Der Druck der Anpassung

Ob Deutschland, Frankreich oder die Vereinigten Staaten von Amerika – Jedes Land regelt die Trennung von Kirche und Staat anders. Von Professor Hubert Gindert
Foto: dpa | Sich dem Umfeld anpassen – für das Chamäleon kein Problem. Als Vorbild für die Kirche ist es deshalb nur bedingt geeignet.
Foto: dpa | Sich dem Umfeld anpassen – für das Chamäleon kein Problem. Als Vorbild für die Kirche ist es deshalb nur bedingt geeignet.

Auf die Fangfrage „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen?“ antwortete Jesus: „Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist!“ Jesus anerkannte damit, dass der Mensch zwei Mächten verpflichtet ist. Diese Aussage wird auch nicht durch den anderen Satz: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ zurückgenommen. Er regelt nur die Rangfolge. Sie konnte für die Christen der ersten drei Jahrhunderte tödliche Konsequenzen haben, wenn von ihnen verlangt wurde, dem Kaiser göttliche Ehren zu erweisen und als Zeichen dafür Weihrauch zu streuen.

Als die christliche Religion 313 von Kaiser Konstantin anerkannt wurde und der Kaiser sich auch in kirchliche Angelegenheiten einmischte, musste der Papst ihm gegenüber klarstellen, wo die Grenzen weltlicher Macht lagen. Denn „Konstantin hatte der Kirche die Freiheit gegeben, er hatte aber auch die ,Kirche an das Imperium und das Imperium an die Wahrheit gebunden (Schwarz)‘“ (in: Hubert Jedin, Kleine Konziliengeschichte, Herder, 1959, S.15).

Das Neben- und Miteinander von Kirche und Staat begleitet die Geschichte des Christentums bis in unsere Tage. Im Mittelalter gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser als Vertreter der weltlichen Macht und dem Papst als Oberhaupt der Kirche, zum Beispiel über die Ernennung von Bischöfen, die in einer Person Staat und Kirche repräsentierten. Die Versuche, die Kirche für politische Zwecke zu instrumentalisieren und Bischöfe, wie in der Orthodoxie, zu Hofkaplanen zu degradieren, finden wir immer wieder.

Das Bestreben der Kirche, sich eine eigene weltliche Machtbasis in Form des Kirchenstaates zu schaffen, hat aber die Probleme von Staat–Kirche nicht gelöst. Im Gegenteil, die Kirche wurde dadurch in die politischen Machtkämpfe einbezogen. Der Kirchenstaat endete 1870. Längerfristig betrachtet, hat die Kirche dadurch an Rang und Ansehen gewonnen. Sie konnte sich besser ihrer eigentlichen Aufgabe zuwenden. Konnte man bis ins 18. Jahrhundert von einer, wenn auch schwierigen Form von Zusammenarbeit von Kirche und Staat sprechen, so wurde sie in Frankreich radikal beendet.

Die Trennung von Kirche und Staat durch Gesetz geschah in Frankreich 1905. Diese Trennung hat ihre Vorgeschichte in einer kirchenfeindlichen Aufklärung des 18. Jahrhunderts und der französischen Revolution von 1789. Diese Revolution hatte mehrere Phasen. Aber, selbst in der ersten, als moderat angesehenen verfassunggebenden Nationalversammlung, die die feudalen Rechte und Privilegien von Adel und Geistlichkeit beseitigte und die Allgemeinen Menschenrechte proklamierte, wurden die Kirchengüter eingezogen, die Klostergemeinschaften aufgelöst und die Priester zum Eid auf die Zivilkonstitution gezwungen. Die Kirche sollte eine staatshörige Einrichtung werden.

