Der Böse als Person und Macht

Der Teufel in der Lehrverkündigung von Papst Franziskus. Von Professor Josef Spindelböck
The Angel Standing in the Sun exhibited 1846 by Joseph Mallord William Turner 1775-1851
Foto: IN | Das Motiv des Kampfes zwischen Gut und Böse durchzieht das Bild „The Angel, Standing in the Sun“ (1846) des britischen Malers William Turner. Der Engel der Apokalypse ist aus dem Buch der Offenbarung.

Das Apostolische Schreiben „Gaudete et exsultate“ von Papst Franziskus, welches das Datum vom 19. März 2018 trägt und „über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute“ handelt, widmet sich im fünften Abschnitt der Thematik von „Kampf, Wachsamkeit und Unterscheidung“ (Nr. 158–175). Franziskus stellt darin den Pilgerweg auf Erden hin zur ewigen Heimat als einen geistlichen Kampf dar, der nicht nur gegen die Versuchungen zum Bösen aus dem eigenen Inneren und aus der Welt um uns herum zu führen ist, sondern sich auch als Widerstand gegen die Einflüsterungen des Teufels zu bewähren hat.

Wie aber kann sich der Papst 50 Jahre nach dem von Herbert Haag verkündeten „Abschied vom Teufel“ (1969) auf jene „mythologische Figur“ beziehen, die zwar in wenig aufgeklärten Zeiten Inhalt der Verkündigung war, nunmehr aber längst von der Theologie „entsorgt“ wurde? So fragen manche auch innerhalb der Kirche.

Hier ist an die kirchliche Lehre zu erinnern, wie sie der „Katechismus der Katholischen Kirche“ vorlegt (vgl. KKK Nr. 391–395; Nr. 1033–1037; Nr. 2846–2849; Nr. 2850–2854). Die Kirche sagt sinngemäß: Es gibt eine personale Macht des Bösen, die wir Teufel oder Satan nennen. Ursprünglich handelt es sich um eine Schar von Engeln, die von Gott gut geschaffen wurden. Der Teufel und sein Anhang sind aus sich selbst heraus böse geworden, indem er sich gegen Gott aufgelehnt hat. Die Abkehr des Teufels von Gott ist endgültig. Der Teufel versucht die Menschen, das heißt er verleitet sie zum Bösen: zuerst die Stammeltern, dann auch Jesus Christus, der freilich nicht gesündigt hat, und schließlich auch uns. Der Mensch soll mit der Gnade Gottes der Versuchung zum Bösen widerstehen und sich im Guten bewähren. Die Macht des Teufels ist durch den Ostersieg Christi bereits endgültig gebrochen; Gott lässt dem Teufel einen gewissen Einfluss, und doch lenkt Gott in seiner Vorsehung alles zum Guten.

Papst Franziskus stellt im letzten Kapitel seines Apostolischen Schreibens über den Ruf zur Heiligkeit das christliche Leben als eine Situation des ständigen Kampfes dar, welche eben deshalb der Wachsamkeit bedarf, aber auch der Kraft und des Mutes, „um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden“. Zugleich hebt der Papst hervor, dass sich in diesem Ringen der Herr als siegreich erweist und wir uns auf die Seite Gottes stellen sollen (Nr. 158–159).

Keinen Zweifel lässt der Papst daran, dass es sich beim Teufel oder Satan um eine reale personale Macht handelt. Franziskus bedient sich einer differenzierten biblischen Hermeneutik (vgl. Lk 10,18; Eph 6,11.16; Lk 11,24–26): „Gewiss hatten die biblischen Verfasser nur ein begrenztes begriffliches Rüstzeug zur Verfügung, um einige Sachverhalte auszudrücken, und man konnte zu Jesu Zeiten zum Beispiel eine Epilepsie mit der Besessenheit durch den Teufel verwechseln. Das darf uns jedoch nicht dazu verleiten, die Wirklichkeit so zu vereinfachen, dass wir sagen, dass alle Fälle, von denen in den Evangelien berichtet wird, von psychischen Krankheiten handeln und dass letztendlich der Teufel nicht existiert oder nicht tätig ist. Der Teufel ist auf den ersten Seiten der Bibel gegenwärtig, an deren Ende aber steht der Sieg Gottes über den Satan.“ (Nr. 160)

Der Teufel „vergiftet uns mit Hass, Traurigkeit, Neid, mit den Lastern. Er nützt dann unsere Achtlosigkeit, um unser Leben, unsere Familien und unsere Gemeinschaften zu zerstören, denn er ,geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann‘ (1 Petr 5,8)“ (Nr. 161).

