Der Anarchist, der seinen Glauben wiederfand

Er war nie ein Schriftsteller für den Massengeschmack: Hugo Ball im Spiegel seiner politisch-theologischen Schriften. Von Urs Buhlmann
Foto: IN | Verteidigte den Glauben: Hugo Ball.
Foto: IN | Verteidigte den Glauben: Hugo Ball.

Einen Narr Christi hat man ihn genannt, den nach mancherlei Irrungen und Wirrungen zur katholischen Kirche seiner Kindheit zurückgekehrten Schriftsteller Hugo Ball (1886–1927), der in der wilden Zeit nach dem Ersten Weltkrieg als Exponent der Dada-Bewegung und Pionier des lautmalerischen Gedichtes hervortrat. Kaum etwas, was der Sohn eines Pirmasenser Schuhfabrikanten nicht ausprobiert hätte, Regiearbeit, Kabarett, Journalismus, bevor er, der immer radikal zu denken und leben trachtete, zum Kindheitsglauben zurückkehrte, den er dann in ganz eindeutiger Form den Menschen seiner verwirrten Zeit nahezubringen suchte. Aus dieser Zeit einer erneuten Hinwendung zum Glauben stammen verschiedene Schriften, die Ball als unbeirrbaren Verteidiger des katholischen Prinzips und Anhänger mystisch-ostkirchlicher Traditionen zeigen.

Aufschlussreiches über diesen ungewöhnlichen Lebenslauf, über diesen so kaum noch einmal anzutreffenden intellektuellen Weg bietet das gründlich recherchierte Werk des an der Berliner Universität der Künste lehrenden Eckhard Fürlus mit dem bezeichnenden Titel „Anarchie und Mystik“. Es macht deutlich – schon anhand der umfangreichen Sekundärliteratur – wie anregend Ball auf Zeitgenossen wie Nachgeborene gewirkt hat und noch wirkt, obwohl er als Schriftsteller über den Status als „Geheimtipp“ nie hinausgekommen ist. Sogar Eingang in die amerikanische Popkultur hat eines seiner lautmalerischen Gedichte gefunden, das, vertont von David Byrne und Brian Eno, 1979 von der US-Gruppe „Talking Heads“ eingespielt wurde. Doch lohne sich die Beschäftigung mit ihm heute vor allem wegen seiner bekenntnishaften Schriften zu den Folgen der Reformation und zum „byzantinischem Christentum“, so Autor Fürlos: „In Balls Spätschriften wird deutlich, dass seine Rückwendung zu den frühchristlichen Seelenkennern nicht bloß eine konservative Geste ist. Auch wenn er in seinen Briefen schreibt, dass Deutschland ,in seinem höchsten Interesse konvertieren‘, ja, dass ganz Deutschland wieder katholisch werden müsse, fordert Hugo Ball nicht einfach einen dogmatischen Katholizismus oder eine Restauration vorreformatorischer Zustände, sondern er verlangt als einer der ersten die Verbindung von Psychoanalyse, Religionspsychologie und der neuen Ethnologie mit der dogmatischen Tradition. Das wachsende Interesse an seelischen Tiefenschichten des menschlichen Seins zeigt ihm, dass Messen, Wägen und Vergleichen materieller Zusammenhänge nicht mehr genügen, um der Krise der Gegenwart gerecht zu werden.“ Ball hat das Heilmittel in erneuerter Religiosität und konkret in der Form katholischer Kirchlichkeit gefunden und will seine Zeitgenossen daran teilhaben lassen.

In Münchener Studienjahren beschäftigte sich Ball mit anarchistischem Denken als Suchbewegung „nach der unfassbaren Freiheit“. Für unbedingten Individualismus und gegen jegliche Form von Materialismus sei Ball immer schon eingetreten, seine Affinität zum Anarchismus als von der Negation ausgehendes moralisches Erkenntnisprinzip sei als pseudoreligiöse Einstellung zu werten – der zunächst Kriegsbegeisterte wird zum glühenden Pazifisten. Er geht in die Schweiz, um auch räumlich seinen Abstand zum Kriegsgeschehen zu dokumentieren. Gemeinsam mit Hans Arp, Tristan Tzara sowie seiner späteren Frau Emmy Hennings wird er zum Mitbegründer des literarischen Kabaretts Voltaire, bei dessen Soireen Künstler vom Range eines Ferruccio Busoni und Arthur Rubinstein auftreten.

