Der Sehnsucht trauen

Zwei Bücher von Gabriele Wohmann, der Grande Dame der Kurzgeschichte. Von Ilka Scheidgen
Foto: Scheidgen | Die Schriftstellerin Gabriele Wohmann.
Foto: Scheidgen | Die Schriftstellerin Gabriele Wohmann.

Alles was an Gabriele Wohmanns Geschichten gerühmt wurde seit ihren Anfängen vor mehr als 50 Jahren, trifft auch auf die neueste Sammlung von 18 Erzählungen „Wann kommt die Liebe“ zu; 1957 debütierte die 1932 Geborene mit der Erzählung „Ein unwiderstehlicher Mann“. Wohmann erzählt souverän und elegant, mit großer Stilsicherheit und einer spürbaren Freude am Fabulieren und Formulieren, mit Lust am unverbrauchten, neu erfundenen Vokabular. Berühmt für die Schärfe ihrer Beobachtung und die detaillierte Beschreibung von Alltagserfahrungen, in denen auch der kleinsten Geste Bedeutung zukommt, zeigt sich die Autorin in den neuen Geschichten ruhiger im Erzählfluss. Nicht immer haben diese einen überraschenden Schluss, sondern enden, als gäbe es kein Ende, einem ruhig mäandernden Fluss gleich. Lebenserfahrung und Menschenkenntnis offenbaren sich auf amüsante Art. Vor zu viel Rührung bangt der Autorin, in die Kitschecke könnte sie nie abrutschen, davor bewahrt sie ihr feiner Humor. Früher war er oft bissig, Ironie konnte schon mal in Sarkasmus umschlagen. In den neuen Erzählungen begegnen wir einer Ironie sostenuto.

Altersweisheit – ein für Wohmann schrecklicher Gedanke, wie die Verfasserin dieses Beitrags aus Gesprächen mit der Autorin weiß. Und doch ist viel davon zu spüren, auch wenn sie sich nur unterschwellig zu erkennen gibt bei dieser gegen den Zeitgeist anschreibenden, also auch Vereinnahmungen abholden Schriftstellerin. Ganz so, wie auch ihr Bekenntnis zum Glauben, dem nun nach einem ersten Buch dieser Richtung „Erzählen Sie mir was vom Jenseits“ (1994), in dem größtenteils bereits Veröffentlichtes vorgestellt wurde, sie erstmals ausschließlich zur religiösen Thematik Stellung bezieht.

Der Titel „Sterben ist Mist, der Tod aber schön“ ist typisch für Wohmanns Humor, der auch ernsten Themen diesen Hauch Leichtigkeit verleiht, der sich auch in den neuen Erzählungen durchgehend findet. Denn eins ist klar: Gabriele Wohmann redet nicht um den heißen Brei herum. Sie nennt die Dinge beim Namen, jedes Wischiwaschi ist ihr ein Gräuel. Das betrifft ganz besonders auch ihren Glauben, ohne den, wie sie selbst bekundet, sie wahrscheinlich keine Zeile schreiben würde. Es ist deshalb eine gute Gelegenheit, sich dieser bekannten und profilierten Autorin von mehr als 100 Büchern einmal von einer ganz anderen, vielen Lesern noch ganz unbekannten Seite her zu nähern. Absolut offen und ungeschminkt, manchmal geradezu kindlich naiv, was ihre Vorstellungen vom Himmel, von Erlösung und Jenseits, Glück und Vollendung betrifft, immer zugleich auch ganz irdisch-diesseitig in ihren „Träume(n) vom Himmel“, wie der Untertitel heißt, offenbart sie sich im Gespräch mit dem Theologen Georg Magirius und damit dem Leser des sympathischen Bandes, der soeben erschienen ist.

Himmel – das ist für Gabriele Wohmann seit ihren schriftstellerischen Anfängen immer klar gewesen – bedeutet das Ende der Vergänglichkeit und der Anfang von etwas ganz Neuem, ganz Anderem, dass dann nämlich der Vorhang zum Eigentlichen erst richtig aufgeht. Aber wie es dann wohl sein wird, das weiß sie ebenso wenig wie sonst jemand. Sie nimmt die Voraussage der „Auferstehung im Fleische“ schon sehr wörtlich. „Was über Erlösung gesagt wird, klingt oft so allgemein: Einswerden mit Gott, da kann ich mir nichts drunter vorstellen. Das ist ungefähr wie wenn die Leute sagen: Ich werde umherschweben in diesem Zitronenfalter. Das ist ausredenhaft und unbefriedigend. Ich will kein Zitronenfalter werden, davon habe ich nichts.“

Im Elternhaus, einem evangelischen Pfarrhaus, hat Wohmann mit ihren Geschwistern Liebe und Geborgenheit erfahren, und ein bisschen ähnlich stellt sie sich auch das Jenseits vor, wie es der Vater in seinen Andachten vermittelte. In diesem Buch findet man in konzentrierter Form, was man als aufmerksamer Leser in ihren früheren Büchern bereits finden konnte: ihr Bekenntnis zum christlichen Glauben, seinen Offenbarungen, seinen Geheimnissen, den Verheißungen in der Bibel. Als Schriftstellerin tut sie es mit der ihr eigenen Phantasie und einer wunderbaren heiteren Leichtigkeit. So hat das Thema vom Sterben und vom Tod überhaupt nichts Trauriges. Vielmehr fabuliert Gabriele Wohmann vom Himmel, als befände sie sich mitten in einer ihrer unnachahmlichen Kurzgeschichten. Und wenn sie nicht weiterweiß und manches ihr zu unwahrscheinlich vorkommt, schwenkt sie zurück zu den sicheren Worten der Heiligen Schrift. „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Das ist Nachhausekommen, ist Friede, Freude, Verzeihen, was nur Gott geben kann.

Die Geschichten in „Wann kommt die Liebe“ erzählen auch von solchen Dingen, aber eben ganz anders, nie so direkt. Die Geschichte eines älteren Ehepaares zum Beispiel, das sich über die Köstlichkeit von „Puddingkreppel“ (so der Titel) unterhält und weiß, wie der Überlebende von ihnen eben eine solche Teilnahme am Alltäglichen vermissen wird, das ist mit einer solchen Zärtlichkeit beschrieben, dieses „Interesse für Winzigkeiten“, das man auch der Autorin selbst zuordnen kann. Aber in den meisten Erzählungen geht es nicht so harmonisch zu. Da ist Wohmanns Blick in die Seelenabgründe im Einzelnen, die Unzulänglichkeiten und kleinen Gemeinheiten im Zusammenleben von Paaren, Familien und unter Freunden gewohnt scharf in der Analyse. Dennoch spürt man, auch wenn sinnleere Unterhaltungen, quälende Langeweile, Borniertheiten und Verlogenheit ihrer Protagonisten scheinbar gnadenlos seziert werden, die grundlegende Sympathie, die Wohmann ihrem Personal entgegenbringt. Der Erfindungsreichtum ihrer Sprache erzeugt noch immer einen enormen Sog. Ein Kennzeichen, dem die Autorin ihren Erfolg verdankt. „Ihre Dauerwelle, die bisher noch an keinem Sonntag renoviert ausgesehen hatte (vielleicht war der Montag ihr Friseurtag), erinnerte ihren Gastprofessor an eine wüste kurze Brandung, der ein Maler der magischen Stilrichtung die Wellenkämme gestutzt hatte, irgend so ein unwürdiger Magritte-Epigone:“

Die Titelgeschichte „Wann kommt die Liebe“ lässt nicht von ungefähr das Fragezeichen weg. Hierin ist der gute alte ironische Zungenschlag der Wohmann spürbar. Beatrix, spät sich den Mutterwunsch erfüllend, will an ihrem einjährigen Baby das Programm zum Glücklichsein, ihr „Genuss-Erziehungs-Projekt“ exerzieren. Ähnlich wie in ihrem Bestsellerroman „Paulinchen war allein zu Haus“ (1974), in dem Wohmann die modernen Erziehungsmethoden ironisch aufs Korn nahm, macht sie sich in dieser Geschichte über den Zeitgeist eines Glücksanspruchs her. Dass keine Liebe aufkommen kann bei diesem „Glücks-Erziehungs-Theater“, verwundert den Leser nicht, und man bedauert das kleine Kind, „ihren grimmigen kleinen Studenten, dieses winzige Erstsemester und zukünftige Genie der vollkommenen Empfindung“ als Opfer eines Machbarkeitswahns.

Man sollte beide Bücher lesen, die letzten Neuerscheinungen der Grande Dame der Kurzgeschichte, nacheinander oder auch nebeneinander. Neben dem puren Lesevergnügen kann man einiges über diese große Schriftstellerin erfahren und nebenbei auch für sich selbst mitnehmen: dass man seiner Sehnsucht trauen darf, dass mit dem Tod das Leben nicht endet, es vielmehr erst richtig beginnt. Das Jenseits, das wir uns nicht vorstellen können, für das wir aber irdische Bilder haben, das Meer mit dem Horizont zum Beispiel als „der Anfang von etwas, von etwas ganz anderem“ oder das Firmament mit seinen Sternen und „das Gefühl, dass es bei den Sternen nicht aufhört, dass es wirklich unendlich ist“.

„Sterben ist Mist“, denn es bedeutet Leid für die Zurückbleibenden und kann Schmerz bedeuten für den Sterbenden. Aber weil mit dem Tod das wahre Schöne beginnt, ist, so glaubt und weiß Gabriele Wohmann, auch die Zeit davor eine der Erwartung und Vorfreude „in dem Augenblick kurz vor der Erfüllung“.

– Gabriele Wohmann: Wann kommt die Liebe. Erzählungen. Aufbau Verlag, Berlin 2010, 202 Seiten, EUR 19,95

– Gabriele Wohmann: Sterben ist Mist, der Tod aber schön. Träume vom Himmel. Kreuz Verlag, Freiburg 2011, 120 Seiten, EUR 14,95

Themen & Autoren

Kirche