Papst Franziskus verweist auf seinen Vorgänger Papst Paul VI., der in diesem Jahr heiliggesprochen wird. Dieser Papst erklärte in einer aufsehenerregenden Katechese bei der Generalaudienz am 15. November 1972: „Eines der größten Bedürfnisse der Kirche ist die Abwehr jenes Bösen, den wir den Teufel nennen. … Das Böse ist nicht mehr nur ein Mangel, sondern es ist eine wirkende Macht, ein lebendiges, geistliches Wesen, verderbt und verderbend, eine schreckliche Realität, geheimnisvoll und beängstigend. Wer die Existenz dieser Realität bestreitet, stellt sich außerhalb der biblischen und kirchlichen Lehre; desgleichen, wer daraus ein eigenständiges Prinzip macht, das nicht, wie alles Geschaffene, seinen Ursprung aus Gott nimmt; oder auch, wer es zu einer Pseudowirklichkeit erklärt, es für eine erfundene, phantastische Personifikation der unbekannten Ursachen unseres Unheils hält.“

Papst Franziskus weist hin auf die geistlichen Mittel zum Kampf gegen das Böse und den Bösen. Solche „Waffen“ sind „der im Gebet zum Ausdruck gebrachte Glaube, die Betrachtung des Wortes Gottes, die Feier der heiligen Messe, die eucharistische Anbetung, das Sakrament der Versöhnung, die guten Werke, das Gemeinschaftsleben, der missionarische Einsatz.“ (Nr. 162)

Es geht um „das Wachstum im Guten, in der geistlichen Reife und der Liebe“: dies ist „das beste Gegengewicht zum Bösen“ (Nr. 163). Franziskus zitiert aus seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ vom 24. November 2013, wo er in Nr. 85 formuliert hat: „Der christliche Sieg ist immer ein Kreuz, doch ein Kreuz, das zugleich ein Siegesbanner ist, das man mit einer kämpferischen Sanftmut gegen die Angriffe des Bösen trägt.“

Hier sind Anklänge an die Betrachtung des heiligen Ignatius von Loyola über die zwei Banner in dessen Exerzitienbuch unübersehbar: Dieser weist hin auf das Banner Luzifers, welcher die Menschen durch die Schar der bösen Geister zur Sünde und zum Abfall von Gott versucht, um sie ins Verderben der Hölle zu ziehen; das andere ist das Banner Christi, welcher durch die Apostel und Jünger die Menschen aller Welt einlädt, ihm in Armut und Demut nachzufolgen und so in das Himmelreich zu gelangen.

Nach Auffassung von Papst Franziskus ist geistliche Wachsamkeit nötig, damit der Christ nicht der Lauheit als einer geistlichen Korruption verfällt, die schlimmer ist als der Fall eines Sünders, von dem er in Reue und Demut wieder aufstehen kann. Denn hier verschließt sich der Mensch gegenüber Gott und dem Nächsten und merkt dies nicht einmal, weil er einer„bequemen und selbstgefälligen Blindheit“ verfällt und sich vom Teufel täuschen lässt, der sich als „Engel des Lichtes“ verkleidet (Nr. 164–165; vgl. 2 Kor 11,14).

