterbehilfe an jedem Ort und zu jeder Zeit möglich machen wollen, ohne bestraft zu werden, hat seinen Preis. Er heißt Kulturbruch. Mit katastrophalen Folgen für die Art und Weise, wie Menschen in Zukunft mit sich selbst und miteinander umgehen. Das lässt schon der zentrale Begriff des „Selbst“ in der Agitation von der Selbstbestimmung ahnen, mit der Sterbehilfe-Lobbyisten ein solches Recht begründen. Dieses „Selbst“ tritt nämlich radikal auf sich bezogen und damit grundsätzlich vereinsamt auf. Es steht einzig und allein sich selbst verantwortlich da. Das „Selbst“ der abendländischen Tradition dagegen lebt aus seiner Beziehung zu anderem und anderen. Ohne Beziehung kann in dieser Kultur kein „Ich“ existieren oder verstanden werden. Deshalb ist das „Selbst“ unserer überlieferten Kultur mit dem eigenen Tun immer auch anderen gegenüber und für diese mitverantwortlich. Das „Selbst“ im Konzept der Suizidbeihilfe jedoch verneint diese Tradition, weil sie sich von deren Moral emanzipieren will, die subjektiv als einengend empfunden wird. Was sie unterschlägt: Indem sie privat einen Emanzipationsgewinn einstreicht, mutet sie der Öffentlichkeit mit ihrem Konzept des „Selbst“ als Solitär die Folgekosten einer prinzipiellen Entsolidarisierung der Gesellschaft zu – ein entscheidender Kulturbruch.

Insofern schöpft auch eine juristische, oder eine kombinierte juristische und ethische Diskussion das Problem der aktiven Sterbehilfe bei weitem nicht aus. Allein rechtliche Lösungsvorschläge sind wenig belastbar, um das Menschsein, so wie wir es kennen, zu bewahren. Auch die gängige Ethik bleibt angesichts der vordergründigen Attraktivität, den die Leidvermeidungsstrategie der aktiven Sterbehilfe entfaltet, dem bisherigen grundlegenden zivilisatorischen Verständnis des Menschen als eines Wesens, das sich nicht selbst geschaffen hat und deshalb von Anfang an eben nicht autonom über Leben und Tod entscheidet, vieles schuldig. Zumal diese Ethik meist nur noch als Dienstleistungs- und Zertifizierungsagentur auftritt. In falscher Bescheidenheit begnügt sie sich damit, im Einzelfall Gründe von umstrittenen Entscheidungen Dritter, etwa die von Medizinern am Lebensende der Patienten, in eine plausible und widerspruchslose Form zu bringen, anstatt inhaltliche Orientierung darüber zu geben, was das gute, seinsollende Leben ist.

Wenn nun der doppelte Ausverkauf des Todes und der damit drohende Kulturbruch gestoppt werden sollen, darf eines nicht passieren: Dass sich die Debatte und die Fronten ähnlich formieren wie dies vor Jahren in der Diskussion um die Abtreibung der Fall gewesen war – mit dem bekannten Ergebnis. Es tauchen schon wieder ähnliche rhetorische Muster auf, die ein entsprechendes Szenario möglich scheinen lassen: Wenn aktive Sterbehilfe in Deutschland nicht erlaubt sei, dann gingen die Menschen eben in die Schweiz oder andere Länder, um sich beim Suizid helfen zu lassen, heißt es mittlerweile von Befürwortern aktiver Sterbehilfe. Ob die Suizidhilfe dort so ausgeführt werde, dass die Todessehnsüchtigen dabei leiden müssten oder deren Angehörige finanziell über den Tisch gezogen würden, lasse sich nicht überblicken. Und das sei für die Betroffenen keine tragbare Situation, wird weiter argumentiert. Diese vermuteten Missständen ließen sich aber mit der Zulassung aktiver Sterbehilfe in Deutschland verhindern, abgesehen davon, dass angesichts des Sterbetourismus ein deutsches Verbot pure Heuchelei sei, ziehen schließlich Befürworter aktiver Sterbehilfe ihren Schluss. Von dieser Propaganda ist es dann nur ein folgerichtiger Schritt zu der denkbaren Initiative, die in Deutschland eine Beratungsstelle für Sterbewillige eingerichtet sehen will, die diesen einen Schein ausstellt, mit dem sie sich zwar rechtswidrig, aber straffrei beim Suizid assistieren lassen könnten. Selbstverständlich solle das nur in gesetzlich definierten Fällen, unter ärztlicher Aufsicht und bei Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen geschehen, wie das heute etwa die Niederlande praktiziert, werden die Befürworter der Sterbehilfe die Gutgläubigen unter ihren Gegnern zu beruhigen suchen. Flankiert werden könnten solche Vorschläge dann durch eine entsprechende Mitleidsethik, spektakuläre Einzelfälle, die ein „Nein“ zu aktiver Sterbehilfe als unmenschlich erscheinen lassen, Umfragen in der Bevölkerung, sowie Talkshows, Filme, Bücher und intellektuelle Debatten über die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, deren höchster Ausdruck das Recht auf Suizid sein soll – und schon wird es für die Gegner aktiver Sterbehilfe und die Politik ungemütlich, baut sich ein Druck auf, dem schwer standzuhalten ist.

„Wer gegen die

Rhetorik der Euthanasie bestehen will, muss die Deutungshoheit über die großen Fragen der Menschen suchen.“

Um jedoch diesem absehbaren Druck standhalten zu können, wird es viele sachverständige Talente in Politik, Justiz, dem Wissenschaftsbetrieb, den Medien und dem Kunstbetrieb brauchen, die gegen die Befürworter der aktiven Sterbehilfe öffentlich verständlich auftreten können. Es wird die weitere Arbeit und das Zeugnis für den Sinn der Arbeit derjenigen Menschen brauchen, die in der Hospizbewegung, auf Palliativstationen, privat in der Nachbarschaft oder in der eigenen Familie schwerstkranke und leidende Menschen begleiten, um ihnen menschliche Zuwendung zu schenken. Es wird eine Einheit der Christen, gleichgültig ob Laien oder Amt, brauchen, die das „Nein“ zu aktiver Sterbehilfe in den eigenen Reihen nicht aufweichen lassen. Es wird eine CDU/CSU brauchen, die in dieser Frage keine parlamentarischen Kompromisse eingeht, und mit denjenigen in anderen Parteien kooperiert, die den Schutz des Menschen in seiner letzten Lebensphase ernst nehmen – die Fassung eines Gesetzes zur Patientenverfügung ist nicht die letzte und schwerste Prüfung, die auf die Volksvertreter zukommt.

Geprüft wird mit dem doppelten Ausverkauf des Todes gleichermaßen politische Praxis wie die grundlegende Metaphysik der abendländischen Kultur. Wer gegen die Lobredner der Euthanasie bestehen will, muss die Deutungshoheit über die großen menschlichen Fragen wie denen nach dem Wesen der Freiheit oder der Bedeutung des Leidens suchen. Er wird dann dem Wind der Meinungen nicht hilflos ausgeliefert bleiben. Im wahrsten Sinne des Wortes sollten Tod und Sterben wieder aufgewertet werden, weil das bisher gesellschaftlich sanktionierte Tabu des Suizids und der aktiven Sterbehilfe eines der Fundamente der abendländischen Kultur ist.

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