Der Dandy, der sich auf dem Totenbett bekehrte

Die Bonmots von Oscar Wilde sind bis heute populär. Ebenso wie seine sexuelle Orientierung. Seine religiöse Sensi- bilität wird dagegen oft übersehen. Von Katrin Krips-Schmidt
Oscar Wilde , Dichter und Dramatiker
Foto: dpa | Gepflegte Frisur, gepflegte Kleidung: Für den irischen Dichter und Dramatiker Oscar Wilde (1854–1900) spielten Mode und Stil eine große Rolle. Doch die metaphysische Dimension des Lebens war ihm ebenso vertraut.

Die Bonmots von Oscar Wilde sind bis heute populär. Ebenso wie seine sexuelle Orientierung. Seine religiöse Sensi- bilität wird dagegen oft übersehen

Oskar Wilde ist ein Mythos. Das hundertjährige Gedenken seines frühen Todes im Alter von 46 Jahren wurde im Jahr 2000 mit Filmen, Ausstellungen und Literaturveröffentlichungen feierlich begangen und Wilde zum Apostel für gleichgeschlechtliche Lebensweisen verklärt. So gilt er als brillanter Künstler, der wegen seiner Homosexualität verfolgt und als Märtyrer der sexuellen Befreiung auf dem Altar puritanischer viktorianischer Werte geopfert wurde. Sein Vorbild habe Homosexuelle inspiriert, sich zu outen. Wie wenig diese oberflächliche Schilderung der Wirklichkeit entspricht, weist der Biograf Joseph Pearce mit seinem „The Unmasking of Oscar Wilde“ („Die Demaskierung von Oscar Wilde“) nach. Der künstlerische Genius des Autors entspricht freilich den Tatsachen, doch, so Pearce, schaue man hinter die Maske Wildes, so finde man einen Künstler, „der zu keiner Zeit im Frieden mit seiner Homosexualität war, dem es niemals gelang, ,sich zu outen‘ und der – als er letztendlich mit der Realität seiner Lage konfrontiert war –, seine homosexuellen Vorlieben als seine ,Pathologie‘ bezeichnete.“

Die Persönlichkeit Wildes schillerte in vielen Facetten. Der sich zum Katholizismus Hingezogene und der menschliche Sünder standen in einem krassen Kontrast, so dass sich die beiden Kontrahenten unentwegt gegenseitig bekämpften; vermutlich ähnelt er darin den meisten von uns. Doch nur eine Seite konnte die Oberhand behalten. Wildes Konversion zum Katholizismus auf dem Totenbett kam gerade noch rechtzeitig.

