Der Dicke Hund: In Video veritas?

Tendenziöse Deutungen von Ereignissen, von denen man eigentlich nichts Genaues weiß, rasend schnell als „Wahrheiten“ zu verbreiten, ist ein Phänomen unserer schönen neuen Medienwelt. Von Josef Bordat
In Video veritas? - DER DICKE HUND

Es war einfach zu klar. Und damit, klar, zu einfach. Als das Video, das eine feixende Schülergruppe (weiß, Mittelstand, konservativ) und einen trommelnden Indigenen zeigt, im Netz die Runde machte, wurde nicht nach dem Kontext gefragt, galt nicht die Unschuldsvermutung, sondern das Narrativ rechtskonservativer Provokateure wurde um ein weiteres Kapitel fortgeschrieben.

Einfach so. Getreu dem Motto: Es muss nicht wahr sein, es muss nur stimmen. Zur Stimmung passen. Und die ist nun einmal gegenüber jungen, weißen, männlichen Lebensschützern mit dem MAGA-Slogan Donald Trumps („Make America Great Again“) auf der Basecap nicht unbedingt unvoreingenommen.

Halt – einen Schritt zurück: Worum geht es? Es gibt drei Akteure beziehungsweise Akteursgruppen in dem Video, das als „Lincoln Memorial confrontation video“ in die Zeitgeschichte einging: Nick Sandmann und seine etwa fünfzig Mitschüler von der Covington Catholic High School in Kentucky, die auf dem March for Life waren, Nathan Phillips, ein indigener Aktivist mit eigenem Wikipedia-Artikel (seit 19. Januar), der am zeitgleich in der Nähe stattfindenden Indigenous Peoples March teilgenommen hatte sowie eine Gruppe von vier oder fünf Mitgliedern der „Black Hebrew Israelites“, eine Bewegung von Afroamerikanern, die behaupten, dass sie von antiken Israeliten abstammen; sie waren mehr oder weniger zufällig auch am Ort des Geschehens.

Am 18. Januar gerieten die drei Parteien am Lincoln Memorial in Washington D.C. aneinander. Was genau geschah, ist umstritten. Medien berichteten aufgrund des Videos zunächst davon, die Schülergruppe habe Philipps in seiner Eigenschaft als indigenen Menschen provoziert. Alle schlugen dann auf die Schüler ein, die User in den Sozialen Netzen und die Medien. „Spiegel Online“ titelte: „Jugendliche Trump-Fans provozieren Ureinwohner“, die „Abendzeitung“ meldete: „Katholische Schüler verspotten amerikanischen Ureinwohner“.

Aber auch Kirchenvertreter aus der Diözese Covington kritisieren die Jugendlichen, letztlich stimmt sogar die Schule, auf die sie gehen, mit in den Chor der Empörten ein. Ihr Sprecher „bedauerte“ den Vorfall nur wenige Stunden, nachdem das Video viral gegangen war. Daraufhin wurde die Schule zum Ziel von Attacken. Der frühere demokratische Gouverneur Howard Dean nannte sie eine „Hass-Fabrik“. Die Covington Catholic High School musste Anfang der Woche geschlossen bleiben – aus Sicherheitsgründen.

Dann tauchten andere Videos auf, die eine andere Version der Vorgänge zeigen: Hier sind es die „Schwarzen Hebräer“, die aggressiv gegenüber den Schülern auftreten und Philipps stellt sich zwischen die Gruppen, um – wie er selbst aussagte – zu schlichten. Zugleich gab er zu Protokoll, die Schüler hätten „Build that wall!“ („Baut die Mauer!“) gerufen; diese jedoch bestreiten das. Wie gesagt: Was genau geschah, wird auch durch diese Filmaufnahmen nicht eindeutig geklärt, denn alle Videos zeigen immer nur – und das schon rein technisch – einen engen Ausschnitt der komplexen Wirklichkeit.

Dass das erste Video im Facebook viral wurde, weil Menschen teilen, ohne zu denken, ist das eine. Dass Medien, auch deutsche wie „Der Spiegel“, die Sache ungeprüft aufgreifen und damit an der Vorverurteilung junger Menschen mitwirken, ist das andere. Dass sich so im Ergebnis tendenziöse Deutungen von Ereignissen, von denen man eigentlich nichts Genaues weiß, rasend schnell als „Wahrheiten“ verbreiten, ist ein Phänomen unserer schönen neuen Medienwelt. Alles in allem: ein ziemlich dicker Hund.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Josef Bordat Afroamerikaner Donald Trump Howard Dean Kapitel Mittelstand Rechtskonservative Schülerinnen und Schüler Ureinwohner Videos

Kirche

Sebastian Kneipp war Pionier der ganzheitlichen Medizin. Sein Leben als Priester und Heiler.
19.01.2022, 11 Uhr
Barbara Wenz