Der gezogene Dorn von Sankt Peter

Die Veränderungen rund um den Petersdom bis zum heutigen Bau der Via della Conciliazione zeigt eine Ausstellung in den Kapitolinischen Museen. Von Natalie Nordio
Foto: Museum | Die Aufnahme von 1930 zeigt die Piazza Pia unweit der Engelsburg und Teile des als „Spina“ bezeichneten Häuserkomplexes.

Der Petersplatz und die große Basilika stehen während des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit ganz besonders im Fokus. Viele Pilger aus der ganzen Welt kommen dieser Tage nach Rom und erreichen den Petersdom meistens über die Via della Conciliazione. Diese Straße, deren Name im Deutschen soviel bedeutet wie „Straße der Versöhnung“, entstand aber erst in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die architektonischen Veränderungen, die die Gegend rund um den Petersdom im Laufe der Zeit erlebt hat, sind Gegenstand der Ende Juli in den Kapitolinischen Museen unter dem Titel „La Spina, dall'Agro Vaticano a Via della Conciliazione“ eröffneten Ausstellung. Leitmotiv der Ausstellung ist die „Spina“, was im Deutschen mit „Dorne“, „Stachel“ oder auch „(Fisch)-gräte“ übersetzt werden kann. Daneben gibt es aber noch eine weitere Bedeutung des Wortes. Denn schon in der Antike sprach man bei dem mittleren langgestreckten Bauteil einer Rennbahn, wie dem Circus Maximus, von der „Spina“, was in diesem Fall so viel bedeutet wie „Trennwand“. Mit den unterschiedlichen Wortbedeutungen spielt die Ausstellung, denn der Häuserblock, der dem Bau der Via della Conciliazione zum Opfer fiel, wurde von den Römern als „Spina“ bezeichnet. Denn zum einen trennten die Häuser den Petersdom von der übrigen Stadt wie eine Wand ab, erinnerten zum anderen aber durch ihre spitz zulaufende Form an eine Dorne.

Ein kurzer Film von etwa zehn Minuten zeigt alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Borgos, so bezeichnen die Römer das Gebiet, das sich zwischen der Basilika und der Engelsburg erstreckt, in dem es heute von Restaurants und Bars für die vielen hungrigen Touristen nur so wimmelt. Der Ursprung des Wortes Borgo liegt im deutschen Wort „Burg“ und hat sich wohl durch deutsche Pilger bei den Römern für diesen Stadtteil eingebürgert.

Durch das Filmchen eingestimmt beginnt die Ausstellung aber in der Antike. Heute sind Sankt Peter und der Vatikan Sinnbild der Christenheit schlechthin, doch das war nicht immer so. Denn in der Antike war der „ager vaticanus“, das vatikanische Feld, ziemlich negativ besetzt und galt als Feindesland der Etrusker. Das änderte sich erst in der frühen Kaiserzeit. Suburbane Villen entstanden wie die der Agrippina die Ältere, der Mutter von Kaiser Caligula, oder die Villa der Domitia, bei der es sich wahrscheinlich um die Mutter Kaiser Hadrians handelt, der später ebenso in dieser Gegend sein Mausoleum errichtete, die heutige Engelsburg.

Neben dem Hadrians-Grabmal befanden sich noch weitere antike Friedhöfe in der Gegend des heutigen Vatikans. Die Nekropole unter dem Petersdom mit dem Petrusgrab ist hierbei nur die bekannteste. Daher erklären sich auch die vielen Funde von Sarkophagen, Grabstelen und Grabinschriften, die man während der unterschiedlichen Bauprojekte im Laufe der Zeit immer wieder gemacht hat. Die Ausstellung zeigt hierzu einige besonders schöne Stücke wie einen Sarkophag aus weißem Marmor aus dem späten dritten Jahrhundert, der den Mythos der Leda mit dem Schwan zeigt. Im Mai 1940 war er während der Bauarbeiten an der Via San Pio X. zum Vorschein gekommen. Oder die kleine, etwa vierzig Zentimeter große Aphrodite-Skulptur aus dem ersten Jahrhundert, die wohl einst die Gärten einer der antiken Villen geschmückt hatte und erst 1999 zufällig während der Arbeiten an der Parkplatzzufahrt am Gianicolo-Hügel gefunden wurde.

Immer wieder illustrieren Gemälde, Aquarelle, Fotochrome und Drucke die verschiedenen architektonischen Entwicklungen im Borgo. Im Mittelalter hatte sich der Borgo, geschützt durch die Engelsburg und die hohen Mauern, die Leo IV. im neunten Jahrhundert errichten ließ, zu einer durch und durch christlichen Gegend entwickelt. Klöster, Diakonien, Kirchen und Scholae entstanden. Letztere kümmerten sich vor allem um die Versorgung von Pilgern. Das Krankenhaus Santo Spirito in Sassia am Tiberufer nahe Sankt Peter und der Campo Santo Teutonico, der deutsche Friedhof im Schatten der Peterskuppel, gehen auf diese im Mittelalter gegründeten Scholae zurück.