Er wollte schon als junger Mann konvertieren

Dabei glaubte er schon von frühester Kindheit an das, was die Kirche lehrte. Als Sohn eines Augen- und Ohrenarztes am 16. Oktober 1854 in Dublin geboren, wurde er in der anglikanischen Kirche getauft. Doch seine Mutter fühlte sich zum Katholizismus hingezogen und besuchte oft die heilige Messe. Sie bat den ortsansässigen Geistlichen, ihren Kindern katholischen Religionsunterricht zu erteilen. Als Student im Magdalen College in Oxford wäre Wilde fast zum katholischen Glauben übergetreten. Drei Wochen vor seinem Tod erzählte er einem Reporter des Daily Chronicle, weshalb es nicht dazu kam: „Ein großer Teil meiner moralischen Verirrung ist darauf zurückzuführen, dass mein Vater mir nicht erlaubt hatte, katholisch zu werden. Die künstlerische Seite der Kirche und der Wohlgeruch ihrer Lehre hätten meine Degenerierungen (engl. degeneracies) wohl geheilt.“ Er fügte hinzu: „Ich habe vor, in Kürze aufgenommen zu werden.“ Letztendlich fürchtete Wilde wohl, von seinem Vater enterbt zu werden, was dieser ihm im Falle einer Konversion auch angedroht hatte. Im April 1878 sprach er Father Sebastian im Brompton Oratory an. Am darauf folgenden Tag schrieb dieser ihm, dass es Gottes Gnade gewesen sei, die „Ihre Lebensgeschichte und den Zustand Ihrer Seele mir frei und vollständig offengelegt hat“. Er fuhr fort: „Lassen Sie mich das wiederholen, was ich Ihnen schon gestern sagte, dass Sie wie jeder andere eine böse Natur haben, was in Ihrem Fall noch verdorbener durch schlechte mentale und moralische Einflüsse sowie durch positive Sünde wurde. Auf der anderen Seite hat Gott Sie in seiner Barmherzigkeit in diesem Zustand nicht glücklich zurückgelassen. Er hat Ihnen die Hohlheit dieser Welt bewiesen und damit ein großes Hindernis zu Ihrer Bekehrung beseitigt. Er ermöglicht Ihnen, den Stachel des Gewissens und die Sehnsucht nach einem heiligen reinen und ernsthaften Leben zu spüren. Es kommt also auf Ihren eigenen freien Willen an, welches Leben Sie führen.“ Von diesem freien Willen machte Wilde reichlich Gebrauch. Allerdings auf die Weise, dass er zum verabredeten Termin nicht erschien. Sein Leben änderte er nicht. Vielleicht trifft das auf ihn selbst zu, was der von der Liturgie faszinierte Autor über Dorian Gray schrieb: „Einmal ging das Gerücht, er wolle den römisch-katholischen Glauben annehmen, und der katholische Ritus besaß tatsächlich immer eine große Anziehungskraft für ihn. Das tägliche Messopfer, das in Wirklichkeit viel gewaltiger wirkt als alle Opfer der Alten Welt, erregte ihn ebenso sehr durch seinen hochmütigen Verzicht auf alle Sinnfälligkeit, wie durch die primitive Einfachheit seiner Elemente und das ewige Pathos der menschlichen Tragödie, die es zu versinnbildlichen sucht. Er liebte es, auf dem kalten Marmorboden niederzuknien und den Priester zu beobachten, wie er in seiner steifen blumengestickten Stola langsam mit weißen Händen den Vorhang vom Tabernakel wegzieht, oder die laternenförmige, edelsteingeschmückte Monstranz in die Höhe hebt, die jene bleiche Hostie enthält, die man manchmal für das wirkliche panis coelestis, das Brot der Engel, halten möchte – oder wie er, in den Gewändern der Christuspassion, die Hostie in den Kelch taucht und um seiner Sünden willen sich die Brust schlägt. Die rauchenden Weihrauchfässer, die ernste Knaben in ihren Spitzen- und Scharlachmänteln gleich großen vergoldeten Blumen in der Luft schwingen, übten einen tiefen Reiz auf ihn aus. Wenn er die Kirche verließ, pflegte er staunend die dunkeln Beichtstühle anzublicken, und dann sehnte er sich danach, im düstern Schatten eines solchen zu sitzen und den Männern und Frauen zu lauschen, die durch das abgenutzte Gitter die wahre Geschichte ihres Lebens flüsterten.“

Auch in seinem Werk findet man katholische Spuren

Aber, so heißt es über den Protagonisten in Wildes einzigem Roman weiter, „er beging nie den Irrtum, seine geistige Entwicklung durch die förmliche Annahme eines Glaubens oder eines Systems zu hemmen oder irrtümlich für ein Haus, in dem man leben konnte, einen Gasthof zu halten, der nur zum kurzen Aufenthalt für eine Nacht taugt, oder gar nur für einige Stunden einer Nacht, in der keine Sterne leuchten und der Mond verborgen ist… keine Lebenstheorie war von irgendeiner Bedeutung für ihn, verglichen mit dem Leben selbst.“ Schon in seiner Studienzeit fiel Wilde durch seine geistreichen und humorvollen Aperçus auf – wie dem: „Ich kann allem widerstehen, nur nicht der Versuchung“. Er bekannte sich zum Ästhetizismus – der Anschauung in der Kunst, die dem Schönen, dem Ästhetischen den höchsten Wert einräumt. Sein Eintritt in die Londoner Gesellschaft wurde von einem extravaganten, dandyhaften Auftreten begleitet: Über Seidenstrümpfen trug er Kniehosen aus Samt, was in der viktorianischen Presse zu vielfältigen Karikaturen Anlass gab. Doch seine Veröffentlichungen – Gedichte, Bühnenstücke und vor allem sein Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ – machten ihn zu einem Erfolgsschriftsteller. 1882 ging er auf Vortragsreise nach Amerika und Kanada. 1884 heiratete er eine Verehrerin, Constance Lloyd. 1885 und 1886 kamen die beiden gemeinsamen Söhne zur Welt.

