Der Autor ist der Souverän

Der aktuelle Streit um das Urheberrecht angesichts der technischen Möglichkeiten einer schönen, neuen digitalen Welt ignoriert durchweg den Wert geistiger Arbeit. Höchste Zeit, daran zu erinnern, warum die Arbeit von Journalisten, Schriftstellern, Musikern und anderen Geld kosten und der Nutzer sie bezahlen muss. Von Johannes Seibel
| Zwar schreibt auch der Schriftsteller heute gemeinhin seine Romane nicht mehr mit der Feder – aber die Schreibfeder steht für das Schöpferische, das dem Schreibprozess innewohnt, und den kein Tippen auf ...
| Zwar schreibt auch der Schriftsteller heute gemeinhin seine Romane nicht mehr mit der Feder – aber die Schreibfeder steht für das Schöpferische, das dem Schreibprozess innewohnt, und den kein Tippen auf ...

Eigentum ist Diebstahl.“ Das hat der frühe Sozialist Jacques Pierre Brissot de Warville 1780 plakatiert. Die Verfechter einer Alles-kostenlos-Ideologie im Internet unterschreiben das heute sofort. Im Übrigen ähneln zahlreiche ihrer Argumente durchaus denen der frühen Sozialisten. Etwa das, wonach Eigentum dann unrechtmäßig sei, wenn es zur Machtausübung missbraucht werde, wie es Pierre-Joseph Proudhon 1840 behauptet, der übrigens ausdrücklich das Plagiat als legitime Praxis verteidigte. Wenngleich letzteres die Piraten, der parlamentarisch-politische Arm der Alles-kostenlos-Ideologie, heute nicht mehr so sehen – dass Millionen von Nutzern die Inhalte von Büchern, Musik, Filmen und vieles mehr weltweit kostenlos aus dem Internet saugen und so Schriftsteller, Musiker oder Regisseure um Einnahmen bringen, oder dass Informationen missliebiger Organisationen aus deren Datenbanken gestohlen und veröffentlicht werden, rechtfertigen sie gerne mit einer notwendigen Kontrolle oder gar Entmachtung angeblich ökonomisch oder politisch zu mächtiger Konzerne oder Regierungsorgane. Diese Regelverletzungen, im Jargon „hacken“ genannt, diene letztlich allein einer Demokratisierung dank mehr Transparenz, heißt es, um noch im Sinne der frühen Sozialisten einen Schritt weiterzugehen: Wer raubkopiert, der wehre sich doch nur gegen die Warenförmigkeit geistiger Arbeit und leiste ihr insofern sogar einen befreienden Dienst, heißt es.

Abgesehen von solchen politischen, ideengeschichtlichen, medienrechtlichen und demokratietheoretischen Verwicklungen des Internet-Zeitalters stellt sich die Frage: Ist eine solche Haltung, die alles kostenlos im Internet nutzen will und Verfügbarkeit aller Informationen zu jeder Zeit und allerorten fordert, nicht auch getränkt mit einer veritablen Geringschätzung der geistigen Arbeit und Originalität? Treffen sich an dieser Stelle nicht der sich politisch frei wähnende Computerfreak und Aktivist mit dem vermeintlich kleinbürgerlichen Spießer, der Schriftsteller, Journalisten, Musiker und Schauspieler sowieso für suspekte Subjekte und das Genialische für Scharlatanerie hält?

Der Eindruck drängt sich auf.

Das Kommunikationsverhalten im Internet fördert diese Einstellung. Da soll etwa die sogenannte Schwarmintelligenz für eine neue breite Aufklärung sorgen. Dafür stehen Internetseiten wie „Wikipedia“. Das Ideal ist eine Gemeinschaft sich ständig korrigierender gleichgestellter Nutzer, die die Informationen über eine Sache so durch ständige Verbesserung auf dem neuesten Stand halten. Wissenschaftsmethodologisch ist das die Methode der Falsifikation, die etwa der Philosoph Karl Raimund Popper beschrieben hat, der dadurch, nebenbei bemerkt, eine offene, freie Gesellschaft grundlegen wollte. Der alleinige Autor oder Redakteur, und sei es eine Autoren- oder Redaktionsgemeinschaft, der oder die eine solche enzyklopädische Anstrengung ins Werk setzen, fehlen schlicht die technisch-quantitativen Möglichkeiten der Informationsverarbeitung und Verdichtung, um diesen ständigen Prozess der Falsifikation durchhalten zu können – so ist man heute überzeugt. Die Leistung des schöpferischen Durchdenkens, wie sie etwa im 18. Jahrhundert die französischen Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert vollbrachten, wird heute belächelt. Ein Projekt wie das im 20. Jahrhundert von Joachim Ritter begründete „Historische Wörterbuch der Philosophie“, das Rudolf Eislers „Wörterbuch der Philosophischen Begriffe“ aus dem 19. Jahrhundert ablöste, wird für überholt gehalten.

