„Der Mensch lässt sich nicht konstruieren“

Bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Mainz wird kritisch über Gender diskutiert. Von Sebastian Krockenberger
Geschwister - Mädchen und Junge
Foto: dpa | Unterschiedlichen Geschlechtern dürfen auch unterschiedliche Socken zugeordnet werden.

Mehr Wirbel als erwartet hat eine Gender-Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung kürzlich in Mainz ausgelöst. Das Schwulenreferat im Asta der Universität Mainz rief zu einer Gegendemo auf. Bento, die Jugend-Ausgabe des Magazins „Spiegel“ im Internet, und das Online-Magazin Queer.de versuchten, die Tagung der CDU-Parteistiftung niederzuschreiben. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag von Rheinland-Pfalz, Bernhard Braun, verbreitete den Bento-Artikel über die Internet-Plattform Twitter und wähnte bei der CDU das Ende der Gleichberechtigung gekommen. Das Schwulenreferat spricht gar von „salonfähigem Rechtsextremismus“.

Angesichts der heftigen Vorwürfe und Anfeindungen im Vorfeld betont Karl-Heinz van Lier von der Konrad-Adenauer-Stiftung die Freiheit, über Gender kritisch zu sprechen. Es solle um eine offene Debatte gehen. Van Lier verweist darauf, dass Gender-Mainstreaming 1999 durch Kanzler Gerhard Schröder über Kabinettsbeschluss ohne öffentliche Debatte in Deutschland als Staatsziel festgesetzt wurde. Am 17. September 2018 sollen bei einer Folgetagung Gender-Befürworter vortragen.

Die Philosophie-Professorin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz beschäftigt sich in ihrer Forschung und Lehre mit der Anthropologie der Geschlechter. Die Gender-Theorie werfe die Fragen auf, ob es sinnvoll sei, zwischen Mann und Frau zu unterscheiden, ob wir nur noch das gemeinsam Menschliche betonen müssten, ob man sich durch „fließende Identität nach eigener Wahl in Freiheit setzen“ könnte. Die Gender-Theorie unterscheide zwischen dem biologischen Geschlecht (Sex) und dem erworbenen, sozialen und kulturellen Geschlecht (Gender), so Gerl-Falkovitz. Judith Butler, eine Hauptvertreterin der Theorie, wolle die zwei Geschlechter abschaffen. Es soll nur noch Personen beziehungsweise Menschen geben. Gerl-Falkovitz kritisiert die Gender-Theorie als „unterkomplex“. „Es gibt keinen vorgeschlechtlichen Körper.“ Der Leib zeige eine Polarität. Der Leib eines Mannes und einer Frau seien sich unergründlich fremd. Diese unergründliche Entzogenheit erfordere Mut, Liebe im Sinne von Tollkühnheit, um sich auf den anderen einzulassen.

Was Gender-Mainstreaming mit Pädagogik zu tun hat, erörtert Josef Kraus. Er war Rektor eines Gymnasiums und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Kraus erwähnt die Auseinandersetzung um den Bildungsplan in Baden-Württemberg. Die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ sollte als Bildungsziel in allen Fächern gelten. Das konnte verhindert werden. Nach der Landtagswahl 2016 wurde eine neue Regierungskoalition aus Grünen und CDU gebildet. Der Begriff „Gender“ kommt im Koalitionsvertrag nicht vor, obwohl die Grünen ihn mehrmals drin haben wollten. Den Mut des CDU-Verhandlungsführers Thomas Strobl bei diesem Thema wünscht Kraus auch anderen Amtsträgern der CDU. Denn in anderen Bundesländern wird nach wie vor versucht, Sexualität zu einem Querschnittsthema an den Schulen zu machen.

Dem Rechtsgutachten von Professor Christian Winterhoff zur „Verfassungs- und Gesetzmäßigkeit der Erziehung von Schulkindern an staatlichen Schulen in Schleswig-Holstein zur Akzeptanz sexueller Vielfalt“ vom August 2016 kann sich Kraus voll anschließen. Aus den Grundrechten der Schüler und ihren Eltern folge demgemäß, dass der Staat in der Schule hinreichende Neutralität und Toleranz wahren und die erzieherischen Vorstellungen der Eltern achten müsse. Kraus fürchtet „einen gewissen Kulturkampf, der sich hier abzeichnet“.

Der Gymnasiallehrer Tomas Kubelik aus Österreich kritisiert die Vergewaltigung der Sprache durch Gender-Mainstreaming. Ihn erinnert das an die „Sprachpolitik totalitärer Staaten“. Ein fundamentaler Irrtum läge dieser Sprachpolitik zugrunde, nämlich die Verwechslung des grammatischen Geschlechtes eines Wortes mit dem Geschlecht des durch das Wort Benannten. Sprachpolitisches Ziel sollten stattdessen sein: Kultivierung des sprachlichen Bewusstseins, Verständlichkeit und Klarheit, Eleganz, Genauigkeit, Schönheit und Lesbarkeit.

Die rheinland-pfälzische CDU-Landtagsabgeordnete Simone Huth-Haage ist Stellvertretende Vorsitzende im Familienausschuss. Gleichberechtigung und mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern findet sie gut. Doch das Rad könne auch überdreht werden, wie das jetzt mit der Gender-Theorie geschieht. Das Geschlecht werde als „sozial konstruiertes Gebilde determiniert“. Hier wendet Huth-Haage ein: „Der Mensch lässt sich nicht konstruieren. Hieran sind bereits eine Vielzahl von Ideologien gescheitert.“

Eine Handvoll Gegendemonstranten versammelte sich schließlich auf dem Gutenbergplatz. An diesem Samstag waren jedoch deutlich mehr Karnevalisten der Mainzer „Fasenacht“ in der Stadt unterwegs.

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