Doch entfernt sich Ball wieder vom bohemienhaften Treiben, das ihn zugleich auslaugt und langweilt. Er nimmt zwar für sich in Anspruch, der Namensgeber für die zwischen Albernheit und Ernst changierende Dada-Bewegung gewesen zu sein – er habe dafür einfach das rumänische Wort für Ja, Ja entlehnt – doch spürt er zugleich, dass er auf diesem Weg dem tiefen Streben seines Herzens nach Sinn, der bleibt, nicht wird genügen können. Er verlässt Zürich, geht in ein Dorf am Lago Maggiore und preist das einfache Leben dort, das Läuten der Glocken, den Gesang der Bewohner. Ball schreibt 1916 dem früheren Mitstreiter Tzara: „Ich will es anders machen. Ich bin noch viel misstrauischer geworden. Ich erkläre hiermit, dass aller Expressionismus, Dadaismus und andere Mismen schlimmste Bourgeoisie sind... Übel, übel, übel.“ 1919 erscheint sein Buch „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“, das einige Jahre später erheblich überarbeitet und intellektuell verschärft unter dem Titel „Die Folgen der Reformation“ neu herauskommen wird. Balls Werk ist ein wuchtiger Rundumschlag gegen das, was er als deutsche Ideologie empfand. In seiner Radikalität isolierte es den Autor vom Mainstream seiner Zeit, bereitete aber auch seinen Weg zu einem mystisch verstandenen Christentum vor. Noch aus dem Kriegserlebnis heraus wetterte Ball gegen die Zumutung, Gott als Werkzeug der Monarchie zu missbrauchen, geißelte Luther, Hegel und Bismarck als falsche Propheten, die Deutschland in die Isolation geführt hätten, wobei der Autor selber wusste, dass er radikale Einzelgänger-Positionen vertrat. Gar nicht sanft ging Ball gegen Luther vor, der für ihn am Anfang eines deutschen Sonderwegs steht. Fürlos: „Nach Ball erwies Luther sich als ,falscher Pfaffe‘, der dem Staat eine nie geahnte Gewissensfreiheit gegeben habe. Zugleich habe Luther das ,Desinteresse des religiösen Individuums an der Ordnung der Staatsaffären‘ erklärt.“

Hier sieht Ball den Ursprung der politischen Indifferenz deutscher Dichter, Gelehrter und Philosophen. „Die verächtliche Geringschätzung, mit der noch heute der deutsche Staatsmann auf die Vertreter der Intelligenz seines Landes herabsieht – auch sie geht auf Luther zurück“ (Ball). Luthers Rechtfertigungslehre sieht er lediglich als Rechtfertigung persönlichen Fehlverhaltens durch den Bruch der Mönchsgelübde. Es sei kein Zufall, dass Nietzsche Luthers Ausfälle gegen die vita contemplativa als dessen bedeutendste Leistung angesehen habe. Der Ex-Mönch habe die Mönche und Nonnen verworfen, weil sie in der Bibel nicht vorkämen, die Fürsten, die Obrigkeit und den Krieg dagegen nicht, weil sie eben vorkämen. Kurzum, der Protestantismus sei nur eine Philologie, aber keine Religion. Das ist maßlos, aber nicht unintelligent, Freunde macht man sich damit nicht.

