Der Unscheinbare

Münsters Foucaultsches Pendel: Der bekannteste deutsche Maler Gerhard Richter arbeitet an sei-nem zweiten Kunstwerk. Von Gerd Felder
Gerhard Richter in Münster
Foto: dpa | Das Pendel soll an einem in der Vierungskuppel verankerten Seil hängen: Gerhard Richter in Münster.

Er gilt vielen als bedeutendster lebender Künstler der Welt. Seit Jahren führt er auf dem jährlich erscheinenden Kunstkompass die entsprechende Liste an; darüber hinaus sind seine Werke die teuersten auf dem Kunstmarkt. Doch Gerhard Richter ist alles andere als ein Star, der sich in den Mittelpunkt stellt, viel Aufhebens von sich macht oder Glamour verbreitet. Er ist eher unscheinbar, klein, zurückhaltend und scheu. Als ihn beim Ortstermin in Münsters Dominikanerkirche, für die er eine Installation mit einem Foucaultschen Pendel plant, die Presse-Meute umlagert und mit ihren Fragen löchert, bleibt er völlig ruhig und gibt einsilbige Antworten. Der große Schweiger lässt sich in der Regel nicht viel entlocken, sondern will seine Werke für sich stehen lassen. Klar ist so viel: Das Pendel will er der Stadt Münster zum Geschenk machen.

Geboren am 9. Februar 1932 in Dresden, wuchs Richter in der Oberlausitz auf und wurde zunächst zum Schriften-, Bühnen- und Werbemaler ausgebildet, bevor er 1951 sein Studium an der Kunstakademie Dresden antreten konnte. Nach der Diplomarbeit 1956 arbeitete er als Meisterschüler an der Kunstakademie und übernahm Staatsaufträge der DDR, entschloss sich aber im Jahr 1961 zur Flucht in die Bundesrepublik. Von seinen Bildern, die er zum größten Teil in der DDR zurücklassen musste, blieben nur wenige erhalten. Richter nahm noch einmal ein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf auf (1961 bis 1964) und wurde dort schließlich – nach einem Intermezzo als Kunsterzieher und als Kunstdozent an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg – im Jahr 1971 Professor für Malerei – ein Amt, das er bis 1993 behielt.

Richter hat im Laufe der Zeit alle altbekannten Genres – Landschaften, Seestücke, Porträts, Altbilder, Stillleben und Historienbilder – aufgegriffen, aber auf eine ganz andere Weise als im traditionellen Sinne. So hat er zum Beispiel seinen berühmten, in zarten Gelb- und Brauntönen gemalten Akt „Ema auf der Treppe“ durch einen Effekt des Verwischens einen schützenden Schleier verliehen, der die Dargestellte trotz ihrer Nacktheit unerreichbar macht und auf Distanz hält. Bei seinen abstrakten Bildern hat er reine Farben auf meterhohe Leinwände aufgetragen, wodurch sich die Farben vermischen, und damit dem Zufall und der Willkür gehuldigt. Diese Vorgehensweise ist zugleich Überzeugung, denn Richter hat bereits vor Jahrzehnten selbst erklärt, dass er kein Programm und kein Konzept habe, keine Absichten und keine Stilrichtung verfolge. Stattdessen wird er im Jahr 2016 mit den Worten zitiert: „Ich bin fasziniert vom Zufall. Es ist alles Zufall.“