Ein Leben im Licht des Herrn verhilft zur geistlichen Unterscheidung. Dabei geht es darum, „dem Großen, dem Besten und Schönsten keine Grenzen zu setzen, aber sich gleichzeitig auf das Kleine zu konzentrieren, auf die tägliche Hingabe. Deshalb bitte ich alle Christen, es nicht zu unterlassen, jeden Tag im Gespräch mit dem uns liebenden Herrn eine ehrliche Gewissenserforschung zu machen.“ (Nr. 169)

Papst Franziskus verweist auf eine Predigt in der Kapelle des „Domus Sanctae Martae“ am 11. Oktober 2013. Darin hatte er erläutert, wie man die Strategie des Teufels besiegt: Jesus kämpft gegen den Teufel; ja er hat ihn bereits besiegt. Es geht um eine klare Entscheidung für den Herrn Jesus Christus. Es gilt allezeit wachsam zu sein. Der Papst führt wörtlich aus: „Es gibt einen Kampf, einen Kampf, bei dem das ewige Heil von uns allen auf dem Spiel steht.“ Dabei gebe es keine Alternativen: „Entweder bist du für Jesus oder dagegen.“

Bei seiner Generalaudienz am 25. April 2018 ging Papst Franziskus auf die Befreiung von allem Bösen in der heiligen Taufe ein: „Im Exorzismus und den Befreiungsgebeten erfolgt die Bitte, den Täufling von allem zu befreien, was ihn an der innigen Gemeinschaft mit dem Herrn hindert. Mit der Austreibung der Dämonen hat Christus die Ankunft des Reiches Gottes geoffenbart; sein Sieg über die Macht des Bösen schafft in uns Raum für die Herrschaft Gottes. Die Taufe ist keine magische Formel, sondern eine Gabe des Heiligen Geistes, die uns zum Kampf gegen die Nachstellungen des Teufels befähigt.“

Für manche Zeitgenossen ist es überraschend, ja sogar befremdlich, wie selbstverständlich Papst Franziskus mit der Wirksamkeit des Teufels im Leben des Christen rechnet. Dennoch schreibt er dem Teufel keine unbegrenzte Macht zu; ja, der Heilige Vater betont stets den Sieg Christi über das Böse.

Mitunter steigt Franziskus schon herab von der Sprache der hohen Theologie zu der des Volkes oder gar der Kinder. So antwortet er in einem Buch („L'amore prima del mondo“, 2016) auf die Frage einer kleinen Peruanerin, warum Gott den Teufel nicht besiegt habe, obwohl er die Menschen so sehr liebe: „Gott hat den Teufel besiegt, und zwar am Kreuz! Aber du weißt doch, wie das mit Drachen ist – mit dem Teufel ist das wie mit einem großen, schrecklichen Drachen. Auch wenn der getötet wird: Er hat einen langen Schwanz, und auch wenn er tot ist, schlägt der Schwanz noch hin und her.“

So paradox es klingt: Der Teufel „nützt“ uns im Streben nach Heiligkeit. Er vermag letztlich nichts, da er durch den Ostersieg Jesu Christi endgültig bezwungen ist. „Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören.“ (1 Joh 3,8b) Dieser kann nur dort Schaden anrichten, wo der Mensch sich auf die Sünde einlässt, die ihn als Todsünde von Gott trennt.

Wesentlich für das christliche Leben ist es stets, den Blick des Herzens auf Gott und seinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus zu richten und in der Verwirklichung der Gottes- und Nächstenliebe das Böse zu überwinden. In der Verbundenheit mit der Gottesmutter Maria haben wir nichts zu fürchten, so Papst Franziskus in seiner Homilie bei der Messe in Santa Maria Maggiore am 28. Januar 2018: „Wo Maria daheim ist, hat der Teufel keinen Zutritt.“

Auch die Verehrung des heiligen Erzengels Michael empfiehlt uns der Papst: Michael „verteidigt das Volk Gottes vor seinen Feinden, vor allem aber vor seinem Erzfeind, dem Teufel. Und der heilige Michael siegt, da durch ihn Gott selbst handelt.“ So bei der Einweihung einer Michaelsstatue in den vatikanischen Gärten am 5. Juli 2013.

Der Autor ist Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St.Pölten.

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