Der Heilige Rock von Argenteuil

Kein Gegenstück zu Trier, sondern eine Ergänzung – Seit mehr als einem Jahrtausend wird ein dem Gottessohn zugeschriebenes Gewand verehrt. Von Ulrich Nersinger
Foto: Foto: | Vom Leib des göttlichen Dulders berührt: Der Heilige Rock von Argenteuil.IN
Foto: Foto: | Vom Leib des göttlichen Dulders berührt: Der Heilige Rock von Argenteuil.IN

„Es ist nicht verwunderlich, wenn mehr als ein Gewand Jesu erhalten ist, da jeder Israelit wenigstens vier Kleidungsstücke trug. Gott hat auf die Kleidung seines auserwählten Volkes besonderen Wert gelegt, wie aus dem Exodus, dem Leviticus, den Numeri und dem Deuteronomium hervorgeht. Außerdem stimmen die vier Evangelien darin überein, dass die Soldaten die Kleider Jesu unter sich teilten.“ Die Worte schrieb Paul Breton, als eines der berühmtesten Herrengewänder in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer wissenschaftlichen Expertise unterzogen wurde. Bei dem unter Katholiken hochverehrten Kleidungsstück handelt es sich um den Heiligen Rock von Argenteuil in Frankreich, den Michael Hesemann in seinem Beitrag über die Trierer Reliquie erwähnt (DT, Nr. 42 vom 7. April 2012).

Argenteuil besitzt diesen kostbaren Schatz seit dem 12. August des Jahres 800, seit dem Tag, an dem ihn Karl der Große seiner Tochter Theodrada zum Geschenk machte. Die Tochter des fränkischen Herrschers, die aus der Ehe Karls mit der aus einem thüringisch-mainfränkischen Grafengeschlecht stammenden Adeligen Fastrada hervorgegangen war, hatte sich bereits in jungen Jahren zum Eintritt in das Benediktinerinnenpriorat von Argenteuil entschlossen. In späteren Jahren stand Theodrada der klösterlichen Gemeinschaft als Oberin vor. Karl der Große hatte die Reliquie aus Byzanz erhalten: Irene von Athen (752–802), die verwitwete Kaiserin des Byzantinischen Reiches, hatte sie ihm zugesandt, wohl vor allem mit Blick auf ihre in Frage gestellten Herrschaftsansprüche und einer beabsichtigten Absicherung ihrer Macht durch eine Heirat mit dem Franken.

Für die in der Vatikanstadt erscheinende „L'Illustrazione Vaticana“ bemerkte Paul Breton im Jahre 1934: „Bei dem Gewand in Argenteuil handelt es sich nicht um das Obergewand Christi. Der ganz mit Blut bedeckte Rock von Argenteuil berührte unmittelbar den Leib des göttlichen Dulders. Anders hätte er das kostbare Blut nicht in so großen Flecken auf dem Rücken und auf einer Schulter aufnehmen können. Diese Blutflecken scheinen davon herzurühren, dass schon geschlossene Wunden wieder aufgerissen wurden. Die Flecken zeigen, dass die Wunden dem Dulder schon vorher beigebracht wurden. Danach ist er wieder bekleidet worden und hat auf dem Rücken einen schweren Gegenstand getragen, der von der Schulter bis zu den Lenden auflag. In der Tat weist nur eine Schulter des Kleides die Blutflecken auf, ebenso die dem betreffenden Schulterblatt entsprechende Stelle in der Nähe der Wirbelsäule. Ausgedehnte Blutflecken zeigt das Kleid in der Lendengegend, wo es vom Gürtel zusammengehalten wurde, sodass das Blut sich staute. Die Stellen, an denen sich die Blutflecken auf dem Rock finden, entsprechen den Stellen der Wunden, die auf dem heiligen Leintuch in Turin festgestellt wurden.“

Während der Normanneneinfälle im 9. Jahrhundert wurde die Reliquie zu ihrem Schutz eingemauert und später mit den Urkunden, die ihre Herkunft bezeugen, von Hugo von Amiens, dem Erzbischof Rouens, wiederaufgefunden. Der Kirchenfürst, der Mönch in Cluny und ein Freund des heiligen Bernhard gewesen war, nahm 1165 im Beisein vieler Bischöfe und König Ludwigs VII. die Erhebung des Heiligen Rockes vor. Eine im Archiv von Seine-et-Oise verwahrte Urkunde berichtet von der Vorschrift, dass vor dem Heiligen Rock immer eine Lampe zu brennen habe. König Ludwig der Heilige kam zweimal nach Argenteuil, um der Reliquie seine Verehrung zu bezeugen. Das Herrengewand verblieb jedoch nicht ständig in der Stadt; die Quellen berichten, dass es immer wieder in feierlichen Prozessionen in die Abtei Saint-Denis, nach Paris und nach Pontoise gebracht wurde.

