Der schamlose Sog

Der gesellschaftliche Zwang, im Internet auf Seiten wie Facebook immer mehr Privates öffentlich zu machen, verändert das Menschenbild fundamental. Von Stefan Meetschen
Foto: dpa | Ist heute der eigentliche Avantgardist derjenige, der sich den sozialen Medien verweigert?
Foto: dpa | Ist heute der eigentliche Avantgardist derjenige, der sich den sozialen Medien verweigert?

Es ist ein kleiner Klick für den Menschen, aber ein großer Gewinn für das Unternehmen: Der „Gefällt mir“-Button von Facebook, der täglich bis zu drei Milliarden Mal gedrückt wird. Mit dem Ergebnis, dass die persönlichen Vorlieben, Hobbies und Interessen von 600 Millionen aktiven Nutzern weltweit in die Datensammlung der Internet-Plattform gelangen, welche diese Daten interessierten Anzeigenkunden zum Verkauf anbietet. Der gläserne Mensch, der gläserne Konsument, nie war er so durchsichtig wie heute, und wenn man sieht, mit welcher rasanten Geschwindigkeit die Plattform Facebook wächst, so lässt sich kaum leugnen, dass der Mensch damit durchaus einverstanden ist. Sei es im kommerziellen Kontext, sei es im Kontext von echten und virtuellen Freundschaften.

Tatsächlich: Wo früher die private, bürgerliche Hemmschwelle regierte, Diskretion gar als Ausdruck eines veredelten Charakters verstanden wurde, dominiert heute die digitale Exaltiertheit, das stolze Präsentieren der eigenen Ansichten und Anschauungen, sei dies durch die übersichtliche Angabe von Lieblingsfilmen, Lieblingssportlern, Lieblings-Zitaten, durch markige Statements („Loriot ist tot. Ich bin traurig“) oder eben durch einen schlichten Klick: „Gestern Hagel, heute kochen wir in der Hitze.“ – „Gefällt mir“.

So überrascht es nicht, dass der Autor Adam Soboczynski („Glänzende Zeiten“, „Polski Tango“) in diesem Zusammenhang von einer „Umwälzung des kollektiven Affekthaushaltes“ spricht und sicher ist es auch nicht übertrieben, wenn man behauptet, dass soziale Netzwerke wie Facebook auf der Welle dieser neuen Affektbewegung einen neuen Menschentypus erzeugen, eine neue Anthropologie, deren Grundrichtung man so zusammenfassen könnte: Schluss mit zögerlicher Schüchternheit und geheimnisvoller Seelentiefe. Nur wer bereit ist, sich mitzuteilen, sich gegenüber allen anderen Menschen auszudrücken, sich am digitalen Austausch, mag dieser noch so oberflächlich und bloß mit einem „Ja“ oder „Nein“ zu bestimmten Fragen verbunden sein, zu beteiligen, zählt etwas. Wer schweigt, wer nicht Dauerpräsenz zeigt, ist draußen.

Wobei es im Sammelbecken dieser neuen Anthropologie keine Rolle zu spielen scheint, wie unbeholfen oder blödsinnig die jeweiligen digitalen Beiträge in Wort, Bild und Film zuweilen sind – oder inwieweit die virtuelle Präsentation mit der realen Befindlichkeit und Wirklichkeit übereinstimmt. Im Netzwerk scheint alles erlaubt zu sein, ohne Konsequenzen für den Alltag. Verlieren, so könnte man denken, tut nur derjenige, der sich vom alten bürgerlichen Scham-Korsett blockieren lässt und grenzenlose Auskunftsfreude verweigert.

Was natürlich nicht stimmt und allein schon dadurch widerlegt wird, dass mittlerweile auch Unternehmen ihre Angestellten oder potenziellen Angestellten via Facebook unbeschwert begutachten und bewerten können. Auch die Medien tun dies. Unvergessen der Fall von Sir Robert John Sawers, Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, der dank seiner in Facebook sich mitteilenden Gattin als Frisbee spielender Weihnachtsmann und Badehosen-Agent populär wurde. Grund des peinlichen Skandals: Sawers Frau hatte sich bei Facebook dem „Network London“ angeschlossen und die Sicherheitseinstellungen nicht berücksichtigt, sodass rund 200 000 Network-Mitglieder Zugriff auf ihr Profil mit allen Daten und Fotos bekamen. Zur Freude mancher britischen Zeitungen, die davon schnell Wind bekamen. Statt des Beginns einer breiten, wunderbaren Freundschaft startete eine peinliche Kampagne gegen den Geheimdienst-Chef. Wer in der eigenen Familie nicht für Sicherheit der digitalen Daten sorgt, wie will der die Landessicherheit gewährleisten?

Doch mag es mittlerweile fast jede Woche neue Meldungen über dunkle, undichte Stellen im Facebook-Universum geben, auf die das Unternehmen in ebenso schöner Regelmäßigkeit mit verbesserten Datenschutz-Einstellungen reagiert, aus Sicht des österreichischen Technik-Journalisten Jakob Steinschaden hat Facebook einen „vergleichslosen Sog“ entwickelt, dem sich offenbar immer weniger Menschen unterschiedlichster Bildungsniveaus entziehen können, wobei besonders Teenager mittlerweile ganz natürlich mit Facebook heranwachsen, ihr Alltags- und Party-Leben via Facebook dokumentieren und abstimmen. Auch wenn dies, wie bei der 16-jährigen Thessa dieses Jahr in Hamburg, die versehentlich Tausende von Usern einlud, gelegentlich schiefgehen kann.

In seinem Buch „Phänomen Facebook. Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt“ zeichnet Steinschaden nicht nur die frühzeitig materialistisch orientierte Unternehmensgeschichte rund um Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und die heutigen kommerziellen Verflechtungen der Firma mit Sitz in Palo Alto genau nach. Steinschaden präsentiert auf Grundlage einer Recherche vor Ort auch Zukunftsperspektiven, die sich zwischen einem erhöhten Werbedruck einerseits und einer denkbaren Facebook-Müdigkeit („Facebook-Fatigue“) andererseits bewegen. „Die Nutzer werden immer weniger heikle Daten online stellen, was die Plattform in Summe für neugierige Nasen weniger interessant macht. Wenn das einsetzt, wird sich die Spirale nach unten drehen und die Nutzung abnehmen.“

Eine mögliche Theorie, doch es gibt viele andere. So viele, wie es mittlerweile wissenschaftliche Untersuchungen zu Facebook gibt. Die Soziologin Bernadette Kneidinger („Facebook und Co. Eine soziologische Analyse von Interaktionsformen in Online Social Networks“) etwa hat festgestellt, dass relativ schwache Sozialkontakte, zum Beispiel zu Arbeitskollegen oder entfernten Bekannten, durch Facebook intensiviert werden. Eine Beziehungspflege, die sich auch jenseits von Facebook fortsetze. „Man verlagert die Kontakte auch ins Reale: Es wird wieder öfter telefoniert, man trifft sich.“

Andere Studien, besonders in Amerika, zeichnen ein düstereres Bild. Von Stress, Narzissmus und Essstörungen im Zusammenhang mit Facebook ist dort mittlerweile die Rede, und in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Pediatrics“ warnte eine Gruppe von Ärzten sogar schon vor dem Phänomen der „Facebook Depression“, die sich dann einstelle, wenn der Content anderer, die sich ständig in glücklichen Zuständen darstellen, bei anderen Personen Traurigkeit hervorruft. Ein Ergebnis, das mit einer Studie der Universität in Buffalo, New York, korrespondiert, bei welcher zutage trat, dass besonders Personen, die einen erhöhten Geltungsbedarf durch andere brauchen, sich dazu gedrängt sehen, mehr Inhalte über sich bei Facebook zu veröffentlichen: Ich und mein Papst, ich und mein neues Kind, ich und mein Traumhoroskop, um so möglichst viele „Freunde“ zu beeindrucken, die man an anderen Tagen aber auch gleich wieder kommentarlos ausschalten kann. Was bei Facebook möglich ist.

So wie auch der fast schon aristokratische Selektionsmechanismus bei Facebook vorzüglich funktioniert. Ungewollte Freundschaftsanfragen kann man eiskalt wegklicken. Andere Personen blockt man von vornherein, um drohende Verwicklungen zu vermeiden. Leichter und gründlicher als im realen Leben, wo man ungeliebte Personen doch wenigstens freundlich grüßen muss, wenn man nicht rechtzeitig einen Fluchtweg findet – oder sich gar von Angesicht zu Angesicht erklären und rechtfertigen.

Doch wie wahr oder unwahr die via Facebook etablierten Freundschaften tatsächlich sind, das ist ein ganz eigenes Kapitel, das der Medienexperte Thomas Wanhoff in seinem Buch „Wa(h)re Freunde: Wie sich unsere Beziehungen in sozialen Online-Netzwerken verändern“ versucht hat, zu ergründen. Mit etwas eingeschränktem Erfolg aus Sicht desjenigen, der einen klaren Daumenzeig („Gefällt mir“, „Gefällt mir nicht“) erhofft. Die Antwort ist ambivalent. Wahrscheinlich, weil mittlerweile im Netz wie auch im Leben alles möglich ist. Anfangs rein virtuelle Freundschaften können sich auf Grundlage eines gemeinsamen Hobbies oder Geschäftsinteresses bis hin ins reale Leben entwickeln, andere Kontakte bleiben auf dem Niveau der digitalen Skalp-Sammlung stecken. Wanhoff jedenfalls hat nach anfänglicher Skepsis durch den Umzug nach Saigon, fern der deutschen Heimat, lernen müssen, dass man ohne Facebook nicht mehr in der realen Welt existieren kann, einfach aus dem Grund, weil viele berufliche Veranstaltungen und nachbarschaftliche Events dort über Facebook organisiert werden. Ob dies mittlerweile auch für Deutschland gilt? Bei mittlerweile 20,2 Millionen Usern hierzulande sieht es ganz so aus.

Doch was geht eigentlich in einem Menschen vor, der morgens beim Kaffee oder abends beim Glas Rotwein auf den Bildschirm guckt und um die 3 000, 4 000 Facebook-Freunde sein eigen nennen kann? Von denen er, wenn es hoch kommt, wahrscheinlich lediglich 20 Prozent persönlich durch frühere Begegnungen im normalen offline-Leben kennt. Gibt eine solche rein quantitative Größe Auskunft über den eigenen Sozial-Status, die eigene gesellschaftliche Bedeutung? Entscheiden 1 000 Freunde mehr oder weniger darüber, ob man sich zu den Semi-Prominenten, den Prominenten oder gar den Figuren des öffentlichen Lebens zählen darf? Bei Facebook lautet die Antwort entschieden: ja.

Schließlich ändert sich, wie der davon betroffene „Spiegel“-Blogger Sascha Lobo in einem rührenden Eintrag schrieb, mit der Freundes-Zahl 5 000 so ziemlich alles im virtuellen Beziehungsgeflecht. „Da die 5 000-Friends-Grenze keinesfalls aufgehoben wird, bleibt als einzige Möglichkeit die Umstellung meines Profils auf eine so genannte Page. Damit kann man die meisten Funktionen normaler Profile auch nutzen und noch einige mehr. Gut und schön. Aber! Die eben noch Friends genannten Kontakte auf Facebook wandeln sich – in Fans. Uff. Fans. Eben waren wir noch Friends, jetzt schon muss ich den interessierten Personen zumuten, zu ver-fan-nen.“

Was bei Sascha Lobo quälende Gewissensbisse auslöst, dürfte bei anderen Prominenten, seien es Schauspieler, Sänger oder Politiker, eher Glücks- und Erlösungsgefühle bewirken. Ein echter Star, ein echter Prominenter hat schließlich, so will es der Mythos, im Licht der Öffentlichkeit keine Freunde, sondern Fans. Mag Facebook auch bei manchen Usern ein sozialistisches Gemeinschaftsgefühl wecken. Berühmtheiten gibt Zuckerbergs Plattform keinen Zucker. Der im echten Leben schwer oder unschwer erkämpfte elitäre Rang muss im Facebook erst erkämpft werden. Ansonsten: Nur Freunde, keine Fans. Der Popularität und dem Charisma tut das nicht gut.

Doch hier nähert sich die Sache dem tragisch-kreativen Kern des ganzen virtuellen Freundschafts-Unternehmens, der, wenn man dem Film über die Entstehung von Facebook, „The Social Network“ von David Fincher, wenigstens ein bisschen Glauben schenken darf, darin liegt, dass Zuckerberg unbedingt das Herz seiner Ex-Freundin Erica Albright zurückerobern wollte, die ihn aufgrund seines anstrengenden Charakters abserviert hatte. Am Ende des Films, bereits reich, erfolgreich und gefeiert, sieht man Zuckerberg, gespielt von Jesse Eisenberg, wie er eine Freundschaftsanfrage an seine Ex-Freundin sendet. Er wartet vor dem Bildschirm und lädt die Seite alle paar Sekunden neu, um zu überprüfen, ob diese bereits angenommen hat.

Wenn es so gewesen wäre, vielleicht könnte man doch noch Hoffnung haben, dass der menschliche Gefühlshaushalt trotz Facebook sich nicht vollkommen ändert. Nicht beim Erfinder und nicht bei seinen Freunde und Fans. Es wäre ein Signal zum Menschenschutz. Egal, welchen Klick die Dame in der Wirklichkeit auch gewählt hat. Auf dem unendlich breiten und verwickelten zwischenmenschlichen Spektrum von „Gefällt mir“ bis „Gefällt mir nicht“.

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