Besonders in der Renaissance erfuhr die Gegend einschneidende Veränderungen. Papst Sixtus IV. ließ den Palazzo della Rovere, den heutigen Palazzo dei Penitenzieri, an der einstigen Piazza di Scossacavalli als Wohnsitz für seinen Neffen Domenico errichten. Daneben entstanden noch weitere stattliche Paläste wie der Palazzo Amellini, heute Palazzo Cesi, der Palazzo Giraud, heute Torlonia, oder der unter Leitung des Architekten Donato Bramante erbaute Palazzo Caprini, der später in den Palazzo dei Convertendi integriert wurde. Aus dem einst im Mittelalter als Verteidigungswall der Petersbasilika entstandenem Borgo wurde in der Renaissance ein Wohnviertel der Kardinäle, Prälaten und der der Kurie angehörigen Geistlichkeit.

Durch ein Fernglas, das an einer der Wände angebracht ist, blickt man auf eine Fotografie, die um 1900 entstanden ist. Die Aufnahme zeigt den Blick von der Terrasse einer der Paläste an der Piazza Rusticucci. Dieser Piazza widmet die Ausstellung einen eigenen kleinen Teil, denn sie hatte bis zum Bau der Via della Conciliazione eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Basilika, sie bildete eine Art Vorplatz auf die Piazza San Pietro. Heute erinnert nur noch der Name des Palazzo Rusticucci-Accoramboni an die einstige Piazza. Der ursprüngliche Palazzo Rusticucci aus dem sechzehnten Jahrhundert wurde während des Straßenbaus versetzt und in abgewandelter Form an der heutigen Straße wieder aufgebaut, die Piazza war bei der neuen Straßenplanung komplett verschwunden.

Nicht nur Plätze und Palazzi mussten den verschiedenen Projekten immer wieder weichen, auch zahlreiche Kirchen, die einst vor den Toren von Sankt Peter standen, gibt es heute nicht mehr. Die Ausstellung zeigt hierzu einige Fresken, die vor der Zerstörung der einzelnen Kirchenbauten abgenommen und so gerettet wurden. Besonders gut erhalten geblieben sind die Freskenfragmente aus der Kirche San Giacomo a Scossacavalli. Sie zeigen neben einzelnen Kirchenlehrern und Heiligen Szenen aus dem Leben Marias. Kirche und gleichnamiger Platz wurden 1937 zerstört.

Die letzten Säle der Ausstellung befassen sich schließlich mit den Bauprojekten der modernen Zeit. Der Architekt und Stadtplaner Giuseppe Valadier hatte Anfang des neunzehnten Jahrhundert bereits ein Projekt vorgelegt, das vorsah, den mittleren Gebäudekomplex, die „Spina“ unweit des Petersdoms, abzureißen und eine breite Prachtstraße zu errichten, die von der antiken Marc-Aurel-Säule sowie der Trajans-Säule gesäumt hätte sein sollen. Zu dem Projekt kam es nie. Nach der Unterzeichnung der Lateranverträge am 11. Februar 1929 rückte das Sorgenkind „Spina“ wieder in den Fokus und neue Projekte lagen schon bald vor. Nach der Zustimmung Mussolinis und Pius' XI. war das Bauprojekt unter der Leitung der Architekten Marcello Piacentini und Attilio Spaccarelli beschlossene Sache. Nach nur einem Jahr – die Arbeiten begannen am 29. Oktober 1936 und endeten am 8. Oktober 1937 – erinnerte im Borgo nichts mehr an die „Spina“, die hier für Jahrhunderte Rom vom Vatikan trennte. Dass dieses Bauprojekt nicht nur Freunde hatte, macht das Zitat des in Rom tätigen Kunsthistorikers und Architekten Antonio Munoz von Mai 1937 sehr deutlich, das in einem der Säle übergroß an der Wand zu lesen ist: „Warum hast du Sankt Peter die Gräte ziehen wollen? Der erste Apostel war ein Fischer und mit Gräten kannte er sich aus. Wenn er sich ihrer für so viele Jahrhunderte nicht entledigt hat, kann das nur heißen, dass sie ihn nie so sehr gestört hat.“

Die Ausstellung zeigt noch bis zum 20. November – an diesem Tag endet auch das Jahr der Barmherzigkeit – eine abwechslungsreiche Auswahl an Skulpturen und Fresken, Gemälden und Zeichnungen, Fotografien und Drucken, die unterschiedliche Phasen der baulichen Veränderungen vor den Toren des Vatikans zeigen und vom vergangenen Glanz der geschichtsreichen Gegend künden. Für Christen weltweit ist die Via della Conciliazione die Prachtstraße zum Petersdom, der Hauptkirche der Christenheit. Für den Vatikan und Italien ist sie, wenn auch umstritten, das Symbol des Friedens, der mit den Lateranverträgen geschlossen worden war, nicht umsonst heißt sie „Straße der Versöhnung“.

Piazza del Campidoglio, 1 – 00186 Roma, geöffnet bis 20 November.

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