Der Streit um ein Stück Stoff

Die französische Regierung ist im Schlingerkurs bezüglich der Muslime: Frankreichs linke Intellektuelle und der Islam. Von Markus Werz
Foto: dpa | Der Islam ist in Frankreich allgegenwärtig – hier beten Muslime an einer Geschäftsstraße in Paris nahe der Kathedrale Sacré-Coeur.
Foto: dpa | Der Islam ist in Frankreich allgegenwärtig – hier beten Muslime an einer Geschäftsstraße in Paris nahe der Kathedrale Sacré-Coeur.

Mit Kopftuch und Burka steht der Islam in Frankreich für das ganz Fremde. Das gilt nicht nur für die heutige Zeit. In den 1930er Jahren sorgte die Bekehrung von René Guénon zum Islam in den intellektuellen Kreisen für Aufsehen. 1886 im zentralfranzösischen Blois geboren, katholisch getauft und als Monarchist an der Seite von Charles Maurras in der Action française engagiert, starb Guénon 1951 als Scheich Abdel Wahid Yalia in Kairo. Angewidert von der spirituellen Leere einer Gesellschaft, die den technischen Fortschritt über die Erkenntnis stellte, suchte Guénon im Islam sein Heil. Anders als heute stieß er auf seiner Sinnsuche nicht auf den politischen Islam, sondern auf die Spiritualität des Sufismus. Guénons Abneigung gegen die westliche Zivilisation äußerte sich nicht in Gewaltakten, sondern in einer mystischen Versenkung.

In der heutigen Situation treffen eine Gesellschaft und eine Kultur, die den Weg der Säkularisierung weiter gegangen sind, auf einen Islam, der mit politischen Ansprüchen auftritt. Daher ist es nicht überraschend, wenn dieser mit den Verteidigern der französischen Laizität in einen Konflikt gerät, der seit dem Beginn der 1990er Jahre das Verständnis der Trennung von Staat und Religion verändert. Anfang April sorgte Premierminister Manuel Valls mit einem Satz für Aufsehen: „Eine salafistische Minderheit ist dabei, den kulturellen Kampf im französischen Islam zu gewinnen.“ Damit musste er eingestehen, dass der von Nicolas Sarkozy im Jahre 2003 gegründete Dachverband für die Muslime CFCM an seiner Aufgabe, einen Islam zu schaffen, der sich in die Republik einfügen sollte, gescheitert ist. Der Ausgleich zwischen Laizität und Islam wird immer mehr zu einer politischen Kraftprobe.

Einerseits fordert Valls einen Kurs der Härte gegenüber den politischen Ansprüchen des Islams. Dazu gehört auch die Gründung einer Arbeitsgruppe zur „Verteidigung der Republik“ in der Nationalversammlungsfraktion der sozialistischen Partei Anfang April. Ein Freund und Weggefährte von Valls, Malek Boutih, soll deren Arbeiten leiten. Andererseits stellt man auch eine gewisse Nachgiebigkeit gegenüber dem Islam in der Partei des Premierministers fest: im Entwurf des Reformgesetzes zum Arbeitsmarkt, das Arbeitsministerin Myriam El Khomri verteidigt, findet sich im Artikel 6 die Vorschrift, dass der Freiheit des Arbeitnehmers Rechnung zu tragen ist, am Arbeitsplatz seine Religion auszuüben. Für viele Beobachter stand damit fest, dass die Einrichtung von Gebetsräumen in den Firmen gesetzlich anerkannt würde. Auch Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem sorgte für Verwunderung: In einem Radiointerview weigerte sie sich, der Forderung des Premierministers nachzugeben, an den Universitäten das Kopftuch zu verbieten. Im Gegensatz zu den Schulen, an denen das Tragen von religiösen Zeichen und Kleidungsstücken verboten ist, sei an den Universitäten die Gewissens- und Religionsfreiheit zu respektieren, erklärte die Ministerin, und weitete diese Erlaubnis auch auf die Burka aus. Tatsächlich ist aber das Tragen des muslimischen Vollschleiers in der Öffentlichkeit seit dem Jahre 2011 verboten. Wie sollte eine Kleidung, die in der Öffentlichkeit untersagt ist, an der Universität toleriert werden? Die Ministerin musste ihren Irrtum eingestehen. Der Umgang mit dem Islam innerhalb der französischen Linken ist schwankend, zwischen Akkommodation und Entschiedenheit.

Tatsächlich blieb der Aufschrei der Philosophin Elisabeth Badinter über die Banalisierung des Kopftuchs innerhalb der linken Intellektuellen nicht unwidersprochen. Als einige internationale Modemarken eine Kollektion für muslimische Mode präsentierten, forderte die Ehefrau des ehemaligen sozialistischen Justizministers Robert Badinter einen Boykott dieser Hersteller: „Es gibt nur eine Antwort auf die Kleidermarken, die die muslimische Mode verkaufen wollen: den Boykott!“ Damit sekundierte sie energisch der Ministerin für Frauenrechte, die allerdings weitaus gemäßigter von einer „deplatzierten Handlung“ dieser Unternehmer gesprochen hatte.

Als Galionsfigur des Feminismus konnte Badinter auf die Unterstützung ihrer Mitstreiterinnen zählen. Dennoch gibt es auch Stimmen innerhalb des linken Lagers, die den Protest gegen die Banalisierung des Schleiers und des damit verbundenen Frauenbilds nicht teilen. Für Badinter stehen Feminismus und Islam in einem Konflikt: „Es kann keinen muslimischen Feminismus geben, denn dessen Vertreterinnen vergessen, dass ihnen im Namen der Gleichheit zwischen Mann und Frau verboten wird, das Haus zu verlassen.“ Für die linkskatholische Zeitschrift „Témoignage chrétien“ hingegen hat Badinter eine „Fatwa gegen den Islam“ ausgesprochen. „Hinter ihrem vorgetäuschten Mitleid für die muslimischen Frauen steckt wohl eine Dosis Neokolonialismus“, vermutet der Journalist Bertrand Riviere. Allerdings scheint die Islamkritik mittlerweile auch im intellektuellen Establishment jenseits der Feministinnen anzukommen. Der Starphilosoph Bernard-Henri Lévy forderte kürzlich in einem Beitrag für die „Welt“ einen härteren Umgang der französischen Regierung mit dem politischen Islam. Zeitgleich wurde bekannt, dass an der Eliteuniversität Sciences Po Paris ein Kopftuch-Tag organisiert wurde. Die Studentinnen sollten sich, laut den Veranstaltern, mit diesem umstrittenen Kleidungsstück vertraut machen und ihre Vorurteile abbauen. In der Konfrontation der Laizität mit dem Islam hat sich das Prinzip der Trennung von Religion und Staat verändert. Statt sich nur auf die Institutionen zu beziehen, wie es das Trennungsgesetz von 1905 festschreibt, wird es seit der Auseinandersetzung von 1991 über den Schleier in der Schule auf den Einzelmenschen und seinen Körper ausgedehnt.

Der Islam erscheint in der öffentlichen Diskussion immer mehr in seiner politischen Dimension. Symptomatisch für diesen Sachverhalt ist die Vokabel vom „Islamfaschismus“, die Manuel Valls nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt salonfähig gemacht hat. Damit erscheint der Islam als politische Bewegung mit totalitären Zielen. Der Philosoph Alain Finkielkraut hat den Gebrauch dieses Ausdrucks, der unter Rechtsextremen verbreitet ist, kritisiert. Allerdings zögert er selbst nicht, die linken Denker, die im Namen der Religions- und Gewissensfreiheit den Islam in Schutz nehmen, als „Islamlinke“ anzugreifen. Er möchte mit dieser Bezeichnung die linken Bewegungen treffen, deren vorgeblicher „Antizionismus“ mit dem Judenhass der Islamisten harmoniert. Er wirft ihnen „Gleichgültigkeit gegenüber dem Holocaust“ vor. Damit steht er in einer Reihe mit der Radikalfeministin Caroline Fourest, die unter der Bezeichnung „Islamlinke“ eine Tendenz unter den Intellektuellen und linken Politikern ausmacht, die sie als aufklärungs- und vernunftfeindlich einschätzt. Die „Islamlinke“ sei eigentlich eine „obskurantistische Linke“. Eine Ausnahme in dieser Bestandsaufnahme ist der Philosoph Michel Onfray, der Anfang April ein Buch mit dem Titel „Den Islam denken“ (Penser l?islam) veröffentlicht hat. Darin versucht er, die kulturelle und spirituelle Dimension des Islam darzustellen. Dieses Engagement ging aber in der öffentlichen Empörung unter, als der „Islamische Staat“ Onfrays Kritik an der westlichen Interventionspolitik im Nahen und Mittleren Osten in einem seiner Propagandavideos ausschlachtete. Damit stand der Islam-Versteher Onfray als objektiver Verbündeter des islamischen Terrorismus im Kreuzfeuer der Kritik. Gegenüber der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“ teilte er mit, dass er sich dem Gut-Böse-Schema in den Islamdebatten nicht unterwerfen wollte. Allerdings schob er gleich eine Spitze gegen die Linke nach, die ihn kritisiert, seitdem er Verständnis für die Wähler des Front national geäußert hat: „Die Linke ist heute genauso vom Islam fasziniert, wie sie es im 20. Jahrhundert von den Diktatoren war.“

Die französischen Intellektuellen, obwohl mehrheitlich politisch links orientiert, schwenken seit den schweren Anschlägen des Jahres 2015 auf den islamkritischen Kurs der konservativen Autoren wie Michel Houellebecq, Ivan Rioufol und Eric Zemmour ein. Diese haben sich seit einigen Jahren in der Islamkritik etabliert und sehen sich nun in ihren Sichtweisen bestätigt. Die Positionen dieser Außenseiter und „enfants terribles“ des intellektuellen Milieus sind mittlerweile Mainstream. Allerdings war es nicht die Stärke ihrer Argumente, sondern die Schüsse aus den Kalaschnikows der islamistischen Attentäter, die diese Tendenzwende verursacht haben. Im Klima des „kommenden Bürgerkriegs“ (La guerre civile qui vient), wie das aktuelle Buch von Rioufol heißt, findet der Islam unter den französischen Intellektuellen zahlreiche Kritiker. Politisch aber wird von der Regierung Valls weiterhin ein Schlingerkurs gesteuert. Das ist wohl dem politischen Kalender geschuldet. 2017 stehen Präsidentschaftswahlen an und François Hollande sowie seine Sozialisten können jede Stimme gebrauchen. Die muslimischen Einwanderer haben 2012 in einer überwältigenden Mehrheit für den Kandidaten Hollande gestimmt. Diese Reserven gilt es nicht zu vergraulen. Dass der Islam als politisches Phänomen weiterhin im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen wird, ist ziemlich sicher. Damit bleibt seine kulturelle und spirituelle Dimension weiterhin verschüttet.

Für René Guénon war der Islam nicht nur ein Träger der denkerischen Menschheitstradition, sondern vor allem jener Hort, der dem Westen am nächsten stand. Mit dem politischen Islam und seiner Gewalttätigkeit hat diese Weltreligion ihre spirituelle Dimension weitgehend eingebüßt. Der Islam der Gegenwart hat für René Guénon keinen Platz. Statt Mystik bietet er heute Gewehre und die Burka.

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