Der Bodenständige

Der Priesterpoet Leopold Klima beschreibt die Christenverfolgungen des 20. Jahrhunderts. Von Felix Dirsch
Kreuz im Gegenlicht
Foto: dpa | Am Ende des endzeitlichen Romans „Scandalum crucis“ scheint Hoffnung auf.

Die Atmosphäre, die der Text beschreibt, ist düster. Fast ist man an einen der berühmtesten Sätze der Literatur erinnert, nämlich den, der in Dantes „Commedia“ über dem Tor zur Hölle prangt: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnungen fahren!“ Doch ganz ohne Hoffnung bleibt der Leser des 1930/32 in erster Auflage erschienenen endzeitlichen Romans „Scandalum crucis“ freilich nicht, den der Priesterschriftsteller Leopold Klima unter dem Pseudonym Wolfgang Baumroth verfasst hat. Denn am Ende des erschütternden Werkes sind die Christen ermutigt. Sie raunen sich eine Freudenbotschaft zu: „Wir haben einen Papst“. Das Wort der Heiligen Schrift, dass der Felsen Petri durch die Mächte der Finsternis nicht überwunden werden wird, hat sich erfüllt – wieder einmal.

Der dystopische Roman lässt Spuren seiner Entstehungszeit erkennen. Wer in der Zwischenkriegszeit bestimmte Bibelstellen („Wenn sie mich verfolgt haben, so werden sie auch euch verfolgen“, Johannes 15,20 und andere) las, war in der unmittelbaren Gegenwart angekommen. Man wusste in West- und Mitteleuropa von dem hohen Blutzoll, den die orthodoxe Kirche infolge der bolschewistischen Revolution entrichten musste. Dass bald darauf auch in Deutschland Teilen der protestantischen Kirche und der katholischen Kirche ein vergleichbares Schicksal bevorstehen würde, konnte man höchstens ahnen.

„Scandalum crucis“ beschreibt das Szenario einer atheistisch-technokratischen Weltregierung. Die Existenz aller Religionen ist gefährdet. Bischöfe und Priester werden vornehmlich getötet, Laien drangsaliert.

Der Kardinal-Erzbischof von Wien stirbt nach schrecklicher Folter. Da mutet es vergleichsweise harmlos an, wenn dessen Pendant in der Wirklichkeit nach dem „Anschluss“ 1938 „nur“ Demolierungen durch den HJ-Pöbel ertragen musste – ungeachtet der Tatsache, dass Theodor Kardinal Innitzer den neuen Machthabern anfangs noch wohlwollend gegenüberstand. Der Sprung von der Wirklichkeit zur Fiktion ist nicht weit. Dem Papsttum droht der Untergang. In der mutmaßlichen Endzeit ernennt der Papst noch Kardinäle. Gottesdienste finden im Geheimen statt. Der Roman zeichnet das Bild einer Kirche mit vorbildlichen Gläubigen, die mutig und tapfer Widerstand leisten. Man fühlt sich an einigen Stellen an das frühe Märtyrerchristentum erinnert, wie es jedenfalls idealtypisch in späteren Zeiten immer wieder gezeichnet wurde.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht der Universitätsprofessor Günther Herweg. Mit dem Glauben hat er zuerst nichts am Hut. Die kirchenkritische Litanei von den Hexenprozessen bis zur angeblichen Wirkungslosigkeit der Botschaft Christi in zwei Jahrtausenden betet er anfangs lustvoll herunter. Er nennt es Glück, in Zeiten der Humanität zu leben – welch ein zynischer Kommentar zur Lage! Doch wird ihm die Gnade des Herrn zuteil. Bald bekehrt er sich, wird zum Priester geweiht und entsagt seinem früheren Leben. Schwer gekränkt wird durch diese Entscheidung seine Verlobte, die Christenhasserin Agrippina (Anspielung auf die Mutter Neros?), die er später wiedersieht – als Papst. Es dauert nicht lange, da steigt Günther weiter auf. Wohl endet seine Liebe zu Agrippina niemals, doch in der entscheidenden Stunde muss er sie zurückweisen – um des Wohls der Glaubensgemeinschaft willen. Die entsprechenden Szenen sind dramatisch.

Viele Schicksale werden in der Darstellung porträtiert. Besonders nahe geht der Lebenslauf des frommen Eschenberger, der einfach erschossen wird. Der Roman macht ob solcher Zeugen Mut – und nachdenklich: Der Bekenner sind wenige, der Auswahlchristen, die weder Fisch noch Fleisch verkörpern, hingegen viele.

Manches muss dem heutigen Zeitgenossen fremd anmuten. Die Kämpfe zwischen Globalliberalisten und deren partikularen und nationalen Gegnern sind so neu jedoch nicht. Häufig ist bei Baumroth von Weltregierung und Weltparlament die Rede. Beide Institutionen verkörperten damals Vorstellungen der durchaus nicht einflusslosen Freimaurer, die 1917 in aggressiver Weise ihr zweihundertjähriges Gründerjubiläum feierten. Der Völkerbund galt als von Logen infiltriert. So verwundert es nicht, dass das päpstliche Rundschreiben „Bonum sane“ vor der Schreckensherrschaft der One-World-Vertreter warnte. Man wusste damals, auf wen die kryptischen Andeutungen zielen.