Guardini lobte das Buch über Byzantinisches Christentum

Einen großen verlegerischen Erfolg konnte Ball mit solchen Thesen nicht erzielen, allenfalls, dass andere Außenseiter wie Carl Schmitt – mit dem es zu einer von Ball dann wieder beendeten Freundschaft kam – auf ihn aufmerksam wurden. Erfolg und Anerkennung hatte Ball als Schriftsteller zum einen mit der Biographie seines bleibenden Freundes Hermann Hesse – das Buch wird heute noch aufgelegt und ist aus jahrelanger Nähe erwachsen – und vor allem mit seinem 1923 erschienenen Werk „Byzantinisches Christentum“, das, zwar nicht gerade von der Fachwelt, aber von den Intellektuellen der Weimarer Zeit gefeiert wurde. Verschiedene große Gestalten der Ostkirche werden vorgestellt, zwei Heilige, Johannes Klimakos und Symeon der Stylit, sowie Dionysius Areopagita, der syrische Mönch und Neuplatoniker. Fürlus: „Die östlichen Anachoreten erschienen darin als Analytiker avant la lettre, aus einer Zeit, in der man Mönche noch Therapeuten nannte, und wo es außer der Askese keine Philosophie gab.“ In diesem Buch ging es Ball nicht darum, Kritik zu üben, sondern er wollte leuchtende Vorbilder vorstellen. Romano Guardini schreibt über seinen Eindruck bei der Lektüre: „Dieses Buch ist ein grimmiger lichtsprühender Angriff auf die liberale Geisteshaltung, die überall eins getan hat: Durch Psychologismus und Historismus das Absolute in Bedingtes zerklärt, und das Übernatürliche in Natürliches aufgelöst. Es stellt das Absolute hin, dass alles Endliche daran zersplittert. Und das Übernatürliche ragt mit einer so furchtbaren Andersartigkeit empor, dass es wahrlich Ärgernis und Torheit erscheint.“ Einige Byzantinisten nahmen freilich Anstoß an der „pneumatischen Dynamik“ in Balls Darstellung und warfen ihm einen eigenwilligen Umgang mit den Quellen vor – die Ball freilich konsultiert hatte. Es ist nicht leicht, diesem Buch gerecht zu werden (mit dem Fürlos sich in seiner Darstellung ausführlich beschäftigt), denn unter der Oberfläche einer gelegentlich bemühten Wissenschaftlichkeit erscheint eine zweite Ebene – „es zeigt den Verfasser in seiner eigenen Existenz, die gekennzeichnet ist durch den Überdruss an der Oberflächlichkeit und der mangelnden Ernsthaftigkeit seiner Zeit“. Es ist die Fortführung seiner „Kritik der deutschen Intelligenz“ quasi auf der Metaebene. Fürlos: „Eine neue Ordnung kann nach Ball nur aus einer von den Mönchen vorgelebten Haltung entstehen – aus der Strenge gegen sich selbst, im Einklang von Leben und Wort und in der strengsten Selbstausschließung.“ Das war eine Form, das Christentum zu leben, die Ball im „Weimarer Katholizismus“ seiner Zeit, so anregend er uns heute erscheinen mag, nicht finden konnte. Von daher der Rückzug in einen utopischen Byzantinismus.

Hugo Ball ist seinen Lebensweg – bis hin zum Tod 1927 in der Schweiz – letztlich als Einsamer gegangen. Er war nie ein Schriftsteller für den Massengeschmack und wollte dies auch gar nicht sein. Doch ganz und gar vergessen ist er nicht: Zu seinen heute noch greifbaren Büchern gehört auch das glänzende „Byzantinische Christentum“. In seiner Geburtsstadt Pirmasens müht sich die rührige Hugo Ball-Gesellschaft um eine erneute Gesamtausgabe seiner Werke und stellt in ihrem Almanach neue Forschungen zu Ball und seinem Umfeld vor. Dabei wird zukünftig Eckhard Fürlos' von Sympathie getragene, aber stets objektive Einführung in Balls politisch-theologisches Schrifttum eine Rolle spielen.

Eckhard Fürlos: Anarchie und Mystik. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2014,

280 Seiten, ISBN 978-3-86599-248-2,

Euro 29,80

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