Als sein möglicherweise ebenso meistbewundertes wie meistdiskutiertes Werk gilt heute das 19 Meter hohe Fenster im südlichen Querschiff des Kölner Doms, das er abstrakt gestaltete und aus 11 263 Farbquadraten zusammensetzte, die von einem Zufallsgenerator angeordnet wurden. Beim inzwischen verstorbenen Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner löste das Fenster wegen seiner Beliebigkeit wenig Begeisterung aus. Unverhohlen kritisierte Meisner Richters erstes Werk für eine Kirche öffentlich, weil es seiner Meinung nach nicht in den Dom passe. Der Kardinal, der der Einweihung des Fensters im Jahr 2007 demonstrativ fernblieb, urteilte damals: „Es passt eher in eine Moschee oder in ein Gebetshaus.“ Meisner, so wird berichtet, habe seinen Bischofsstuhl sogar ursprünglich versetzen lassen wollen, um das Fenster während der Gottesdienste nicht sehen zu müssen, doch dazu kam es letztlich doch nicht. Dass Richter die Kirche schätzt und Sympathien für sie empfindet, sich aber nicht als gläubig betrachtet, daraus macht er auch anlässlich der Vorstellung seines aktuell geplanten Werks, dem Foucaultschen Pendel für Münsters Dominikanerkirche, keinen Hehl. Doch was reizt den großen Künstler überhaupt an dem Pendel? „Das Foucaultsche Pendel im Pariser Pantheon ist einfach schön. Es begeistert viele.“ Und wo ist für ihn die Gestaltungsmöglichkeit, der künstlerische Freiraum? „Da gibt es keinen, aber ich wollte das schon seit zehn Jahren realisieren.“ Und warum ausgerechnet Münster? „Münster ist bekannt durch die Skulptur-Projekte. Ich war letzten Sommer hier und habe sie angeschaut.“ Gail Kirkpatrick, Leiterin der Kunsthalle Münster, ergänzt, der Gründer der Skulptur-Projekte, Kaspar König, ein alter Bekannter Richters, habe ihn bei seinem Besuch in der westfälischen Domstadt auf das dortige Gasometer als möglichen Standort für das Pendel aufmerksam gemacht, das ihn aber nicht überzeugte. Doch als er anschließend die Dominikanerkirche besichtigte, war er sofort begeistert und sicher, dass sie der richtige Standort für das Pendel sei. „Wenn uns das alles wie geplant gelingt, wäre das großartig, ein Geschenk auch für mich“, betont Richter mit Worten, die für seine Verhältnisse einem Gefühlsausbruch gleichkommen.

Zur Erinnerung: Mit Hilfe des nach ihm benannten Pendels gelang dem französischen Physiker Léon Foucault 1851 der Nachweis, dass die Erde sich in unserem Sonnensystem um sich selbst dreht. Richter plant nun für Münsters Dominikanerkirche, die sich im Besitz der Stadt befindet, ein 20 Meter hohes Foucaultsches Pendel, das aus einer 30 Kilo schweren Metallkugel besteht und an einem in der Vierungskuppel der Kirche verankerten Seil hängt. Die Kugel soll über einer runden Bodenfläche kreisen, die etwa vier Meter Durchmesser haben wird, wobei eine eigens entwickelte Elektronik über Magnetismus das Pendel in Bewegung hält. An den beiden Seitenwänden der Kirche werden sechs Meter hohe und 1,34 Meter breite Glasplatten angebracht, in denen sich die Bewegungen des Pendels, der Kirchenraum und die Besucher spiegeln werden. Die Herstellung und Installation des Kunstwerkes, deren Kosten sich auf insgesamt 650 000 Euro belaufen (600 000 Euro davon sollen durch Spenden und Fördermittel des Landes Nordrhein-Westfalen aufgebracht werden) werden voraussichtlich bis zum Frühsommer 2018 abgeschlossen sein.

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) freut sich sehr über den „künstlerischen Impuls inmitten der Stadt, der Interaktion erzeugen und ganze Prozesse in Gang setzen kann“. Doch nicht alle in Münster teilen den Stolz des Oberbürgermeisters, denn die spärlich-apodiktischen Äußerungen Richters sollten noch ein Nachspiel haben: Der Theologe Prof. Dr. Klaus Müller von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, der als „rector ecclesiae“ 20 Jahre lang für die zuvor von der Fakultät genutzte und inzwischen profanierte Dominikanerkirche verantwortlich war, kritisierte die Aussage Richters, die Aufhängung des Pendels symbolisiere einen kleinen Sieg der Naturwissenschaft über die Kirche, mit den unmissverständlichen Worten: „Platter geht es kaum“. Richter habe wohl vergessen, wem das abendländische Denken seine Orientierung auf Forschung und Intellektualität hin verdanke.

Dass OB Lewe darüber hinaus bei der Pressekonferenz behauptet hatte, in der Dominikanerkirche könnten mit Hilfe des Pendels künftig ungeklärte Fragen der Menschheit diskutiert werden und Menschen zur Besinnung finden, empfindet Müller vor dem Hintergrund der langen Vorgeschichte des vor 290 Jahren geweihten und mittlerweile profanierten Gotteshauses nur noch als bittere Ironie.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Bilder Bürgermeister und Oberbürgermeister CDU DDR Deutsche Malerinnen und Maler Diplom Elektronik und Elektrotechnik Fakultäten Farben Gerhard Richter Geschenke und Geschenkartikel Jean Bernard Léon Foucault Joachim Kardinal Meisner Klaus Müller Kunstakademie Düsseldorf

Kirche

Einsame Kirche am Meer
Vatikanstadt

Ins Niemandsland der Kirche Premium Inhalt

Kirchenfunktionäre in Europa müssten den Untergang des Christentums fürchten, wenn Afrika und Asien nicht zeigen würden, dass Evangelisierung fruchtbar sein kann.
27.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst