Den Toten einen Namen geben

Yad Vashem ist ein Gedenkort, der nicht nur viel Geschichtsbewusstsein fordert, sondern auch emotional strapaziert und verunsichert. Von Wolfgang Sotill
Foto: dpa | Papst Franziskus beim Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem am 26. Mai in Jerusalem.
Foto: dpa | Papst Franziskus beim Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem am 26. Mai in Jerusalem.

An keinem Ort wird der Papst so viele Zuhörer haben wie in der Holocaust-Memorialstätte Yad Vashem im Westen Jerusalems. Selbst die säkularen Israelis, denen der Papstbesuch ziemlich gleichgültig ist und die sich höchstens über die dadurch bedingten Verkehrsstaus in der Stadt ärgern, werden zuhören, was das Oberhaupt der katholischen Kirche an der Stelle zu sagen hat, an der der sechs Millionen Juden gedacht wird, die während der NS-Diktatur ermordet wurden.

Yad Vashem ist also ein Seismograf. Einer, an dem Israel das Verhältnis anderer Staaten und Regierungen zu sich abliest. Und wo jeder Nebensatz und jeder Tonfall des Gastes genau registriert wird. Hier hatte Franziskus also die Möglichkeit, ein neues Kapitel in der Beziehung zwischen Juden und Christen aufzuschlagen und dem stockenden Gespräch neue Impulse zu geben. Schon im Vorfeld der Reise kursierten Fragen, wie: „Wird Franziskus über Pius XII. reden, wird er seine Nähe zum Judentum so analytisch begründen, wie dies Benedikt XVI. getan hat, oder so emotional wie Johannes Paul II.?“

Dieser Ort, an dem die Shoa in einem Museum in hunderten Briefen, Büchern, Video-Clips mit Zeugenaussagen und Exponaten aus Konzentrationslagern dokumentiert und in zahlreichen Kunstwerken emotional reflektiert wird, nimmt die jüdische Seele jede Regung wahr. Und das ist verständlich. Denn noch immer leben in Israel knapp 200 000 Menschen, die den Terror der braunen Diktatur erlebt haben. Und selbst wenn sie in den nächsten Jahren versterben werden, dann sind es ihre Kinder, die Erinnerungen in sich weitertragen. Viele aus der zweiten Generation leiden nämlich darunter, dass sie ihre Eltern in der Nacht ohne ersichtlichen Grund aufschreien oder verzweifelt weinen gehört haben. Und wenn sie um eine Erklärung gebeten haben, dann haben sie nur Schweigen geerntet. Denn wenn Opfer und Täter etwas verbindet, dann ist es, dass sie beide viele Jahre geschwiegen haben. Die einen aus Scham, die anderen aus Angst vor Strafverfolgung.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass Juden ganz andere Zugänge und auch Erwartungen an das Gespräch mit den Christen knüpfen als umgekehrt. Wir Christen suchen die Begegnung der beiden Religionen, die Juden hingegen rücken die historische Dimension der bisherigen gemeinsamen Geschichte in den Vordergrund. Die Begründung dafür liegt im fünften Buch Mose (6,4 ff). „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt, und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst.“

Diese Verse begründeten im intellektuellen Judentum eine permanente Erinnerung, ein lebenslanges Fragen und Lernen, sowie die Weitergabe der Erkenntnisse von Generation zu Generation. Dies wiederum führte zu einem Selbstverständnis, das stark historisch geprägt ist. Ein solches lässt Juden – auch nichtreligiöse – von ihrem Urvater Abraham oder von großen, längst verstorbenen Rabbinern so selbstverständlich in der Gegenwart reden, als wären diese vergangene Woche noch hier gewesen. Ihr Zugang zur Geschichte ist viel weniger historisierend als dies im christlichen Europa der Fall ist, wo kaum jemand von den Kreuzfahrern so spricht, als wäre unsere heutige Identität als Menschen der Moderne von ihnen abhängig.