Doch die Realität bei „Wikipedia“ ist eine andere: Es gibt mittlerweile verschiedene Abstufungen von Inhalte-Verwaltern bei „Wikipedia“, den sogenannten Administratoren, die – gewiss auch nach Diskussionen der Gemeinschaft – entscheiden, welche Informationen geändert werden und welche nicht. Das bloße Erkenntnisinteresse kann dem Gruppeninteresse weichen, das manipulativ Einfluss in den Texten nehmen will, wobei dann auf „Wikipedia“ solche Gruppeninteressen um Deutungshoheiten und Deutungsmacht ringen – oder um Einfluss bei der Installation der Administratoren, die ihrerseits versuchen, sich gegenüber einer Kontrolle mehr und mehr abzuschotten. Was für eine freie und offene Debatte sorgen sollte, droht strukturell entweder in einseitige Öffentlichkeitsarbeit umzukippen, oder aber die permanente Falsifikation der Inhalte führt zu einer möglichst wenig konfliktträchtigen Mittelmäßigkeit der Erkenntnisse. Sowohl die Debatte um die machtpolitische und lobbyistische Rolle von Administratoren bei „Wikipedia“ flackert immer mal wieder auf, als auch der Ärger über die Oberflächlichkeit der Informationen, die „Wikipedia“ bereithält.

Was aber entscheidender an diesem Beispiel ist: Geistige Arbeit wird in der schönen, neuen Computerwelt deshalb nicht als produktive Arbeit anerkannt, bezahlt und dementsprechend als entwertet erfahren, weil der souveränen Autorenschaft keine Erkenntnis- und Praxisfähigkeit mehr zugetraut wird. Wobei die Krise des Begriffs der souveränen Autorenschaft sich in einer immer mehr vernetzten Internetwelt verschärft.

Und diese Krise der souveränen Autorenschaft setzt sich in der Krise der souveränen Öffentlichkeit fort. Die entsprechenden Phänomene sind schon oft genug beschrieben worden: Die vermeintliche Anonymität des Internets verleitet dazu, alle Regeln der Fairness des Meinungswettstreites zu vergessen, was zu einem aggressiven, hasserfüllten Klima im Netz führen kann. Polarisierung und Personalisierung von Kritik ist die Folge, die den Austausch und das Abwägen von Argumenten erschwert. Es bilden sich Gruppen, sogenannte Communities, die sich in ihren Überzeugungen lediglich noch gegenseitig bestätigen und bestätigt sehen wollen und gegenseitig in ein Freund-Feind-Raster einstellen. Das Netz atomisiert die Öffentlichkeit. Der Meinungspluralismus zerfällt in unverbundene Welten.

Der vermeintliche Zugang zu allen Informationen über das Netz, das Versprechen der allumfassenden Transparenz verleitet den Nutzer dazu, sich allzuständig und allinformiert zu fühlen – oder dies zumindest für möglich zu halten und entsprechend anzustreben. Das gaukelt ihm vor, er könne in allen Angelegenheiten selbst der Experte sein, der keine Expertise im Sinne anderer, souveräner Autorenschaft mehr braucht. Das leistet einem Eklektizismus, also der falschen logischen Verbindung von einzelnen Informationen, und dem Hang zur Besserwisserei Vorschub, die allzu leicht mit dem eingelösten Anspruch von gesellschaftlicher Partizipation verwechselt wird. Beides wiederum lässt die Fähigkeit zur Selbstkritik und zum Selbstzweifel an dem verkümmern, was der einzelne Netzbürger denkt und wovon er überzeugt ist – und stattdessen die Kritik am anderen überborden. Verdächtigt wird immer der andere. Ohne das Eingeständnis aber, etwas selbst nicht zu wissen und selbst nicht zu können, und dass auch das Internet diese Begrenztheit nicht endgültig überwinden helfen kann, bleibt das Bewusstsein für den Wert dessen, was andere denken, schreiben und in weiteren Formen geistiger Arbeit ausdrücken, gering.

