Der geistlichen Musik den Vorzug geben

Vorreiter einer literarischen Mittelalterbegeisterung: Zum 175. Geburtstag des Komponisten Sir Arthur Seymour Sullivan. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Sir Arthur Seymour Sullivan.
Foto: IN | Sir Arthur Seymour Sullivan.

Sir Arthur Seymour Sullivan gehört zu jenen Musikern, die schon als Kinder mit der Materie, die ihr Leben prägen sollte, in Berührung kamen. Der Vater des späteren Kirchenmusikers, Musikwissenschaftlers, Komponisten und Dirigenten, der die englische Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts wie kein zweiter prägte, kam am 13. Mai 1842 als Sohn von Thomas Sullivan, eines Militärmusikers und Musikpädagogen, zur Welt. Bemerkenswert und sicher signifikant für die Atmosphäre im Hause Sullivan ist, dass der junge Arthur, als er im Alter von acht Jahren seine ersten Kompositionsversuche unternahm, ein geistliches Thema wählte und ein Anthem mit dem Titel „By the Waters of Babylon“ (An den Wassern von Babylon) schrieb. Die Eltern förderten die offensichtliche Begabung ihres Sohnes und ließen ihn von seinem 12. Lebensjahr an in der Chapel Royal ausbilden. Sie ist eine von zwei Kapellen des königlichen Haushaltes im St. James Palast in London. Der königliche Chor, der dort ansässig ist, gestaltet die Gottesdienste in der königlichen Kapelle und singt zudem bei weiteren royalen Festakten. Die Chapel Royal ist eine Art Eliteausbildungsstätte für begabte Sängerknaben, deren Leiter schon seit 1684 über das Recht verfügte, die besten Sänger des Landes für den Dienst in seinem Chor heranzuziehen. Komponisten wie William Byrd und Thomas Tallis hatten für den Kapellchor komponiert und Arthur Seymour Sullivan wurde durch seine Aufnahme in dieses Ensemble Teil eines gesellschaftlichen und künstlerischen Netzwerkes, dessen Unterstützung den weiteren Verlauf seiner Ausbildung und seine spätere Karriere wirkmächtig förderte.

Sullivan muss über eine ausgezeichnete Stimme verfügt haben, denn schon kurz nach seiner Aufnahme in den Chor avancierte er zum „first boy“, er erhielt Solorollen und wurde in Gottesdiensten und Konzerten zusammen mit bedeutenden Interpreten eingesetzt. Es erscheint also nur folgerichtig, dass er ab 1856 an der Royal Academie of Music in London studierte, wo unter anderen John Goss zu seinen Lehrern zählte, der seit 1838 als Organist an der St. Pauls Cathedral wirkte und so bekannte Lieder wie „Praise, my Soul, the King of Heaven“ und „O Saviour of he World“ zur anglikanischen Liturgie beisteuerte. Bereits in seinem ersten Studienjahr gewann Sullivan, den seine Lehrer nicht nur als Pianist und Dirigent ausbildeten, sondern ihn auch dazu ermutigten, seine Kompositionsversuche fortzuführen, den Mendelssohn-Wettbewerb.

Die internationale Vernetzung der Musikwelt zeigt sich an der Empfehlung seiner Professoren, drei Jahre im Ausland zu studieren und so hielt Sullivan sich von 1858 bis 1861 in Leipzig auf. Am dortigen Konservatorium übernahmen Robert Papperitz, Ignaz Moscheles und Carl Reinecke seine Ausbildung. Er knüpfte auch Kontakte zu Franz Liszt, auf dessen Einladung er Weimar besuchte, wo beide gemeinsam die Uraufführung von Peter Cornelius Barbier von Sevilla erlebten. Sullivan war als darstellender Künstler ebenso gefragt wie als Komponist, entschied sich aber in seiner Leipziger Zeit, sich schwerpunktmäßig dem Komponieren zuzuwenden und der Erfolg gab ihm Recht. Schon ein Jahr nach seinem Studienabschluss in Leipzig wurde seine Bühnenmusik zu Shakespeares „The Tempest“ ein überragender Publikumserfolg. Allerdings war es auch im 19. Jahrhundert mit dem Komponieren und dem Bücherschreiben so, dass beides zwar Ruhm, aber wenig Geld einbrachte. Sullivan bewarb sich deshalb 1861 als Kirchenmusiker an der St. Michaels Church am Londoner Chester Square, wo er sechs Jahre wirkte, bevor er an die St. Peters Church im wohlhabenden Kensington wechselte. Er wurde neben seiner Kirchenmusikertätigkeit aber weiterhin als Komponist wahrgenommen und erhielt regelmäßig Kompositionsaufträge für die großen englischen Musikfestivals. 1869 entstand „The Prodigal Son“ (Der verlorene Sohn) für das seit dem frühen 18. Jahrhundert im Südwesten Englands stattfindende „Drei Chöre Festival“.

Seine bleibende Verbundenheit mit der königlichen Familie zeigte der Komponist durch sein „Te Deum“, das als Dankhymnus für die Genesung des seinerzeit schwer erkrankten Prince of Wales entstanden war. Hector Belioz inspirierte Sullivan dazu, dramatische Kantaten zu komponieren. So entstanden 1880 „The Martyr of Antioch“ und 1886 „The Golden Legend“ für das Musikfestival in Leeds. Sullivans dramatische Kantaten schlagen eine Brücke zwischen Felix Mendelssohns in England so beliebtem Oratorium Elias und den Kantaten Edward Elgars. Neben seinen kirchenmusikalischen Kompositionen entstanden auch zahlreiche komische Opern, Sinfonien und Kammermusik. Dass Sullivan sein Ohr am Puls der Zeit hatte, zeigt seine Konzeption einer romantischen Oper auf der Grundlage von Sir Walter Scotts Ivanhoe. Dessen historische Romane lösten den ersten literarischen Mittelalterhype aus und sind die Vorreiter heutiger Bestseller wie Umberto Ecos „Der Name der Rose“ oder Noah Gordons „Der Medicus“.

Stilistisch ist Sullivan von der zeitgenössischen europäischen Musik geprägt. Hier sind zunächst Robert Schuman, Hector Berlioz oder Franz Liszt zu nennen, deren Oeuvres ihre Klangspuren vor allem in Sullivans konzertanter und Kammermusik hinterlassen haben. Viele der Komponisten, deren Werke ihn beschäftigten, kannte Sullivan persönlich oder war, wie etwa mit Franz Liszt oder Gioachino Rossini, sogar mit ihnen befreundet. Rossini regte den englischen Tonsetzer zur konsistenten Charakterisierung seiner Opernfiguren vermittels unterschiedlicher Stimmführungstechniken an. Weder Sullivan noch Rossini trennten dabei zwischen den von ihnen präferierten ernsten und den vielkomponierten, weil finanziell erfolgreichen komischen Opern und verdeutlichten so ihren Qualitätsanspruch als kompetente Tonsetzer, die mehr im Sinn hatten, als seichte Unterhaltung.

Die Bekanntheit und allgemeine Akzeptanz Sullivans als Komponist zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Thomas Edison für die Präsentation seines „Perfected Phonograph“, des ersten Aufnahmegerätes, ein Werk von Sir Arthur Seymour Sullivan verwendete, worauf dieser sich revanchierte, indem er eine Dankrede mit dem Gerät aufzeichnete und an Edison schickte.

Die 1876 gegründete National Training School for Music leitete der engagierte Sullivan, bis sie 1882 mit dem Royal College of Music fusionierte. Dass Sullivan von den konkurrierenden Universitäten Cambridge und Oxford gleichermaßen die Ehrendoktorwürde erhielt, zeigt die bemerkenswerte Akzeptanz und Popularität, die Sullivan als Mensch und Musiker genoss. Er setzte beide ein, um das äußerste lebendige englische Musikleben mitzugestalten, das bis heute von der Ebene professioneller Spitzenensembles bis hin zum Laienkirchenchor durch seine zahlreichen Werken geprägt ist.

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