Doch Wilde hatte schon in seiner Studienzeit homosexuelle Beziehungen, die er auch während seiner Ehe aufrecht erhielt und in „unersättlicher Promiskuität“ lebte, freilich „sorgsam vor der Öffentlichkeit wie auch vor Constance verborgen“ (Pearce). Von nachhaltigem Einfluss für Wildes Abdriften in die Dekadenz war der französische Romancier Joris-Karl Huysmans mit seinem 1884 erschienenen Roman „Gegen den Strich“, der zum Leitbild für die zügellose Lebensweise Wildes geriet. Jahre später verfehlte indes auch die Nachricht, dass Huysmans nach Okkultismus- und Satanismus-Erfahrungen ins Kloster gegangen und Benediktineroblate geworden war, nicht ihre Wirkung. Wildes Reaktion darauf: „Es muss herrlich sein, Gott durch bunte Kirchenfenster zu sehen. Ich könnte eigentlich selbst in ein Kloster gehen.“ Doch zeitlebens wechselten sich lichte Momente des Glaubens mit einer ernsthaften Tendenz zum Agnostizismus ab: „Wie immer, stellen Wildes Widersprüche ein Rätsel dar. Waren sie das Ergebnis konfuser Unbeständigkeit oder Anzeichen für ein bewusstes ausweichendes Verhalten, für den Drang, intellektuell inkognito zu bleiben?“ (Pearce)

In der letzten Dekade seines Lebens entstanden Wildes berühmte gesellschaftskritische Komödien, Lady Windermere's Fan (1892), A Woman of No Importance (1893), An Ideal Husband (1895) und The Importance of Being Earnest (1895). Die Beziehung zu seiner großen Liebe Lord Alfred Bruce Douglas, 16 Jahre jünger als Wilde, beschwor das finanzielle und gesellschaftliche Verhängnis herauf. 1895 vom Vater seines Freundes, vom einflussreichen Marquess of Queensbury, wegen Unzucht angeklagt und schließlich wegen „grob unsittlichen Verhaltens mit anderen männlichen Personen “ zu zwei Jahren Zuchthaus und harter Zwangsarbeit in Reading verurteilt, nutzte Wilde die Zeit, um hier die Werke des heiligen Augustinus, Dantes und Kardinal Newmans zu lesen und sich mit den katholischen Themen der Sünde und des Leidens auseinanderzusetzen. Er sah in die entsetzten Gesichter von inhaftierten kleinen Kindern, die, ihren Eltern entrissen, massiv litten, er wohnte der Hinrichtung eines jungen Soldaten bei. Dort entstand auch sein 1905 posthum erschienener Brief an seinen Liebhaber Alfred Douglas De Profundis. Der Text ist eine in ihrer psychologischen Reflexionstiefe atemberaubende einzige Klage, nicht nur den eitlen, verschwenderischen und unredlichen Freund belastend, sondern auch über die eigene sittliche Verkommenheit und Schwachheit unbeirrt und feinspürig richtend. Als man ihn aus der Haft – seelisch gebrochen, gesundheitlich schwer angeschlagen und durch die horrenden Ausgaben für seinen Freund bankrott geworden – entließ, bat er die Jesuiten in London, sich für sechs Monate zu Ignatianischen Exerzitien in ihr Kolleg zurückzuziehen. Sie lehnten ab. Als Wilde davon erfuhr, weinte er. Vielleicht hätte ein Aufenthalt bei der Gesellschaft Jesu ja die Konversion beschleunigt? So floh er nun nach Frankreich, wo er noch einmal kurze Zeit mit Alfred zusammen war, bis sie sich endgültig trennten.

Am 28. November 1900 lag Wilde in einem Pariser Hotel im Sterben. Eine chronische Mittelohrentzündung hatte zu einer Hirnhautentzündung geführt. Robert Ross, der erste Geliebte Wildes, den er noch aus seiner Oxforder Zeit kannte, der sein Lektor wurde und der nun an seinem Sterbebett stand, holte einen Priester. Es war Father Cuthbert Dunne. Als er eintraf, bat Wilde um die Aufnahme in die katholische Kirche. Fünf Jahre vor seinem Tod schrieb der Passionistenpater seine Erinnerung an das denkwürdige Ereignis in Paris nieder: „Robert Ross kniete am Bettrand und half mir, so gut er konnte, während ich die Taufe unter Vorbehalt spendete. Anschließend gab er die Antworten, während ich dem liegenden Mann die Letzte Ölung spendete und die Sterbegebete sprach. Natürlich war ich vollauf überzeugt davon, dass er mich verstand, als ich ihm sagte, dass ich ihn in die katholische Kirche aufnehmen wollte und ihm die Letzten Sakramente gab… Und als ich dicht an seinem Ohr die Heiligen Namen, die Akte der Reue, Glauben, Hoffnung und Liebe mit den Akten der demütigen Ergebenheit zum Willen Gottes aufsagte, versuchte er alle Worte bis zum Ende mir nachzusagen.“ Der geniale Dichter ist das, was man im Englischen einen „eleventh hour Catholic convert“ nennt – einen Konvertiten, der sich „Fünf vor Zwölf“ noch besinnt. Fünf Minuten können schnell vergehen.

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