Dante Alighieri

Papst Franziskus würdigt Dante als einen großen katholischen Charakter

„Dante ist unser“: In einem Apostolischen Schreiben würdigt Papst Franziskus den Dichter als einen großen katholischen Charakter. Dem Papst gelingt eine beachtenswerte Synthese, die einen stringenten Weg aus dem Mittelalter in die Renaissance beschreibt.
Dante Alighieri
Foto: imago stock&people | Begründete einen fruchtbaren Individualismus, der sich nicht in Atomisierung und Selbstzerstörung verliert. Dante, wie Botticelli ihn sah.

Papst Franziskus hat sein vielleicht bestes Schreiben vorgelegt. Es behandelt keine theologischen Fragen. Es äußert sich nicht zur Lage der Kirche oder gar zu gesellschaftlichen und politischen Themen. Womöglich liegt darin seine Stärke. Der gegenwärtige Papst, der anders als sein Vorgänger kaum geistige Streifzügen unternimmt, sondern den pastoralen Stil pflegt, wagt sich an den Titanen abendländischen Geisteslebens heran. Ausgerechnet der Mann vom anderen Ende der Welt, der häufig den Eindruck erweckte, in der Geschichte und Tradition des Kontinents wenig verhaftet zu sein, trumpft mit einem beachtlichen Apostolischen Schreiben zu Dante Alighieris 700. Todesjahr auf – veröffentlicht am 25. März, zugleich Mariä Verkündigung und Beginn der Göttlichen Komödie. Italien hat den Tag zum „Dantedi“, zum nationalen Dantetag, erklärt.

Mittelalterlicher Pilger, der die Türe zur Moderne öffnet

In keiner Zeile sticht die Versuchung durch, Dante als bloßes Stück mittelalterlicher Literatur zu sezieren. Im Tonfall von „Candor Lucis Aeternae“ hallt die Achtung der Katholischen Kirche vor einem der ganz Großen durch – ohne dass es sich um einen Prälaten oder Heiligen handelt, nicht einmal um eine Gestalt der Kirchengeschichte im engeren Sinne. Die Commedia erhält nicht den Rang eines Epos, sondern beinahe theologische, oder zumindest inspirierend-theologische Geltung. Die Wortwahl des Schreibens offenbart eine Dante-Deutung, die den „sommo poeta“ und dessen Werk nicht vereinnahmt, sondern dessen inhärent katholischen Charakter erkennt. Franziskus stellt sich in die Tradition seiner Vorgänger, wenn er auf Leo XIII., Benedikt XV. und Paul VI. rekurriert, die das Motto prägten: Dante ist unser. Er übernimmt auch das Vokabular, das eher katholisch-theologischen Vorstellungen statt literarischer Kriterien entspricht. Paul VI. sprach nicht etwa von Dantes Höllenbeschreibung, sondern einer Höllenvision. Johannes Paul II. interpretierte Dantes Werk als „veranschaulichte Wirklichkeit“, die „vom Leben des Jenseits und vom Geheimnis Gottes mit der eigenen Kraft des theologischen Denkens spricht“. Auch die Analyse Benedikts XVI. zu Dantes Gottesschau geht weiter über eine Poesiekritik hinaus.

„Es ist ein Freiheitsgedanke und Humanismus,
der die Renaissance prägen wird,
aber sich nicht in calvinistischen Wirren verliert“

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Franziskus setzt diese Sprache fort. Etwa wenn er Dante zum „Propheten der Hoffnung“ oder zum „Zeuge des dem menschlichen Herzen innewohnenden Durstes nach dem Unendlichen“ kürt. Er ist „Herold, Prophet und Zeuge“ einer doppelten Bestimmung, nämlich auf ein letztes Ziel: „das Glück, verstanden sowohl als Lebensfülle in diesem Leben wie auch als ewige Glückseligkeit in Gott“. Er ist „Dichter der menschlichen Sehnsucht“. Und Franziskus beendet sein Schreiben mit einem Appell, der fast einem Missionsauftrag nahekommt: Dante müsse wieder bekannter gemacht werden, insbesondere „jungen Menschen“. Die Commedia hat eine Botschaft, die nicht nur in Schulen und Universitäten vermittelt werden dürfe. Künstler sollen sich von der Schönheit des Werkes inspirieren lassen und diesem „Stimme, ein Gesicht und ein Herz“ geben und so „die tiefsten Wahrheiten zu vermitteln“.

