Der amerikanische Gott

Er ist auf dem Dollarschein, dem Staatssiegel, mit ihm beschließen amerikanische Präsidenten ihre Reden: Die Rede ist von Gott. In keinem anderen Land des Westens spielt die Religion, spielt Gott eine so wahrnehmbare Rolle im Leben der Gesellschaft und des Staates wie in den USA. „Civil religion“ wird dieses einzigartige Phänomen genannt. Der Begriff stammt von dem amerikanischen Soziologen Robert Bellah. 1967 hat er ihn im Anschluss an den französischen Aufklärungsphilosophen Rousseau geprägt. Bellah versteht darunter die transzendente Legitimation des Staates und der Verfassung – unabhängig von den etablierten Konfessionsgemeinschaften. Zwar sei die „civil religion“ nach Form und Inhalt vielfach deckungsgleich mit der jüdisch-christlichen Tradition. Mit ihr gleichzusetzen ist sie aber nicht.

Denn die amerikanische „civil religion“: Sie hat ihr eigenes Glaubensbekenntnis, die amerikanische Verfassung. Ihren Hohenpriester, den amerikanischen Präsidenten, ihre Heiligen, die Gründungsväter und herausragenden Gestalten ihrer Geschichte. Das Gemälde von George Washingtons Apotheose im Kapitol oder das Lincoln Memorial in Washington sind dessen sinnenfälliger Ausdruck. Sie hat auch ihren eigenen Festkalender. Mit Thanksgiving und dem Memorial Day, an dem der Gefallenen der Kriege gedacht wird. Kurz: Die „civil religion“ prägt und organisiert das öffentliche Leben Amerikas.

„Die Exodusgeschichte des Volkes Israel

drängte sich als

Deutungsschlüssel der

eigenen Geschichte förmlich auf“

Doch warum hat sie sich gerade in den USA entwickelt? Paradoxerweise hat es mit der strikten Trennung von Staat und Kirche zu tun, die eines der Fundamente bildet, auf denen der amerikanische Staat steht. Die „dissenters“ genannten Religionsflüchtlinge aus England suchten und fanden in der Neuen Welt das, was ihnen England und seine Staatskirche vorenthalten hatten: Gewissensfreiheit. Selbst in so puritanisch besiedelten Kolonien wie der, die sich seit 1660 an der Massachusetts Bay angesiedelt hatte, war religiöser Pluralismus möglich. Gerade die Tatsache aber, dass es keine Staatskirche gab, erlaubte es den protestantischen Denominationen, sich mit dem Staat zu identifizieren und ihm gegenüber loyal zu sein. Von Anfang an übertrugen sie religiöse Kategorien auf die Nation. „Neues Israel“, „God's own country“, „erwähltes Volk“: Die Exodusgeschichte des Volkes Israel drängte sich als Deutungsschlüssel der eigenen Geschichte förmlich auf. So wie Gott sein Volk einst aus dem Sklavenhaus Ägypten geführt hat, führt er jetzt die Entrechteten und Beladenen in das gelobte Land Amerika.

Eng an dieses Verständnis konnte sich auch die andere Quelle anschließen, aus der sich der Fluss der Zivilreligion speist: die Aufklärung. Der Auserwähltheitsgedanke beseelte auch sie. Ihre Ideen von Menschenrechten und Demokratie, wie sie sich in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 finden, blieben nicht ohne religiöse Begründung. Der Schöpfer habe die Menschen mit unveräußerlichen Rechten begabt, „worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind“. Viele der Gründungsväter der USA wie George Washington waren Freimaurer und Deisten. Religion hatte für sie nicht so sehr eine persönliche Bedeutung. Vielmehr hatte sie eine soziale Funktion zu erfüllen. Amerikas erster Präsident, George Washington, drückte dies in seiner berühmten Abschiedsrede so aus:„Sowohl Vernunft als auch Erfahrung hindern uns daran, anzunehmen, dass nationale Moral herrschen kann unter Ausschluss religiöser Prinzipien.“ Einen Kult des Höchsten Wesens stiftetet während der Französischen Revolution auch Robespierre. Doch richtete sich dieser gegen das Christentum, das der Revolutionär ersetzen wollte. In Amerika wäre dies nicht denkbar gewesen.

Die zweite große Phase, in der sich die amerikanische Zivilreligion entwickelte, war der amerikanische Bürgerkrieg. Zwischen 1861 und 1865 töteten Amerikaner Amerikaner. Der Sieg des industrialisierten Nordens über den agrarisch-feudalen Süden und seine Sklavenhaltung war von Anfang an mit religiösen Dimensionen versehen. In seiner Rede zu seiner zweiten Amtseinführung 1865 sah er in der Sklaverei eine Beleidigung Gottes, die Gott durch den Bürgerkrieg beseitigen wolle. Lincoln wurde als „gekreuzigter Christus der Union“ bezeichnet – er wurde von einem fanatischen Südstaatler ermordet –, als edelster Charakter seit Jesus Christus. Seine am Pathos der Bibel orientierte Sprache wie seine fast kultische Verehrung durch die Protestanten – obschon Lincoln selbst nie einer Kirche angehörte – machten ihn für Katholiken deshalb unannehmbar.

