Film

Der letzte Mord der RAF

Mit einer Mischung aus Fakten und Fiktion rekonstruiert der Fernseh-Zweiteiler „Der Mordanschlag“ die Ermordung von Treuhand-Chef Rohwedder im April 1991. Von José García
Filmtipp: "Der Mordanschlag" - Filmszene
Foto: ZDF | Treuhandanstalts-Präsident Hans-Georg Dahlmann (Ulrich Tukur, rechts) deckt einen Skandal auf. Dies imponiert seiner Assistentin Sandra Wellmann (Petra Schmidt-Schaller), die eigentlich Dahlmann an die RAF verraten soll.

Dem letzten von der sogenannten dritten Generation der Roten Armee Fraktion RAF verübten Mord fiel am 1. April 1991 der Präsident der Treuhandanstalt Detlev Karsten Rohwedder zum Opfer. Rohwedder wurde von einem Scharfschützen in seinem Haus in Düsseldorf erschossen. Obwohl die Hintergründe der Tat nie aufgeklärt wurden, sprachen einige Indizien dafür, dass daran Wolfgang Grams beteiligt war – derselbe Wolfgang Grams, der am 27. Juni 1993 am Bahnhof Bad Kleinen von GSG-9-Beamten tödlich getroffen wurde.

Der Fernseh-Zweiteiler „Der Mordanschlag“ von André Georgi (Drehbuch) und Miguel Alexandre (Regie) „orientiert sich an historischen Ereignissen. Die Handlung ist fiktiv“ – so heißt es zu Beginn. „Die handelnden Personen sowie ihre beruflichen und privaten Konflikte sind frei erfunden.“ Im Film heißt der Chef der Treuhandanstalt denn auch Hans-Georg Dahlmann (Ulrich Tukur), der zu Beginn der 1990er Jahre als einer der meistgefährdeten Männer Deutschlands und Zielscheibe der RAF gilt. Zum Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion im ZDF-Mehrteiler führt André Georgi, der das Drehbuch auf der Grundlage seines 2018 erschienenen Thrillers „Die letzte Terroristin“ verfasste, aus: „Ein nicht völlig aufgeklärtes Verbrechen hinterlässt Lücken, die nur fiktional gefüllt werden können. Und so bewegen sich Roman und Drehbuch im schwierigen Grenzbereich zwischen dem Tatsächlichen und dem Fiktionalen – einem Gebiet, in dem es nicht nur ,wahr‘ oder ,falsch‘ gibt, sondern in dem das Mögliche herrscht und seine eigene Wahrheit beansprucht: Alles ist wahr – ich muss es wissen, denn ich habe alles selbst erfunden.“ Das bedeutet: „Hans-Georg Dahlmann ist Detlev Karsten Rohwedder, und er ist es zugleich nicht“, so Georgi.

„Der Mordanschlag“ übernimmt jedoch die Perspektive einer fiktiven Person: Sandra Wellmann (Petra Schmidt-Schaller) wird von Dahlmann nach einem kurzen Vorstellungsgespräch persönlich als seine Assistentin eingestellt. Sandra ist jedoch Sympathisantin der dritten RAF-Generation. Sie soll den Terroristen Bettina Polheim (Jenny Schily) und Klaus Gelfert (Christoph Bach) Informationen zu den Aufenthaltsorten und Sicherheitsbestimmungen von Dahlmann liefern.

André Georgi und Miguel Alexandre konzentrieren sich einerseits auf das Verhältnis zwischen Sandra Wellmann und Bettina Polheim, andererseits auf die Skandale und Widerstände, mit denen sich der Treuhand-Chef auseinandersetzen muss. So klärt Hans-Georg Dahlmann etwa einen Skandal um die geplante Privatisierung eines ehemals staatlichen Chemiewerks in Gehrsberg auf, hinter dem einer seiner höchsten Mitarbeiter, Thomas Rautenbach (Alexander Held), steckt. Rautenbach intrigiert immer wieder gegen seinen Vorgesetzten mit dem offensichtlichen Ziel, selbst Treuhandanstalt-Präsident zu werden. Widerstände kommen selbstverständlich auch von den Arbeitern und Angestellten der VEBs, die es zu privatisieren gilt, weil ihnen der Verlust ihrer Arbeitsplätze droht.

