Gendersensibilität

Der „Rauch Gottes“ verweht das Menschenwerk

Irritation statt Inspiration: Anmerkungen zu einer Handreichung über geschlechtersensible Sprache aus dem „Stabsreferat Gleichstellung“ im Bistum Hildesheim.
Conchita Wurst
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia | Ein „diverser“ Jesus: Das Bibelhaus in Frankfurt zeigt auf, was der Zeitgeist alles möglich macht und was für manche Menschen wichtig scheint.

Sprache ist konservativ. Sie bewahrt das Erbe vor dem Vergessen. So lebt in den Straßen- und Flurnamen die Erinnerung an vergangene Zeiten. Diese Memoria ist eine Grundlage der Kultur. Sie wird an Gedenktagen zelebriert zur Freude oder zur Mahnung, zur Feier oder zur öffentlichen Buße und zum Bekenntnis der Schuld. Die Sprache der Kirche muss konservativ sein. Denn ihr ist ein Erbe anvertraut, das sie auf ihrem Pilgerweg durch die Zeit bewahren muss. Jesus ist nun einmal der Sohn und nicht die Tochter Gottes. Wer sich durch diese Sprache vom Heil ausgegrenzt oder in seiner geschlechtlichen Identität nicht repräsentiert fühlt, der hat ein hermeneutisches Problem. Es kann wie viele Verstehensprobleme nur durch Bildungsarbeit gelöst werden.

Eine „Handreichung für das Bistum Hildesheim“ für den geschlechtersensiblen Sprachgebrauch in der Kirche geht einen anderen Weg und sorgt damit für Irritationen in den Gemeinden. Dürfen wir Gott in Zukunft noch „Vater“ nennen? Ist Jesus noch unser „Herr“ oder nur noch unser Bruder? Am Neuen Testament Forschende werden uns bald eine Antwort auf diese Fragen geben, wenn die Handreichung Schule machen sollte. Sie erhebt einen wissenschaftlichen Anspruch, zitiert aber völlig unwissenschaftlich ohne Zitatnachweis. Das gilt auch für den Umgang mit der Bibel.

Viele kam, vieles ging

Vieles kam und ging auch wieder: Die feministische Theologie der Lutheraner, die Bibel in gerechter Sprache. Judith Butler und die Einführung eines dritten Geschlechtes aber blieb. Auch kirchliche Stellenausschreibungen für Totengräber (m/w/d) sollen niemanden ausschließen. Längst hat die feministische Sprachkritik Eingang in die Lehrpläne der Oberstufe gefunden. Studentinnen der Universität Kiel haben ein gendergerechtes Kartenspiel erfunden. Bube, Dame und König exorzieren gemeinsam die Dämonen der Diskriminierung, des Rassismus und des Sexismus. In dieser apokalyptischen Schlacht will das „Stabsreferat Gleichstellung“ des Bischöflichen Generalvikariates Hildesheim unter dem Kommando von Manuela Weinhardt-Franz nicht nachstehen.

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Der Pfarrer soll dem Volks aufs Maul schauen, sagte Martin Luther, aber nicht nach dem Mund reden. Nichts ist für Kirche und Kultur gefährlicher als die Anpassung an den Zeitgeist und die Verbeugung vor dem vermeintlichen Volkswillen. Um einen normativen und selektiven Umgang mit der Überlieferung geht es auch in mancher kirchlichen Genderdebatte. Da befragen Forschende die Bibel im hebräischen und griechischen Original und finden in feministischer Verdeutschung die „Geistkraft“. Ja, das Alte Testament kennt Ruach und Sophia. Aber sie sind nicht identisch mit dem Heiligen Geist. Wird es demnächst eine Revision der Herderbibel geben? Wird das Gotteslob geschlechtersensibel umgeschrieben werden müssen? Wird im Schott demnächst Christa neben Christus stehen? Gilt es wieder einmal den Anfängen zu wehren?

„‚Was wir nicht mehr wollen‘.
Wir vom Stabsreferat und unsere Bündnispartner“

Die Handreichung setzt Normen in 19 Kapiteln und erklärt unmissverständlich „Was wir nicht mehr wollen“. Wir vom Stabsreferat und unsere Bündnispartner. Zum Beispiel geschlechtsneutrale Pluralformen. Eine Formulierung wie „Der Mitarbeiter, der eine Einladung erhalten hat, kann sich einen Platz aussuchen, für ihn wurde ein Stuhl vorgesehen“ gilt als ausgrenzend. Vielleicht ist „der“ Mitarbeiter eine Mitarbeiterin? Sprachliche Abwertungen des anderen Geschlechtes oder der geschlechtsneutralen Mitarbeitenden wären durch diese Formulierung vermieden: „Alle, die eine Einladung erhalten haben, können ihre Plätze aussuchen, es wurden Stühle für sie vorgesehen.“

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Die Exorzisten vom Stabsreferat wollen das männliche „jeder“ durch „alle“ ersetzt wissen und „keiner“ durch „niemand“. Das Rauchen in öffentlichen Gebäuden ist verboten. Für Raucherpausen ist ein abgegrenzter Außenbereich zu wählen. Raucherpausen? Ja, die Sprache ist voll patriarchalischer Stolpersteine! Statt „Raucherpause“ muss es „Zigarettenpause“ heißen. Mit ein wenig Kreativität, meint das Stabsreferat, werden dem sprachsensiblen katholischen Mitarbeitenden schon neutrale Formen und Umschreibungen einfallen. Auf Inhalte kommt es dann weniger an als auf politische Korrektheit. Der Teufel (Maskulinum) steckt wirklich im Detail. Eine Frau am „Rednerpult“ ist einfach eine sprachliche Zumutung. Da können sich irritierte Teilnehmende nicht mehr auf die Rede am Pult konzentrieren, weil sie nach einem gerechteren Ausdruck suchen. Das Stabsreferat hat die Lösung. Die Rednerin steht am „Redepult“. Ihr Beamer wirft keinen „leserfreundlichen“ Text an die Wand, sondern einen „lesefreundlichen“. Es geht nicht mehr eine „Teilnehmerliste“ durch die Reihen, sondern eine „Teilnahmeliste“. Das alte generische Maskulinum darf nicht mehr gewählt werden. Anders liegt der Fall beim weiblichen grammatischen Geschlecht von Institutionen. Anstelle von „Die Kirche als Arbeitgeber“ soll es heißen: „Die Kirche als Arbeitgeberin“.

Mit Druck zu einer aufgesetzten, sprachlichen Diversität

Stellenweise liest sich die Handreichung wie ein Vortragsmanuskript zu „Mainz wie es singt und lacht“. Ein Sprachkritiker wie Walter Jens hätte daran helle Freude gehabt. Doch kirchliche Angestellte sehen sich unter Druck gesetzt. Wem dient der Moralismus dieser Schulmeisterei? Dem Heft beigegeben ist eine Seite zum Heraustrennen mit den wichtigsten Normen für das Büro oder die nächste Sitzung. Sollen Denunzianten und Spitzel erzogen werden? Wird es bald eine neue Stasi-Behörde geben? Die Sprachpolizei des Stabsreferates greift auch in die Sprache der Liturgie ein. „Der Herr sei mit euch“ war einmal. Jetzt hat es zu heißen „Die Geistkraft sei mit euch“. Beim Phototermin gilt hinfort: „Auch die Mimik sollte ähnlich sein, Männer dürfen auch mal freundlich oder emotional wirken und Frauen ernst schauen. Bei der Aufstellung sollten Frauen nicht in den Hintergrund gerückt und nicht kleiner abgebildet werden als Männer.“ Stereotype müssen aufgebrochen werden: „Frauen nicht nur als passiv Zuhörende oder mit Kindern abbilden und Männer nicht nur in erklärenden Positionen.“ Frauen dürfen beim Photoshooting nicht von Männern eingerahmt werden. Könnte das Gewalt oder Missbrauchsabsicht demonstrieren? Wenn möglich sind Menschen verschiedener Hautfarbe, mit unterschiedlichem Gewicht, Größe und Intelligenz auf einem Bild darzustellen. Auch für die Kirchenzeitungen in den dörflichen Gemeinden gilt Diversität als Norm: „Wird in den Bildern die Vielfalt der Menschen sichtbar?“ Eigentlich müsste es sich von selbst verstehen und muss doch betont werden: „Bilder so auswählen, dass Männer nicht häufiger abgebildet sind als andere Personen.“

 

Eine Handreichung ist keine Dienstanweisung. Also kann sie der Priester gewissenhaft ad acta legen oder dem Reißwolf überantworten. Doch Thomas Blumenberg, Pfarrer der Gemeinde St. Gallus, verbrachte nach der Lektüre eine schlaflose Nacht. So erzählte er später in seiner Predigt. Hohe Tagestemperaturen und heiße Nächte taten ihr Übriges. Dann kam die Morgenröte und wenig später zog ein Gewitter auf. Der verärgerte Mann öffnete sämtliche Fenster des Pfarrhauses und ließ die Ruach Gottes hindurch. Sie brachte frische Luft, belebte den Atem und wirbelte einige Papiere vom Schreibtisch des Geistlichen, darunter die Handreichung. War das ein Zeichen von höchster Stelle?

Mut zur Gelassenheit gegen unverbindliche Handreichungen

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Dennoch bleiben Fragen. Dürfen wir in Zukunft noch das Christkönigsfest feiern oder kommt demnächst ein Vorschlag zur Umbenennung? Dürfen wir Christus als König, als Pantokrator und Herrn ansprechen oder wirkt diese männliche Sprache ausgrenzend auch im Blick auf andere Religionen? Gott sei Dank hat die Weltkirche einen sehr langen Atem. Er schenkt Mut zur Gelassenheit gegenüber schnell gestrickten Handreichungen und deutschen Sonderwegen. Aber die Kirche braucht in ihren eigenen Reihen zu jeder Zeit auch Zeugen mit dem Prophetenmut zur Wahrheit. Sie sagen, was gesagt werden muss, rufen zur Besinnung und fordern zur fundamentalen Kurskorrektur auf. Den Kurs der Kirche durch die Zeiten aber bestimmt nur der Herr allein. Also: Mut zum Gottesbraus!

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