Mit der wachsenden Präsenz römischer Katholiken in den Vereinigten Staaten veränderte sich aber auch die Zivilreligion. War das Land seinem Selbstverständnis nach ein protestantisches gewesen, so begann sich dies mit der Einwanderung irischer, italienischer und deutscher Katholiken – wenn auch langsam – zu ändern.

Vorher jedoch mussten die US-Katholiken ihre inneren Spannungen überwinden. Iren und Deutsche standen sich in der Frage gegenüber, wie man sich der neuen Gesellschaft und ihrem Staat gegenüber verhalten sollte. Die anti-monarchistischen, republikanisch gesinnten Iren plädierten für eine Versöhnung mit Demokratie und Pluralismus, während die deutschen Katholiken – ultramontan und restaurativ gesinnt – dies strikt ablehnten. Dieser sogenannte Amerikanismusstreit wurde schließlich von Papst Leo XIII. zugunsten der Deutschen entschieden. Aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit der Iren sowohl im Volk wie im Klerus setzte sich letztlich aber doch die irische Seite durch. Katholiken wurden gute Patrioten und fielen auf den Schlachtfeldern des Ersten und Zweiten Weltkriegs.

„Der wall of separation, die Trennung zwischen Staat und Kirche, die Thomas Jefferson einst formuliert hatte, wurde höhergezogen“

Der in seiner Folge einsetzende Kalte Krieg brachte einen neuen Schub für die Zivilreligion. Präsident Dwight D. Eisenhower ließ 1954 den Satz „One Nation under God“ in den amerikanischen Fahneneid einfügen. Die Abgrenzung gegenüber dem gottlosen Kommunismus sollte so ins allgemeine Bewusstsein gehoben werden. Eisenhower war es wichtig, dass man einem Glauben anhing – „und mir ist es egal, welchem“.

Kurz danach kam es zu einem einschneidenden Urteil des Supreme Court, der den Startschuss gab für die kulturellen Veränderungen, die Amerika seit den Sechziger Jahren durchmachte. 1962 sprach er das Urteil in Sachen Engel versus Vitale und erklärte das Schulgebet in staatlichen Schulen für verfassungswidrig. Der wall of separation, die Trennung zwischen Staat und Kirche, die Thomas Jefferson einst formuliert hatte, wurde höhergezogen. Geklagt hatten neben atheistischen Organisationen wie der ACLU übrigens auch Mennoniten und Katholiken. Ihnen war das Schulgebet zu protestantisch geprägt.

Mit der Wahl John F. Kennedys zum Präsidenten wurde erstmals ein Katholik amerikanischer Staatschef – und fügte sich nahtlos ein in die amerikanische Zivilreligion. Ein Schlüsselsatz seiner Einführungsrede von 1961 ist folgender: „Lasst uns voranschreiten, um das Land zu führen, das wir lieben, indem wir um seinen Segen und seine Hilfe bitte, gleichzeitig aber wissen, dass Gottes Werk hier auf Erden wirklich unser eigenes werden muss.“

Dieser zivilreligiöse Imperativ, der sich unter Kennedy vor allem auf die Gleichstellung der Schwarzen in Amerika bezog, fand Widerhall auch bei seinen Nachfolgern. Ronald Reagan, obschon selbst bestenfalls Agnostiker, sprach von der Sowjetunion als dem „Reich des Bösen“, dem er Amerika gegenüberstellte. Dieses Muster verwandte auch George W. Bush, um seinen Krieg gegen den Terror zu begründen. So sprach er im Januar 2003 davon, dass es die Aufgabe Amerikas als eines gesegneten Landes sei, „die Welt besser zu machen“. Bei seinen Amtseinführungen wurde zum dreieinigen Gott gebetet. Bush selbst jedoch vermied jede direkte christliche Bezugnahme in seinen Reden. Zwar schöpfte er aus dem Bedeutungsreservoir der Bibel. Gleichzeitig waren diese Inhalte aber immer so formuliert, dass auch Nichtchristen ihnen zustimmen konnten. Das Verhältnis von Staat und Kirche – im ersten Verfassungszusatz festgelegt – erfuhr unter ihm eine viel kritisierte Auslegung. So unterstützte er mit Steuermitteln die sogenannten faith-baised initiatives. Es handelt sich dabei um von Religionsgemeinschaften getragene soziale Initiativen etwa zur Drogenbekämpfung. Erstmals wurden sie staatlich unterstützt. Das linke Amerika tobte.

„Präsident Obama

stellt sich in die

zivilreligiöse

Tradition seines

Landes“

Und unter Obama? Er knüpft an die Linie Kennedys an. Sein großes Projekt ist die Versöhnung der seit den sechziger Jahren gespaltenen Nation. Dass bei seiner Amtseinführung im Januar der konservative evangelikale Pastor Rick Warren das Gebet sprach und dabei im Namen Jesu betete, sorgte im liberalen Amerika für Aufregung. Doch dürfte dies nur Ausdruck von Obamas Wunsch sein, alle Teile der Gesellschaft einzubinden und zusammenzuführen. In seiner Ansprache zur Amtseinführung stellte er sich in die zivilreligiöse Tradition seines Landes, sprach davon, dass die Quelle des Vertrauens der Amerikaner das Wissen sei, dass „Gott uns dazu beruft, unser ungewisses Schicksal in die Hand zu nehmen“ und schloss mit den Worten: „Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika.“

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