Dies hat ebenfalls einen historischen Hintergrund (siehe „Traumjob Treuhand?“, DT vom 19. Juli): Im Jahre 1993 – allerdings nach dem Mord an Detlev Karsten Rohwedder – wurde ein größerer Korruptionsskandal bekannt, bei dem sich ein westdeutscher Unternehmer und ein ostdeutscher Direktor an den restlichen Industriemitteln der DDR bereichern wollten. Bald darauf streikten die Kali-Kumpel in Bischofferode für den Erhalt ihres Bergwerks. In weiten Teilen der ostdeutschen Gesellschaft genoss die Treuhandanstalt den zweifelhaften Ruf, die ostdeutsche zugunsten der westdeutschen Wirtschaft beseitigen zu wollen.

Der Zweiteiler „Der Mordanschlag“ ist allerdings ein Thriller, keine Geschichtsstunde. Auf der einen Seite zeigt der Film die Vorbereitungen auf den Anschlag. So kommt das Bundeskriminalamt dem Vorhaben auf die Spur, nachdem die RAF einen Anschlag auf den Vorsitzenden der deutschen Vereinsbank ausübt, der dabei ums Leben kommt. Der leitende BKA-Ermittler Andreas Kawert (Maximilian Brückner) findet heraus, dass die Attentäter Dahlmann als nächstes potenzielles Opfer im Visier haben. Auf Kawerts Ermittlungsdruck muss die RAF ihren Plan ändern: Bettina erklärt Sandra, dass sie selbst das Attentat verüben soll. Die Chancen für ein erfolgreiches Attentat stehen gut, denn Dahlmann vertraut Sandra inzwischen so sehr, dass er sie sogar zu sich nach Hause einlädt, um sie seiner Familie vorzustellen.

Auf der anderen Seite stellen die Filmemacher in den Mittelpunkt ihres Thrillers den inneren Konflikt, in den Sandra Wellmann immer mehr gerät. Denn in der täglichen Arbeit an der Seite Hans-Georg Dahlmanns und ganz besonders, als die beiden gemeinsam den Skandal um die geplante Privatisierung des Chemiewerks in Gehrsberg aufklären, lernt die junge Frau Dahlmanns idealistische Beweggründe, seine Integrität und Geschicklichkeit kennen und schätzen. Dadurch wird ihre Weltanschauung und insbesondere auch ihre Bereitschaft auf die Probe gestellt, der RAF beim Attentat zu helfen.

Obwohl der Ausgang bekannt ist, schafft es „Der Mordanschlag“, thrillermäßige Spannung aufzubauen und dieses dunkle Kapitel der neueren Geschichte wieder in den Blick der Öffentlichkeit zu nehmen.

„Der Mordanschlag“. Buch: André Georgi, Regie: Miguel Alexandre. Zwei Teile: Montag, 5. November und Mittwoch, 7. November, jeweils 20.15 Uhr, je 90 Minuten, ZDF.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Hanns-Martin Schleyer
Berlin
Die RAF – eine Bilanz Premium Inhalt
Vor 50 Jahren traten die Terroristen zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Sie wollten den Staat als „faschistisch“ diffamieren.
16.05.2020, 12  Uhr
Harald Bergsdorf
Phantom RAF - Der ungelöste Fall Herrhausen
Berlin
Die Morde wurden perfektioniert Premium Inhalt
Vor 30 Jahren wurde Alfred Herrhausen ermordet. Der Dokumentarfilm „Phantom RAF – Der ungelöste Fall Herrhausen“ stellt die Frage, woher die Terroristen ihr Fachwissen hatten.
28.11.2019, 09  Uhr
José García
Themen & Autoren
Anschläge Attentate Bahnhöfe Bundeskriminalamt Detlev Karsten Rohwedder Drehbücher Erschießungen Krimis und Thriller Mord Petra Schmidt-Schaller Privatisierung RAF Rote Armee Tod und Trauer Ulrich Tukur Wolfgang Grams ZDF

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann