Der Nahe Osten wird zum Film – ohne Exotik

Auf der Berlinale zeigen hier unbekannte Regisseure, wie sich das Leben im Irak oder in Palästina tatsächlich anfühlt

Der Nahostkonflikt und die politisch-religiösen Spannungen zwischen Orient und Okzident lassen auch das Filmfestival Berlinale nicht kalt. Was ja mit das Reizvollste an diesem Ereignis ist, nämlich Filme aus Ländern und Regionen sehen zu können, die im Kino- und Fernsehalltag kaum oder gar nicht vorkommen.

Dass Produzenten oder Filmförderungsinstitutionen in Zeiten der Wirtschaftskrise stärker kooperieren, um Verluste zu minimieren, hat auch sein Gutes: Nur als internationale Koproduktion konnte der Spielfilm „Son of Babylon“ realisiert werden, der in der Berlinale-Reihe „Panorama“ läuft. Neben drei europäischen Ländern sind an dieser Produktion die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und der Irak beteiligt. „Son of Babylon“ bietet den Zuschauern authentisch anmutende Eindrücke, wie es im Irak nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein durch die von den USA angeführte, alliierte Invasion 2001 ausgesehen haben muss. Erzählt wird die Geschichte einer kurdischen Großmutter, die mit ihrem Enkelsohn vom Norden quer durch das geschundene Land reist, um den verschollenen Sohn und Vater zu suchen, den das diktatorische Regime vor Jahren verschleppen ließ. Nach einem eher burlesken, komödiantischen Start entwickelt sich die Odyssee für seine zunächst hoffnungsvollen Protagonisten zu einer schweren psychischen Belastungsprobe: Eine buchstäblich babylonische Odyssee durch ein anarchisches Chaos mitten in das Herz der Finsternis, zu den Massengräbern der untergegangenen Diktatur. Ohne direkt zu sagen, ob die Invasion moralisch gerechtfertigt sei, nutzt Regisseur Mohammed Al-Daradji meisterhaft die Identifizierung des Zuschauers mit den beiden Hauptfiguren zur spannungsreichen, aber nie undifferenzierten Emotionalisierung.

„Aisheen – Überleben in Gaza“: Bilder des unbedingten Trotzes

Authentische Bilder aus einem der am dichtesten besiedelten und aus eigener Kraft nicht lebensfähigen Region zeigt der Schweizer Regisseur Nicolas Wadimoff in der Dokumentation „Aisheen – Überleben in Gaza“. Die vorurteilsfrei vorgenommenen Beobachtungen verdeutlichen, dass trotz aller Verzweiflung und Tristesse vielen Gaza-Bewohnern ein unbedingter Trotz und auch eine Portion Gleichmut beim Überleben hilft sowie die Hamas keineswegs die gesamte Bevölkerung Gazas zu kontrollieren vermag.

„Ich denke, als demokratisch gesinnter Mensch muss man andere Meinungen respektieren, das geht aber nur, wenn man sich als gleichberechtigte Partner ansieht“, sagt Ayed Morrar über die Problematik des Nahostkonfliktes. Morrar war für viele Palästinenser bereits ein Held, bevor er in dem Dokumentarfilm der brasilianischen Regisseurin Julia Bacha nun auch noch ein Filmheld geworden ist. Denn Morrar hat mit friedlichen Mitteln erreicht, dass die Palästinenser das erste Mal seit der Besetzung von Teilen ihres Landes durch die israelische Armee ein Stück Land zurückerhalten haben – nahe Budrus.

Der Film „Budrus“ ist nach dem palästinensischen Dorf benannt, aus dem Morrar stammt, und das Ausgangspunkt für eine friedliche Protestbewegung gegen den von der israelischen Regierung organisierten Bau einer Mauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten wurde. „Es waren schon auf 150 Kilometer Länge Zäune gebaut worden“, berichtet Ayed Morrar bei einem Besuch der Berlinale, „als Budrus an die Reihe kommen sollte“. Neben der Zerstörung hunderter Olivenbäume, die die Lebensgrundlage vieler Bewohner von Budrus sind, hätten die Zäune und Mauern auch einen alten Friedhof zerschnitten und wären nur wenige Meter neben einer Grundschule entlanggelaufen.

Der Film zeigt, wie die israelische Armee zunächst routinemäßig versuchte, die Protestierer beiseite zu drängen, um sie schließlich mit Tränengas und Gummigeschossen zu vertreiben: deprimierende Bilder. Der Film bemüht sich indes um Ausgewogenheit und lässt auch israelische Soldaten zu Wort kommen. Budrus kennt jedoch auch Momente der Hoffnung: Zunächst konnten die palästinensischen Protestierer den Bau der Grenzanlagen verzögern. Dann gewannen sie immer mehr Unterstützer aus anderen palästinensischen Dörfern, schließlich sogar aus Kreisen der Hamas und gleichermaßen der israelischen Friedensbewegung, die ebenfalls gegen die Grenzmauer ist. Diese jungen Leute stellten sich oft in die erste Reihe der Protestierer und schützten so die Palästinenser, da die israelischen Soldaten gegen ihre Landsleute nicht so schnell Gewalt anwenden. Ergebnis: Die Grenzanlagen wurden aufgrund der friedlichen, aber hartnäckigen Proteste in größerem Abstand um Budrus und andere Dörfer gebaut – die Demonstrationen setzen landesweit ein positives Zeichen, dass Proteste nicht umsonst bleiben müssen.

Aved Morrar – ein Held der Palästinenser ist in Berlin

Ayed Morrar betont, wie wichtig die Proteste direkt vor Ort waren, wo die Mauer gebaut werden sollte: „Alle Dörfer, die schon betroffen waren, sind wegen des Zauns vor Gericht gegangen, aber alle Klagen wurden ignoriert. In Budrus wäre viel zerstört worden, wenn wir gerichtlich protestiert hätten. Mit dem Bau der Zäune werden Fakten geschaffen, deshalb war der schnelle Protest vor Ort so wichtig“, berichtet Morrar, der inzwischen mit vielen Bürgermeistern und Lokalpolitikern kooperiert, um den Widerstand gegen die Errichtung der Grenzanlagen an jenen Stellen, die für die Palästinenser lebenswichtig sind, zu organisieren. „Die unglaubliche Entwicklung der friedlichen Proteste war, dass sie zu einer Bewegung wurden, dass von Israel und vielen anderen Ländern Menschenrechtsaktivisten angereist waren, und nach ihren Protesten in Budrus noch in andere Dörfer zu gehen, um dort zu helfen“, sagt Julia Bacha, die den Film aus rund 200 Stunden Filmmaterial von Menschenrechtsaktivisten geschnitten hat.

„Ich bin froh, dass wir in Budrus mit vereinten Kräften kämpfen konnten: Frauen, Männer, Palästinenser, Israelis und internationale Aktivisten“, sagt Morrar, der erkennbar diplomatischen Qualitäten aufweist und inzwischen im palästinensischen Innenministerium arbeitet. Neben Gesprächen auf höchster politischer Ebene – die für die Etablierung eines eigenen palästinensischen Staates bislang ebenso fruchtlos geblieben sind wie die Gerichtsverfahren die Grenzanlagen verhindern konnten – hält Morrar praktische Friedensbemühungen zwischen Palästinensern und Israelis auf lokaler Ebene für unabdingbar. Morrars Vorbild sind die friedlichen Revolutionen in Osteuropa, deren positive Folgen sich historisch als wesentlich stabiler erwiesen haben, als bei solchen von gewalttätigen Umstürzen der Fall war.

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