Das Zweite Vatikanum bedeutet auch im Hinblick auf die Eine-Welt-Kultur eine Wende. In „Gaudium et spes“ wird das Ideal der „Menschheitsfamilie“ herausgestellt. In den letzten Jahren kommen aus dem Vatikan Forderungen nach der Errichtung einer „Weltbank“ sowie andere Projekte, die auf die Befürwortung einer globalistischen Agenda schließen lassen könnten.

Wer verbirgt sich hinter dem Literatennamen Baumroth? Eine in jeder Hinsicht beeindruckende Persönlichkeit: Erzdechant Monsignore Leopold Klima. Er war 1882 in die kinderreiche Familie eines Oberlehrers in Rothenbaum, Bezirk Neueren, im Sudetenland geboren worden. Vor Beginn seines Theologiestudiums hatte er sich der Germanistik gewidmet. 1906 war er zum Priester geweiht worden. Er wirkte als Archidiakon von Bischofteinitz und als Päpstlicher Geheimkämmerer. Er erhielt viele Ehrungen für sein außergewöhnliches Schaffen, etwa die Ernennung zum Bischöflichen Notar und zum Konsistorialrat.

Klima schrieb neben „Sandalum crucis“ noch einen zweiten Roman: „Crucis victoria: des Kreuzes Sieg“. Es bleibt zu hoffen, dass auch diese Schrift neu aufgelegt wird. Der mit enormem Tatendrang ausgestattete Seelsorger verfasste 37 Theaterstücke und zwei Predigtbücher, organisierte Wallfahrten, kümmerte sich um die Pflege der Kirchenmusik, förderte die Gemeindemission, gründete eine Laienspielgesellschaft, errichtete ein Waisenhaus und gab der Gemeindecaritas Impulse. Die Liste der Aktivitäten des gesundheitlich schon früh angeschlagenen Mannes könnte man beliebig fortsetzen.

Klima stand in Verbindung mit dem japanisch-österreichischen Schriftsteller Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi, einem der wesentlichen Förderer der Paneuropa-Union nach dem Ersten Weltkrieg und späterem Ehrenpräsidenten der Europa-Bewegung. Da Coudenhove-Kalergi, der Bezüge zum Christentum aufrechterhalten hatte, Mitglied einer Freimaurerloge war, könnte Klima durch ihn Zugang zur einschlägigen Thematik gefunden haben.

Die Not und das Elend, die in seinen Werken öfters zum Vorschein kommen, spiegeln oft die Wirklichkeit wider. Nach 1918 musste Klima als Angehöriger der deutschen Minderheit im tschechischen Staat Diskriminierungen erdulden. Schlimmer noch kam es, als das Sudetenland 1938 in das Deutsche Reich „heimgeholt“ wurde. Hitlers Häscher verhafteten den mutigen Kleriker und steckten ihn 1941 ins Konzentrationslager Dachau. Ein Jahr später entließ man ihn.

Doch nach Bischofteinitz durfte er nicht zurückkehren. 1945/46 vertrieben ihn die Tschechen wie Millionen seiner Landsleute. Die letzten Lebensjahre musste er fern der Heimat verbringen, ehe er 1955, versehen mit den heiligen Sterbesakramenten, verstarb.

Klima verkörperte den bodenständigen Geistlichen, der fest in Traditionen und Bräuche seiner Herkunftsregion verwurzelt ist. Die Kraft, die er aus dem Glauben gezogen hat, dürfte beträchtlich gewesen sein. „Scandalum crucis“, jüngst leicht verändert neu aufgelegt, bildet mit den Romanen „Herr der Welt“ von Robert H. Benson und „Father Elijah“ von Michael O'Brians inhaltlich eine Trias. Gemeinsam ist diesen Schriften die endzeitliche Ausrichtung. Benson, ebenfalls katholischer Priester, skizziert eine flache, rationalistisch-technische Welt. Sie erinnert in mancherlei Hinsicht an Huxleys „Schöne neue Welt“ und an Comtes „Religion des Positivismus“.

Die Nachkommen Klimas haben sich um das Andenken an den zu seiner Zeit bekannten Priester redlich und mit Erfolg bemüht. Insbesondere dem Diakon Manfred Schmidt (Bonn) ist für sein Engagement zu danken, seinen Großonkel dem Vergessen zu entreißen. Gleiches gilt für den Christiana-Verlag, der „Scandalum crucis“ in einer zeitgemäßen stilistischen Fassung neu auf den Markt gebracht hat. Dieser Neuerscheinung ist weite Verbreitung zu wünschen.

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