Der Erfinder der Filmsprache

Zwei Meilensteine des Kinos auf DVD: „Geburt einer Nation“ und „Intolerance“ von David Wark Griffith

In der Filmgeschichtsschreibung gilt David Wark Griffith (1875–1948) als der Begründer einer eigenständigen Filmsprache. Zwar wurden bereits vor dem ersten Weltkrieg in Europa, vorwiegend in Frankreich und Italien, „Langspielfilme“ gedreht. Mit seinen beiden bekanntesten Spielfilmen „Geburt einer Nation“ („The Birth of a Nation“, 1915) und „Intoleranz“ („Intolerance“, 1916) führte Griffith jedoch die Neuerungen ein, die den Film als eigenständiges Medium etablierten, darunter Rückblenden, Parallelmontagen, Kamerafahrten und -schwenks, Massenszenen und Nahaufnahmen, vor allem aber die Rhythmisierung durch den Schnitt. Beeinflusst von Griffith übernahm etwas später der russische Regisseur Sergej M. Eisenstein (1898–1948) die Filmmontage als besonderes filmisches Mittel, um die „Grammatik“ des Filmes endgültig festzuschreiben.

Im ersten Teil behandelt „Geburt einer Nation“ den amerikanischen Bürgerkrieg. Im zweiten drängen sich aber rassistische Tendenzen und eine Verherrlichung des Ku-Klux-Klan in den Vordergrund, weswegen der Film bis heute umstritten ist. Trotzdem ist „Geburt einer Nation“ der finanziell erfolgreichste Film der Stummfilmära.

Einen Teil des immensen Gewinns investierte David W. Griffith in sein nächstes Filmprojekt: „Intoleranz“. Der Film bedeutete für die Filmgeschichte eine noch größere Neuerung als „Geburt einer Nation“. Denn „Intoleranz“ schneidet vier zeitlich weit auseinanderliegende Geschichten parallel: vom Untergang Babels über das Palästina zur Zeit Christi und die Bartholomäusnacht in Paris 1572 bis zum Amerika im Jahre 1915. Die vier sich immer wieder ablösenden Handlungen verknüpft das symbolische Bild der „ewig schaukelnden Wiege“ miteinander, die dem Gedicht „Grashalme“ von Walt Whitman entnommen wurde. „Intoleranz“ geißelt Vorurteile und die heuchlerische Haltung, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder Bahn bricht. Nicht von ungefähr kommt der Episode mit der Ehebrecherin im biblischen Teil des Filmes eine besondere Bedeutung zu.

Die Kritiker waren von Griffiths Monumentalepos begeistert. So schrieb etwa Julian Johnson in „Photoplay“ vom Dezember 1916: „In Anlage und Umfang ist er das seit Jahrzehnten größte Kunstwerk gleich welcher Art überhaupt. Es ist das unglaublichste Experiment im Geschichtenerzählen, das je unternommen wurde. Seine Einzigartigkeit liegt nicht in den einzelnen Strängen der Erzählung, sondern darin, wie das Geflecht der Fäden miteinander verwoben ist.“ Das Publikum aber fühlte sich durch diese komplexe Erzähltechnik überfordert, sodass der Film an der Kinokasse Schiffbruch erlitt. Nach dem finanziellen Desaster von „Intolerance“ musste Griffith seine Produktionsfirma auflösen. Nach kurzen Zwischenetappen gründete er 1919 mit Charlie Chaplin, Mary Pickford und Douglas Fairbanks die „United Artists“. D.W. Griffith starb völlig verarmt 1948 im Alter von 73 Jahren.

„Intolerance“ wurde im Jahr 2007 vom American Film Institute zur Nummer 49 der weltbesten Filme aller Zeiten ausgewählt. Im gleichen Jahr eröffnete die aufwändig restaurierte Version des Films das Filmfestival von Venedig.

Die zwei berühmten Monumentalfilme des „Erfinders der Filmgrammatik“ sind nun auf je einer DVD bei absolut medien in brillanter Qualität erschienen, wozu etwa auch die viragierten (eingefärbten) Szenen gehören, die Griffith als Stilmittel einsetzte.

Jeder DVD ist ein 40-seitiges Booklet beigegeben. Darin finden sich in deutscher Erstübersetzung die Erinnerungen der Stummfilmdiva Lillian Gish (1893–1993) an Griffith intensive Arbeit mit historischem Quellenmaterial und an seine „ebenso imperiale wie rücksichtsvolle“ Regieführung. Im Booklet zu „Geburt einer Nation“ wird ebenfalls die Diskussion zwischen dem „New York Globe“ und Griffith um die rassistischen Tendenzen seines umstrittenen Films wiedergegeben.

Das Booklet zur „Intolerance“-DVD enthält ebenfalls Erinnerungen von Lillian Gish unter dem Titel „Bilder von überwältigender Wirkung“. Darüber hinaus bietet es zwei Aufsätze von D. W. Griffith über den Siegeszug des neuen Mediums: „Die alte und die neue Bühne“ und „Die Zukunft des 2-Dollar-Kinos“ sowie ein kurzes Resümee zur Rezeption von Griffith in Deutschland und eine Biografie.

Die vorliegende DVD-Edition erschließt einem breiten Publikum das Hauptwerk eines der größten Regisseure der Filmgeschichte. Über die kulturelle Bedeutung Griffiths schrieb etwa Seymour Stern in „Film Culture“: Er „bewies, dass das Kino nicht weniger als die Literatur und die Bühne zum Gegenstand ernsthafter kritischer, ästhetischer, intellektueller, politischer, sozialer und technischer Diskussion werden konnte. Auf diese Weise gewann der Kinofilm seinen dominierenden Einfluss auf das soziale Leben Amerikas“.

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