Als die Verehrung des Heiligen Rockes von Argenteuil immer mehr wuchs und für ganz Frankreich an Bedeutung gewann, unterschrieb König Franz I. im Jahre 1544 einen Erlass, der die Befestigung der Stadt anordnete – „zum Schutz und zur Erhaltung des Gewandes des Heilandes und Erlösers Jesus Christus“. Das Anliegen des Monarchen war nicht unbegründet, denn 1567 griffen Hugenotten die Stadt an, eroberten sie und ließen alle Gotteshäuser und kirchlichen Gebäude brandschatzen. Wie durch ein Wunder entging die Reliquie der Vernichtung. Die Errettung des Heiligen Rockes zog nun noch mehr Wallfahrer an, die zu dem Heiligtum pilgerten, unter ihnen König Ludwig XIII., die Kardinäle Richelieu und de Bérulle, Maria von Medici und Anna von Österreich. Mehr als zwei Jahrhunderte verblieb das Gewand in der Basilika verwahrt, friedlich und inständig verehrt.

Aufgeschreckt durch die Ereignisse der Französischen Revolution entschloss sich Abbé Ozet, der Pfarrer von Argenteuil, am 18. November 1793, den Heiligen Rock aus seinem Behältnis herauszunehmen, in Stücke zu zerschneiden und an vertrauenswürdige Gläubige zu verteilen. Später dann setzte der Geistliche die Reliquie wieder selbst zusammen und vergrub sie im Garten des Pfarrhauses – gerade noch rechtzeitig, bevor er verhaftet und eingekerkert wurde. Nach seiner Freilassung grub der Abbé den Rock wieder aus und schloss ihn am Himmelfahrtstag des Jahres 1795 in ein Reliquiar ein. 1804 beauftragte der Heilige Stuhl durch den in Paris residierenden Kardinallegaten Caprara den Bischof von Versailles mit einer Rekognoszierung der altehrwürdigen Relique, die dann zu einer endgültigen Anerkennung des Heiligen Rockes von Argenteuil führte.

In der Vorbereitung zur großen Aussetzung des Heiligen Rockes im Jahre 1894 wurden am 10. April 1892 und am 10. Februar 1893 wissenschaftliche Untersuchungen vorgenommen. Die Sachverständigen des „Laboratoire National des Gobelins“ bestätigten das hohe Alter der Wolle und das Vorhandensein von Blutflecken. Weitere Analysen durch Experten erkannten das Gewebe als eine Arbeit aus der Zeit Jesu an. Für den Heiligen Rock wurde ein monumentales Reliquiar im romanisch-byzantinischen Stil angefertigt. In ihm konnte das Gewand in seiner ganzen Länge und Breite ausgesetzt werden. Das Reliquiar ermöglichte den Gläubigen den Blick auf die Rückseite des Rockes, die 1,22 Meter lang ist.

1931 bis 1934 folgten weitere Untersuchungen des Stoffes und der Farbe des Heiligen Rockes. Aus dem Vergleich mit alten Stoffen, die im Musée Guimet, im Seidenmuseum von Lyon und anderen Forschungsstätten aufbewahrt wurden, schlossen die Sachverständigen, dass der Rock in der im Orient üblichen Weise auf einem primitiven Webstuhl angefertigt worden war. Die Farbe, ein dunkler Purpur oder sattes Violett, entsprach nicht der „purpura nobilis“, sondern wurde als eine gewöhnliche Farbe identifiziert, die für ein einfaches Gewebe verwendet und mit Ätzmitteln, die aus Eisensalzen bestanden, aufgetragen wurde. Die Wissenschaftler kamen abschließend zu der Erkenntnis, dass die chemischen Analysen, Vergleiche mit antiken Stoffen, fotografische Studien, die Geschichte und die Tradition ihnen die Gewissheit gaben, dass sie es bei dem untersuchten Gegenstand mit einem Kleidungsstück aus der Zeit und dem Land Jesu Christi zu tun hatten.

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