Doch der Pontifex tut mehr. Er schafft einen Spagat, der den wenigstens Kommentatoren der letzten Jahrhunderte gelungen ist, weil er Zeitalter überwindet. Es ist die Antwort auf die Frage, ob Dante auf der Spitze des Mittelalters steht oder der Renaissance den Weg bereitet. Das Apostolische Schreiben beantwortet den Dualismus mit einer Synthese. Dante ist mittelalterlicher Pilger und öffnet zugleich die Türe zur Moderne. Er ist „Prophet der Hoffnung“ und „Dichter menschlicher Freiheit“. Der Pontifex betont, dass die Commedia nicht nur die „unendliche Barmherzigkeit Gottes“ zeigt, sondern bestätigt, dass „der Mensch in seiner Freiheit immer wählen kann, welchen Weg er gehen will und welches Schicksal er verdient“. Es ist ein Freiheitsgedanke und Humanismus, der die Renaissance prägen wird, aber sich nicht in calvinistischen Wirren verliert; und es ist ein Gedanke, der breiteren Raum verdient, weil er alt und aktuell zugleich ist, und nur selten in der Dante-Interpretation eine solche Bedeutung erhält.

Gott will die Freiheit des Willens der Menschen

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„Die größte Gabe, die Gott, der Schöpfer, in seiner Großmut gewährt hat, die seiner Güte am meisten entspricht, und die er selbst am höchsten schätzt, war die Freiheit des Willens“ zitiert das Schreiben ein Wort Beatrices aus dem Paradiso. Der freie Wille ist nicht nur eine Gabe; er ist eine logisch zwingende Gabe, weil er mit Gottes Barmherzigkeit eine Klammer bildet. Dante rückt die Entscheidungen seiner Protagonisten in den Vordergrund. Jede kleine Alltagshandlung wird zur Probe, zur Wahl zwischen Sünde und Tugend. Das winzige Lächeln hat Reichweiten, die nur Gott ermessen kann. Sie haben eine Bedeutung, die über ihr unmittelbares Umfeld, ihre unmittelbare Zeit hinausragen. Sie „bilden sich in der Ewigkeit“ ab, heißt es im Text.

Ein skandalträchtiger Gedanke in einer Welt, die sich in Hedonismus, Materialismus und Nihilismus erschöpft: alles, was geschieht, hat einen Effekt. Nichts ist umsonst. Alles ist einzigartig. Dante ist der Fürsprecher einer Welt, in der alles eine Bedeutung hat. Weil Menschen lieben; weil sie glauben; weil sie hoffen. Es ist eine Definition des Lebens, das sich nicht in bedeutungslosen Vergnügungen erschöpft, sondern auf ein ewiges Leben gerichtet ist; es entzieht sich Utopien und Ideologien, weil es die kleinen Dinge im Auge hat, auf die es wirklich ankommt. Selbst Manfred, dem König von Sizilien, gewährt Gott das Purgatorium und damit die langfristige Möglichkeit, ins Paradies zu kommen, obwohl er selbst von sich sagt: „Schrecklich waren meine Sünden.“ Ausschlaggebend ist die bedingungslose Hingabe zu Gott, auch wenn es bei Manfred im letzten Moment geschieht, als er bereits tödlich von zwei Pfeilen getroffen ist. Zu Recht verweist Franziskus auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn und schreibt: „Die Freiheit derer, die an Gott als den barmherzigen Vater glauben, können nicht anders, als sich ihm im Gebet anzuvertrauen, was sie nicht im Geringsten beeinträchtigt, sondern sogar noch stärker macht.“

Der lebendige Gott degradiert die Menschen nicht

 

Dante redet keinem Egoismus das Wort. Aber Dante begründet einen fruchtbaren Individualismus, der sich nicht in Atomisierung und Selbstzerstörung verliert, der der Renaissance, aber nicht der Revolution den Weg bereitet. Dante ist einer höheren Kraft bedürftig. Er fürchtet sich bei seiner ersten Begegnung vor Vergil, ihm geht ein Schauer durch die Glieder, als er Beatrice wiedersieht. Die Commedia knüpft Verbindungen zu den antiken Epen, aber ihr Held ist kein Heros. Niemand kann sich selbst erlösen. Vergil, Beatrice und der heilige Bernhard sind seine Begleiter; Maria und die heilige Lucia setzen sich für ihn ein.

Franziskus betont die besondere Rolle der drei Frauen der Göttlichen Komödie: die Fürsprache der Gottesmutter ist eines der Leitmotive. Beatrice ermutigt und treibt ihn. Der Held ist schwächer als sein antikes Vorbild; er ist aber nicht alleine, nicht seinem Schicksal ausgeliefert. Und: Gott degradiert nicht wie die antiken Götter die Menschen zu Schatten im Jenseits. Die leibliche Auferstehung wird in der Commedia gefeiert. Im Zeitalter der lebendigen Schatten hat Franziskus allen Grund, dies ins Gedächtnis zu rufen.

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