In den Vereinigten Staaten von Amerika haben wir eine andere Form der Trennung von Kirche und Staat. Die puritanischen Glaubensflüchtlinge verließen England, weil sie sich von der staatshörigen englischen Hochkirche unterdrückt fühlten. In Rode Island wurde die Glaubensfreiheit und Niederlassungsfreiheit ungeachtet der Konfession der Siedler von Beginn an konsequent umgesetzt. Dieses Vorbild übernahmen später alle Staaten der USA. In den Vereinigten Staaten ist die strikte Trennung von Staat und Kirche im ersten Verfassungszusatz (First Amendment) festgeschrieben. Zur Trennung von Kirche und Staat in USA vermerkt Joseph Ratzinger: „Die Grundlage der amerikanischen Gesellschaft sind die Freikirchen, denen es von ihrem eigenen religiösen Ansatz her wesentlich ist, nicht Kirche des Staates zu sein, sondern eben auf einem freien, nicht staatlich verordneten Zusammenschluss zu beruhen. Insofern liegt der amerikanischen Gesellschaft eine religiös begründete, von der Religion selbst verlangte Trennung von Staat und Kirche zugrunde, die demnach völlig anders motiviert und von innen her anders gebaut ist, als die im Zeichen des Konflikts von der französischen Revolution und ihren Folgesystemen durchgesetzte Trennung (…) Es ist eine positiv verstandene Trennung, die der Religion ihr eigenes Wesen lassen will, ihren vom Staat und seinen Ordnungen unterschiedenen Lebensraum achtet und schützt.“ (Marcello Pera/Joseph Ratzinger: „Ohne Wurzeln – Der Relativismus und die Krise der Europäischen Kultur“, Sankt Ulrich Verlag, 2005, S.119/120) Machen wir einen Sprung in die Nachkriegszeit der Bundesrepublik Deutschland. In der Bundesrepublik haben wir, wie in den übrigen westlichen Ländern, eine Trennung von Kirche und Staat. Beide mühen sich, im Rahmen ihrer Zuständigkeiten um die gleichen Menschen. Deswegen ist eine Kooperation in vielen Bereichen erstrebenswert. Sie birgt auch Gefahren für die Kirche, wenn sie dabei ihre Aufgabe als Wächter und Mahner gegenüber Staat und Gesellschaft relativiert oder nicht wahrnimmt.

Im Verhältnis Kirche und Staat spielt das Zweite Vatikanische Konzil eine wichtige Rolle, weil hier die Autonomie der Laien und ihr Weltcharakter näher definiert wird. Dort heißt es: „Den Laien ist der Weltcharakter in besonderer Weise eigen (…) Sache der Laien ist es, Kraft der ihnen eigenen Berufung in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen (Dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“, 4. Kap., Ziff. 31). Dieses (Laien-)Apostolat wird umso dringlicher, als die Autonomie vieler Bereiche des menschlichen Lebens – und zwar mit vollem Recht – sehr gewachsen ist (Dekret über das Laienapostolat, Ziff 1)“. Die pastorale Konstitution über die „Kirche in der Welt von heute“ (gaudium et spes) bestätigt die Autonomie der Laien. Das gilt auch für das politische Handeln. Auch das katholische Kirchenrecht von 1983 sagt, „alles, was dem klerikalen Stand fremd ist, haben die Kleriker zu meiden“.

Die im Zweiten Vatikanischen Konzil angesprochene Autonomie der Laien bezieht sich auch auf die Wahlentscheidungen. Die Kirche hat sich in Deutschland bei den Wahlen zum Bundestag und zu den Landtagen, insbesondere seit dem Godesberger Programm der SPD mit dem Schwenk zur Volkspartei zurückgehalten und keine Wahlempfehlungen mehr gegeben. Vor den Wahlen zu drei Landtagen am 13. März 2016 haben sich mehrere Bischöfe kritisch gegenüber der AfD geäußert. Damit haben sie aber die Autonomie der Laien auf diesem Gebiet nicht beachtet. Aufgabe der Bischöfe ist es aber, für den Dialog aller Parteien und gegen Ausgrenzung und Diskriminierung einzutreten.

Die Kritik der Bischöfe stützt sich auf den angeblichen Schießbefehl der AfD-Vorsitzenden Frauke Petri, an dem sich dann Fremdenfeindlichkeit, Brutalität und anderes aufhängen lässt. Der entscheidende Satz von Frau Petri lautet: „Er (Grenzpolizist) muss den illegalen Grenzübertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz.“ Der Nachsatz: „So steht es im Gesetz“ wird verschwiegen. „Wieweit ist dieses Land gekommen, wenn der Hinweis auf die Rechtslage schon kritikwürdig ist“ (Hans Werner Sinn, kath.net. 3. März 2016). Die Kritik der Bischöfe war das Echo auf den gemeinsamen Chor von Regierung, Medien und Parteien. Man darf fragen, ob die AfD-Wähler nicht auch der Obhut der Hirten anvertraut sind und ein Recht auf objektive Kritik haben. Der Vorgang zeigt ein wesentliches Problem der Kirche in Deutschland, nämlich, wie frei und couragiert kommen die Bischöfe ihrem eigentlichen Auftrag nach, das Evangelium zu verkünden. Sie stehen unter einem massiven Druck der Anpassung an die Mächtigen und das betrifft auch das Verhältnis von Kirche zum Staat. Die katholische Kirche ist hierarchisch verfasst. Darin gründet die besondere Verantwortung der Bischöfe. Die Frage ist, haben wir Hirten, die den Wölfen entgegen treten und ihre Herde schützen, oder solche, die vor den Wölfen davonlaufen und sogar mit ihnen heulen?