Der eigene Kommentar als schnelles letztgültiges Urteil, nicht mehr die Meinungsbildung mit Schwerpunkt auf dem Wortteil Bildung als Grundlage und Vorhergehende jeder Meinung ist das Leitbild und Medium der neuen digitalen Öffentlichkeit, die schnellatmig so ihre Souveränität und Reflexionsfähigkeit verliert – was sich noch anhand vieler weiterer Phänomene bis zu der Kommentarfunktion „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“ in neuen sozialen Medien beschreiben ließe. Der digitale Netzbürger bewertet, das ist seine Existenz – er lebt von dem, was andere produzieren und tun, um es bewerten zu können. Er ist in diesem Sinne, um ein problematisch polemisches Wort zu benützen, eine geistige parasitäre Existenz, dessen Wirtstier die Akteure der analogen Welt in Politik, Sport und Gesellschaft sind – oder der herkömmliche geistige Arbeiter. Der digitale Netzbürger beurteilt nur noch Romane, Fußballer, Stars und Sternchen, Politiker, Parlamente, andere Religionen, Musik, er setzt sich mit ihnen nicht mehr ausführlich auseinander, alles wird ihm bloßes Material für den ständigen, sich selbst bestätigenden Kommentar, der im Internet dann endlose Schleifen dreht. Kein Wunder, wenn der digitale Netzbürger für den Konsum dieses in seinen Augen bloßen Materials, das ihm das Internet augenscheinlich in unendlicher Masse zur Verfügung stellt, dessen schöpferischer Eigenwert ihm allerdings nicht mehr bewusst ist, nichts zahlen möchte.

Die Arbeit der Schriftsteller, Musiker, der Journalisten und aller anderen geistigen Arbeiter der analogen Welt dagegen braucht Zeit, Distanz zu sich und der Welt, Selbstkritik, Selbstzweifel, Meinungsstreit, die Fähigkeit des Abwägens, ausführliches Quellenstudium und Quellenkritik, Bildung – und vieles weitere. Eine privatwirtschaftliche Zeitung etwa muss Gewinn machen, damit sie die Infrastruktur der Produktion aufrechterhalten, ihre Mitarbeiter bezahlen und guten journalistischen Nachwuchs ausbilden kann. Nur wenn dann der einzelne Mitarbeiter einer Zeitung so abgesichert ist und auf diese Infrastruktur zurückgreifen kann, ist er in der Lage, Qualitätsjournalismus zu produzieren. Er muss dabei seinerseits viel Zeit in den Aufbau eines Kontaktnetzes investieren, er muss sich auf seinen Fachgebieten ständig weiterbilden, er muss Tage, ja Wochen in Recherchen und Gegenrecherchen investieren, um an Informationen zu gelangen, die den journalistischen Kriterien entsprechen und von Bedeutung sind, um schließlich eine Geschichte zu schreiben – diese Geschichte und derjenige, der sie geschrieben hat, kosten also Geld. Allein aber gute Geschichten geben der Öffentlichkeit überhaupt einen Anreiz, diese Zeitung zu kaufen. Nur wenn also eine Zeitung gute Geschichten anzubieten hat, macht sie Gewinn, der wiederum die Infrastruktur für die Journalisten und künftige gute Geschichten garantiert. Das ist im Kern das Geschäftsmodell des Qualitätsjournalismus. Wenn nun aber diese guten Geschichten, die viel Geld gekostet haben, im Internet kostenlos zu haben sind, auf allen möglichen anderen Internetseiten und Kanälen der digitalen Welt verlinkt und zugänglich sind, was keine Werbung für diese Zeitung ist, sondern ihr letzten Endes schadet, dann entwerten sich der Journalist als geistiger Arbeiter und die Zeitung selbst, sie ziehen sich ihre eigene Geschäftsgrundlage unter den Füßen weg – was in der Vergangenheit ein schwer rückgängig zu machender Kardinalfehler der Publizistik gewesen ist, ihre Produkte kostenlos im Internet angeboten zu haben. Dass renommierte Zeitungen wie die „New York Times“ heftig zurückrudern, und immer mehr an ihrem Angebot kostenpflichtig machen, ist ein beredtes Zeichen.

Oder der Schriftsteller und Geisteswissenschaftler: Sie arbeiten zum Teil Jahre an ihren Büchern und Veröffentlichungen, sie sichten und lesen hunderte andere Bücher, sie gehen auf Kongresse, sie legen sich Zettelkästen an, machen immer wieder neue Entwürfe, bis sie die zündende Idee haben, bis sie eine These, eine Geschichte entwickelt haben, die neue Aspekte in der Wissenschaft erschließt, andere Menschen fasziniert, ihnen Erkenntnisse gewährt, die sie ohne diese Arbeit nicht hätten. Das ist souveräne Autorenschaft. Warum also sollte der Bürger für ein solches Buch nicht 25 Euro zahlen? Und mit welchem Recht glaubt er, dass er das alles kostenlos im Internet sich herunterladen können muss oder dass er ein solches Buch ungestraft in das Internet einspeisen kann, um es dann in Tauschbörsen zu verbreiten? Alles das gilt auch für die Musik.

Nicht „Eigentum ist Diebstahl“, sondern die permanente Verletzung des Urheberrechtes im Internet, die nichts weniger ist als ein Affront gegen jede geistige Arbeit und das Denken, also letztlich die Würde des Menschen. Wer denkt, arbeitet.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier