Der schrille Schrei der Verzweiflung

Wie die britische Presse über den Sieg der „Brexit“-Befürworter berichtete. Von Maximilian Lutz
Brexit Entscheidung - Situation in London
Foto: dpa | „Wir sind draußen.“ Nach dem Brexit-Referendum waren die Schlagzeilen der britischen Zeitungen vom Sieg der Austrittsbefürworter geprägt.

Egal ob Qualitätsblatt oder Regenbogenpresse – alle großen britischen Zeitungen behandelten den Ausgang des EU-Referendums auf der Titelseite. Ähnlich wie die britische Bevölkerung war auch die Presse in zwei nahezu gleich große Lager geteilt. Dementsprechend euphorisch oder ernüchtert fielen auch die Reaktion auf den Frontseiten und in den Meinungsbeiträgen aus.

„The Empire strikes back“ (Das Imperium schlägt zurück) prangte in riesigen weißen Lettern auf der Titelseite des „Daily Telegraph“ in Anlehnung an den gleichnamigen Film aus der „Star-Wars-Reihe“. Im Hintergrund war die britische Flagge, der „Union Jack“, zu sehen, in der rechten unteren Ecke ein winziges Bild von David Cameron. Die konservative Zeitung, die ihre Leser wenige Tage vor dem Referendum dazu aufgefordert hatte, für einen Austritt aus der Europäischen Union zu stimmen, schrieb, das Referendum habe gezeigt, dass Großbritannien nicht eine, sondern mehrere Nationen sei: „Nationen, die einander nicht verstehen und es nicht einmal versuchen wollen. Alt gegen jung. London gegen den Rest. Schottland gegen England. Elite gegen Arbeiter.“ Das Land habe dafür gestimmt, die britische Demokratie wieder zu beleben, hieß es in dem Blatt, das auch Boris Johnson zu seinen Kolumnisten zählt. Dem Londoner Ex-Bürgermeister werden momentan die größten Chancen zugesprochen, David Cameron als britischer Premierminister nachzufolgen. Camerons Nachfolger wird sich dann wohl auch mit der wesentlichen Frage auseinandersetzen müssen, die das Referendum nach Ansicht des Telegraphs nicht beantworten konnte: „Wird uns diese Demokratie verbinden – oder trennen?“

Der linksliberale „Guardian“, seit jeher der EU äußerst wohlgesonnen, bildete Noch-Premier Cameron ab, wie er vergangenen Freitag in Begleitung seiner Frau Samantha vor dem Amtssitz in der „Downing Street 10“ seinen Rücktritt verkündete. „Over. And out“ (Vorbei. Und draußen) lautete die Schlagzeile, die die Ernüchterung über die Mehrheit für die „Brexiteers“ erkennen ließ. Im Meinungsteil schrieb das Sprachrohr der britischen Linken: „Diejenigen, die sich zuvor ungehört fühlten, haben die einmalige Chance genutzt, der Welt zu zeigen, was sie von ihrer Regierung halten. Sie haben einen schrillen Schrei der Entfremdung und Verzweiflung losgelassen.“ Nun werde man in eine Phase der Ungewissheit ohnegleichen eintreten. Denn das Lager der Brexit-Befürworter sei auf dem Weg zur Ziellinie durch einen „giftigen Sumpf aus postkolonialer Nostalgie, Fremdenhass und grundsätzlicher Unzufriedenheit“ marschiert.

Auch die „Times“, das bevorzugte Qualitätsblatt in der englischen Hauptstadt London, drückte ihren Schock über das Abstimmungsergebnis auf der Frontseite aus: Das Blatt sprach von einem „Brexit Earthquake“ (Brexit-Erdbeben) und zeigte einen ratlos blickenden David Cameron Hand in Hand mit seiner Frau Samantha. Die eher konservativ ausgerichtete Zeitung, unter deren Korrespondenten sich jedoch sowohl Befürworter der Labour-Partei wie auch der Konservativen befinden, hatte sich für einen Verbleib der Briten in der EU ausgesprochen. Das Ergebnis des Referendums, schrieb die Zeitung, werde die politische Landschaft des Landes völlig neu gestalten und „die Nachkriegsordnung des europäischen Kontinents erschüttern“.

Ganz anders fiel die Reaktion der „Daily Mail“ aus: „Take a bow, Britain!“ (Verneige dich, Großbritannien), war in großen, schwarzen Buchstaben auf der Titelseite zu lesen. Darunter zeigte die auflagenstärkste Boulevardzeitung auf der britischen Insel ein Bild feiernder Anhänger der „Leave“-Kampagne in der ostenglischen Stadt Peterborough. Die konservativ ausgerichtete Zeitung schlug sich kurz vor dem Referendum auf die Seite der Brexit-Befürworter und wich damit ab von der Haltung ihrer Sonntagsausgabe, „Mail on Sunday“, die sich eine Woche zuvor für einen Verbleib der Briten stark gemacht hatte. Das Referendum bezeichnete die „Daily Mail“ als den Tag, „an dem die stillen Bürger Großbritanniens gegen eine arrogante, abgehobene Politikerklasse und eine sie verachtende Brüsseler Elite aufbegehrt haben“.

Anders als die „Daily Mail“ positionierte sich dagegen der „Daily Mirror“, Großbritanniens auflagenstärkste linksgerichtete Boulevardzeitung. Einen Tag vor dem Referendum rief die Zeitung ihre Leser dazu auf, für einen EU-Verbleib Großbritanniens zu stimmen. Von dementsprechender Ratlosigkeit zeugte auch die Schlagzeile „What the hell happens now?“ (Was zur Hölle wird jetzt geschehen?) Darüber ein unscharfer Cameron im Profil, im Hintergrund seine Frau, deren Blick die Zweifel ausdrückt, die in der Schlagzeile zum Ausdruck kommen. Zum Brexit schreibt das Blatt: „Nie zuvor in der Geschichte dieses demokratischen Landes ist die Distanz zwischen den Regierenden und den Regierten größer gewesen.“ Es sei nun erforderlich, das Land nicht nur zu vereinen, sondern wieder in die Balance zu bringen. Und an die beiden großen Parteien des Landes appelliert die Zeitung: „Wir brauchen jetzt eine Konservative Partei, die den Armen nicht die Luft zum Atmen nimmt – und eine Labour-Partei, die nicht wild entschlossen ist, nur den Reichen das Blut aus den Adern zu saugen.“

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