Der gute Polizist von Buenos Aires

Ein argentinischer Comisario widersteht dem Bösen

„Morgen oder übermorgen wird die Katastrophe eintreten, wird uns in Blut tränken, wenn wir nicht schon längst Asche sind. Alle haben Angst. Auch ich; nachts schlafe ich nicht, weil das Entsetzen mich beherrscht, nichts geht mehr, uns bleibt nur die Angst... Was macht also Kommissar Bauer? Er macht seine Arbeit, versucht, ein bisschen Ordnung und Vernunft zu schaffen, wo nur Chaos und Auflösung sind. Aber ich bin nicht allein?“

Dieses Zitat aus Ingmar Bergmans Film „Das Schlangenei“ stellt Ernesto Mallo seinem Kriminalroman voran. Der 1977 gedrehte Spielfilm des schwedischen Regisseurs spielt im Berlin des Jahres 1923 und erzählt die Geschichte eines arbeitslosen Zirkusakrobaten vor dem Hintergrund eines verarmenden Berlin während der Inflation. Bergman versucht in diesem Film die Genese des Faschismus zu analysieren. Der Titel bezieht sich auf einen Satz von Brutus in Shakespeares Drama Julius Caesar:

„Darum denkt ihn wie ein Schlangenei,

Das, ausgebrütet, verderblich würde wie seine ganze Art

Und also tötet ihn noch in der Schale.“

Comisario Lascano, genannt El Perro – der Hund – lebt im Buenos Aires der 70er Jahre zur Zeit der Militärjunta. Seit dem gewaltsamen Tod seiner Frau lebt er alleine, begleitet vom täglichen Schmerz um diesen Verlust, ein einsamer, melancholischer Mann, der nichts Freundliches mehr erwartet vom Leben.

Er versteckt eine Widerstandskämpferin

Als er zu zwei am Fluß abgelegten Leichen gerufen wird, ahnt er bereits, dass es sich vermutlich um Opfer des staatlichen Terrors handelt – nicht aber, dass neben den beiden entstellten Toten noch ein dritter liegt, der eine „gewöhnliche“ Schusswunde aufweist.

Dieser Tote ist ein jüdischer Geldverleiher namens Biterman, gefürchtet und verhasst bei seinen Kunden. Lascano macht sich auf die Suche nach seinem Mörder und wird relativ schnell fündig, hat aber Mühe mit der Beweislage, zumal der Mörder Beziehungen in die höchsten Militärkreise unterhält und gedeckt wird. Unversehens wird der Jäger zum Verfolgten.

Und der Comisario hat viel zu verlieren: Er hält die Widerstandskämpferin Eva bei sich versteckt, die seiner getöteten Frau verblüffend ähnlich sieht und die in ihm für immer zerstört geglaubte Gefühle auflodern lässt. Obwohl er weiß, dass er eigentlich keine Chance hat, nimmt er den Kampf auf.

Den Glauben an eine bessere Welt nicht aufgeben

Ernesto Mallo, Jahrgang 1948, ist Theaterautor, Radioredakteur und Übersetzer. In dem vorliegenden preisgekrönten Krimi, seinem ersten Roman, scheint ein düsteres Universum auf, das gerade dem deutschen Leser eine Welt vor Augen führt, die auch unsere Wirklichkeit noch vor nicht allzu langer Zeit bestimmt hat – eine Welt, in der alle staatlichen Institutionen einem Terrorregime unterstehen, in der Verfolgte niemanden um Hilfe bitten können, wenn sie nicht ganz genau wissen, wer auf welcher Seite steht, in der man sich Tag für Tag auf schwankendem Boden bewegt, der sich jederzeit auftun und einen verschlingen kann. In einer solchen Bedrohung den Glauben an eine mögliche bessere Welt nicht zu verlieren und allen Anfechtungen der Gegenseite zu widerstehen, erfordert einen starken Charakter. Comisario Lascano möchte ein guter Mensch und ein guter Polizist sein, und das gelingt ihm auch.

Die handelnden Personen sind sehr plastisch gezeichnet, wir bekommen Einblick in ihr privates Leben und die daraus resultierenden Beweggründe für ihr Handeln, ihre schicksalhaften Verstrickungen und die Unausweichlichkeit ihres Weges. Und auch das erfahren wir in dem argentinischen Kosmos der 70er Jahre: Es gibt das Böse, und es findet sich nicht immer eine soziologische Erklärung dafür. Argentinien wird in diesem Jahr Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse.

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24.09.2021, 10 Uhr
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