Der Maler der Wahrheit im Menschen

Diego Velázquez führte nicht nur die Malerei in die Moderne – Er porträtierte stets mit großer Achtung und Menschlichkeit. Von José García
Foto: pixgood.com | Diego Velázquez: „Papst Innozenz X.“, um 1650; Galleria Doria-Pamphilj, Rom. Für viele Kunstkritiker ein, wenn nicht gar der, Höhepunkt der Porträtmalerei.
Foto: pixgood.com | Diego Velázquez: „Papst Innozenz X.“, um 1650; Galleria Doria-Pamphilj, Rom. Für viele Kunstkritiker ein, wenn nicht gar der, Höhepunkt der Porträtmalerei.

Als den „Maler der Maler“ („peintre des peintres“) beschrieb ihn begeistert Edouard Manet 1865 in einem Brief an Charles Baudelaire. „Endlich habe ich Velázquez wirklich kennengelernt, 30 oder 40 seiner Gemälde hier in Madrid, alles Meisterwerke.“ Seit Manets Bewunderung für Diego Velázquez (1599–1660) wird die Kunst des Hofmalers König Philipps IV. als eine Vorwegnahme der impressionistischen Sehweise interpretiert. Velázquez gilt als bedeutendster Künstler des spanischen Goldenden Zeitalters und als einer der größten Porträtmaler überhaupt.

Vom November 2006 bis Januar 2007 trug Londons National Gallery fast die Hälfte von Velázquez? Werken zusammen. Das Kunsthistorische Museum Wien widmete ihm vom Oktober 2014 bis Februar 2015 eine Ausstellung mitsamt einem mehr als 300 Seiten starken Katalog. Nun öffnete Ende März im Pariser Grand Palais die von Grand Palais und dem Louvre-Museum in Zusammenarbeit mit dem Wiener Kunsthistorischen Museum organisierte Ausstellung „Velázquez“ ihre Pforte, die bis zum 13. Juli zu sehen ist. Aus diesem Anlass veröffentlicht „absolut MEDIEN“ in der Reihe „Art Edition“ den Film „Diego Velázquez – Ungeschminkter Realismus“ auf DVD.

Dem Impressionismus nahe sind insbesondere seine Bilder aus der Villa Medici, die Velázquez während seines ersten Italienaufenthalts 1629–1631 malte. Hier wird die Landschaft nicht bloß kopiert, sondern verändert. „In den Gärten der Villa Medici hat Velázquez die Malerei in die Moderne geführt. Er setzt Maßstäbe für die Künstler der Zukunft“, führt der Künstler und Regisseur Karim Ainouz in seinem Film „Diego Velázquez – Ungeschminkter Realismus“ dazu aus. Denn Velázquez beeinflusste mit seinem freien Pinselschwung und Farbaufstrich nicht nur die Impressionisten Claude Monet und Auguste Renoir. Auch moderne Maler, allen voran Pablo Picasso, der im Sommer 1957 von spätem Meisterwerk Velázquez? „Las Meninas“ („Die Hoffräulein“) mehr als 40 eigene abstrakte Variationen schuf, und Francis Bacon, der 1953 mit seiner „Study after Velázquez's Portrait of Pope Innocent X“ das Velázquez-Porträt von Papst Innozenz X. aus der Galleria Doria-Pamphilj in Rom verzerrte, schöpften aus Velázquez? Arbeiten. Auch Salvador Dalí (dessen gezwirbelter Schnurrbart eine Art Hommage an Velázquez darstellte) interpretierte mehrere Werke des Hofmalers Philipp IV. neu – seit Februar befinden sich in einem Saal des „Museo Dalí“ in Figueras elf Velázquez-Interpretationen von Salvador Dalí.

Geboren wurde Diego Rodríguez de Silva y Velázquez wohl Anfang Juni 1599 (er wurde am 6. Juni getauft) in Sevilla, der damals größten Stadt in Spanien. Denn in Sevilla hatte seit seiner Gründung 1503 das „Casa de Contratación y Audiencia de Indias“, das alle spanischen Entdeckungs- und Eroberungsexpeditionen in die Neue Welt leitende Handelshaus, seinen Sitz. In Sevilla wurden im 16. Jahrhundert die Kunstwerke für die neu entstehenden Kirchen und Klöster in der Neuen Welt geschaffen. Und in der andalusischen Hauptstadt bestanden deshalb ebenfalls bedeutende Malerwerkstätten. In die von Francisco Pacheco geleitete Werkstatt trat Diego Velázquez mit elf Jahren als Lehrling ein. Zu malen begann der spätere Meister allerdings sieben Jahre später.

Das Werksverzeichnis, das einer der besten Velázquez-Kenner, José López-Rey (1909–1991), in den Jahren 1979–1981 erstellte, umfasst 129 Einträge, wobei es sich bei einigen der Einträge um verschiedene Versionen eines Kunstwerkes oder auch um Skizzen dazu handelt. Velázquez? erste Bilder zählen zum Stillleben-Genre des „Bodegón“, einer im 17. Jahrhundert in Spanien sehr verbreiten Verknüpfung von Alltagsszenen mit Szenen aus der Bibel. Bereits „Christus im Hause von Maria und Martha“ (1618) zeigt einen Hauptcharakterzug von Velázquez? Kunst: Er malt „Bilder im Bild“. Hier erscheinen im Vordergrund eine alte und eine junge Frau in einer Küche. Im Hintergrund die titelgebende Szene mit Jesus, Martha und Maria. Offen bleibt freilich, ob diese Szene durch eine Wandöffnung zu sehen ist, oder ob es sich aber um ein Gemälde handelt. Diesen Kunstgriff setzte Velázquez mit großer Meisterschaft in zwei seiner Hauptwerke ein: in „Die Fabel der Arachne“ („Die Spinnerinnen“, 1644–1648) und „Las Meninas“ (1656–1657).

Velázquez malte religiöse Sujets, unter denen die im Prado-Museum befindlichen „Christus am Kreuz“ (1632) und die „Marienkrönung“ (1641–1644) wohl die eindrücklichsten sind. Den größten Teil seiner künstlerischen Produktion machen aber die Porträts aus, die er in den dreißig Jahren seiner Tätigkeit als Hofmaler ab 1622 von der königlichen Habsburger-Familie, aber auch von anderen Höflingen malte. Gerade in den Bildern der Hofnarren und Zwergen zeigt sich ein weiteres Kennzeichen des spanischen Malers: Er behandelt sie stets mit größter Achtung und Menschlichkeit.

Velázquez wusste nicht nur die Farbe, sondern auch die Atmosphäre, die Luft, eine Art vierte Dimension in den „Bildern in Bildern“ einzufangen, und zugleich ikonografische Rätsel aufzugeben: „Wo ist das Bild, wo die Realität?“, fragte etwa Enrique Lafuente Ferrari vor „Las Meninas“. Seine wahre Meisterschaft zeigte er im Porträt. „Troppo vero“, zu echt, soll Papst Innozenz X. ausgerufen haben, als ihm das von Velázquez gemalte Porträt ausgehändigt wurde. Der „Maler der Maler“ suchte stets nach der tiefen Wahrheit im Menschen.

DVD-Tipp: „Diego Velázquez – Ungeschminkter Realismus“. Von Karim Ainouz, 52 Min., absolut MEDIEN,

EUR 14,90

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