Wir haben in der katholischen Kirche in Deutschland schwerwiegende Beispiele der Anpassung: Als im Allparteienkonsens die geltende Abtreibungsregelung mit Erteilung des Beratungsscheins zur gesetzwidrigen, aber straffreien Abtreibung beschlossen wurde, ließen sich die Bischöfe, außer Erzbischof Johannes Dyba von Fulda, in das staatliche System einbinden, obwohl der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz das wenige Jahre zuvor kategorisch ausgeschlossen hatte. Die Bischöfe waren auch nicht in der Lage, sich aus der staatlichen Umklammerung zu befreien. Das geschah erst auf strikte Anweisung von Papst Johannes Paul II. hin. Katholiken vermissen seit langem ein klares Wort der Bischöfe gegen die Massenabtreibung in unserem Land und eine Ermutigung für jene Gruppen, die sich für das Leben und gegen Abtreibung einsetzen.

Als der Deutsche Bundestag mehrheitlich seinen Beschluss zum assistierten Suizid fasste, wonach die Beihilfe zum Selbstmord durch Verwandte, Ärzte und Personen besonderen Vertrauens straflos gestellt wird, attestierte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz den Politikern, die dafür votiert hatten „verantwortungsbewusstes Handeln“. Mit keinem Wort wurden jene 37 Abgeordneten gewürdigt, die für die katholische Position gestimmt hatten, nach der jede Form der Beihilfe zum Selbstmord ausgeschlossen ist.

Die Genderideologie ist im Koalitionsvertrag als „Querschnittsaufgabe“ vereinbart worden. Die Kinder werden über Bildungspläne in den staatlichen Pflichtschulen indoktriniert. Das seit langem erwartete Wort der Bischöfe ist bisher, von einigen Ausnahmen abgesehen, ausgeblieben.

Die Aushöhlung der Familie über die forcierte Kita-Politik der Bundesregierung hat gegen die Einheitsfront von Politik und Medien auch zu keinem mahnenden Wort der Bischöfe, um die Familie zu stützen, geführt.

Die verheerende demographische Entwicklung, die sich seit Jahrzehnten abzeichnet und zu großen sozialen Problemen führen wird, ist ein tabuisiertes Thema. Wohl auch deshalb hören wir aus bischöflichem Mund wenig darüber.

Ehe und Familie waren die Themen der römischen Bischofssynode. In der Diskussion in Deutschland haben die Reizthemen „Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion“ und „Homoehe“ eine zentrale Rolle in der Diskussion gespielt. Die deutschen Vertreter auf der römischen Bischofssynode haben sich die von den Medien transportierte Meinung zu eigen gemacht. Zu den geschiedenen nicht Wiederverheirateten war von diesen Bischöfen nichts zu hören.

Vertreter der Kirche führen gegenüber Staat und Gesellschaft ihre Großorganisationen, vor allem die kirchlich-caritativen Einrichtungen ins Feld. Tatsächlich ist die Kirche mit 700 000 Angestellten der größte Arbeitgeber in der Bundesrepublik nach dem Staat. Die Kirche verfügt über ein imposantes wirtschaftliches Großunternehmen. Die kirchlichen Einrichtungen sollten „missionarischer“ sein, hat Papst Franziskus beim letzten Ad limina-Besuch der Bischöfe angemahnt. Die deutschen Bischöfe haben jedoch, unter dem Beifall von Staat und Medien, auf der Frühjahrskonferenz der deutschen Bischöfe 2015 die Weichen in die ganz andere Richtung gestellt und die Loyalitätsanforderungen ihrer Mitarbeiter auf nahezu Null reduziert. Die eigentlichen Probleme im Verhältnis Kirche zu Staat entstehen nicht so sehr durch den Druck von staatlicher Seite. Es ist vielmehr der fehlende Widerstand und Mut gegenüber den säkularen Tendenzen, der die eigentliche Gefahr darstellt. Papst Franziskus hat beim oben angeführten Ad limina-Besuch der Bischöfe aufgezeigt, wie diese Probleme überwunden werden können. Die spannende Frage ist, ob die Bischöfe auf den Papst hören wollen. Bis jetzt sieht es nicht danach aus.

Der Autor ist der Vorsitzende und Sprecher des „Forums Deutscher Katholiken e.V.“, dessen diesjähriger Kongress „Freude am Glauben“ vom 22. bis 24. April 2016 in Aschaffenburg stattfindet.

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