Wir Christen suchen hingegen über die Person Jesu von Nazareth, über dessen sozialen, religiösen und politischen Hintergrund, den Kontakt zum Judentum, zum biblischen und zum gegenwärtigen. Wir nehmen also die Mahnung des Paulus an die Römer ernst, die da lautet: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt Dich!“ Für die meisten Juden ist Jesus aber kein Thema – für sie bleibt er nach wie vor aus ihren Reihen ausgeschlossen. Ein Wiener Rabbiner, der einmal gebeten wurde, in einer Zeitung einen Gastkommentar zum Thema „Jesus im heutigen Judentum“ zu verfassen, hat auf das Angebot nur geantwortet: „Soll ich mich für einen Artikel mit all meinen Leuten überwerfen?“ Er hat ihn nicht geschrieben.

Vielleicht hat dieser Rabbiner auch an den Onkel des bekannten israelischen Schriftstellers Amos Os gedacht, der in den 1930er Jahren einen deutlichen Knick in seiner Karriere an der Hebräischen Universität von Jerusalem hat hinnehmen müssen, nachdem er als Wissenschaftler der Frage nachgegangen war: „Stand dieser Jesus aus Nazareth mit den von ihm vertretenen Ansichten auf jüdischem Fundament oder hatte er dieses verlassen?“

Für die allermeisten Juden endet der religiöse Dialog mit den Christen mit jenem Satz, mit dem auch der israelische Religionsphilosoph David Flusser seine Jesus-Biografie beendet hat: „Und dann starb Jesus.“ Aus, Ende.

Es geht bei jedem Papstbesuch in Jerusalem deshalb also auch um die historische Verantwortung der Kirche an der Judenverfolgung. Jene, die der österreichische Historiker Friedrich Heer in seinem Buch „Gottes erste Liebe“ mit dem Satz umschrieben hat: „Die Munition für Hitler lag schon lange bereit.“ Wenn auch Hitler und seine Ideologen der maschinellen Judenvernichtung andere ideologische Hintergründe hatten, so konnten sie sich auf eine jahrhundertelange Tradition an Judenhass berufen, der auch in den Kirchen gepflegt worden war.

Diese historische Verantwortung, die im Wesentlichen schon darin besteht, dass man seine Fehler bekennt und nicht verschweigt, scheint unter vielen Katholiken abzunehmen. So hat eine Diözesanwallfahrt ins Heilige Land Yad Vashem mit der Begründung nicht ins Programm genommen, es handle sich dabei ohnedies nur um eine „politische, innerjüdische Angelegenheit“. Und ein Priester, der die Gedenkstätte besucht hatte, zeigte sich erstaunt, wie man so einem Thema „ein ganzes Museum“ widmen kann.

Der theologische Hintergrund für den christlichen Judenhass lässt sich bereits bis ins zweite nachchristliche Jahrhundert zurückverfolgen. Melito von Sardes sagte in der allerersten uns überhaupt erhaltenen Gemeindepredigt im Jahr 170: „Hört es, alle Geschlechter der Völker: ein ungeheurer Mord geschah inmitten Jerusalems. Gott ist getötet worden, der König Israels ist beseitigt worden von Israels Hand.“ Damit wurde das erste Mal der Vorwurf des Judenmords erhoben, ein Vorwurf, der sich durch die Kirchengeschichte durchzog. Erst wenige Jahre zuvor hatte der Kirchenvater Justin von Nablus gejubelt: „Wir sind das neue Israel.“ Als Beleg dafür, dass Gott die Juden verlassen und sich den Christen als seine neue Liebe zugewandt hatte, führte er den Tempel von Jerusalem an, dessen totale Zerstörung durch die Römer im Jahre 70 nach Christus Gott geduldet hatte.

Melito von Sardes erhebt seine Anschuldigungen zu einem Zeitpunkt, zu dem die Christen um die Anerkennung als Religionsgemeinschaft im römischen Reich ringen. Der heilige Chrysostomus hingegen verfluchte die Juden und ihre Religion noch zu einem Zeitpunkt, als das Christentum bereits Staatsreligion war. Acht große Predigten hält er am Ende des vierten Jahrhunderts „gegen die Juden“. In einer sagt er von der Synagoge: „Sie ist ein Hurenhaus, ein Teufelsverderb, eine Lasterhöhle und was immer einer über sie sagen kann, er sagt weniger, als sie tatsächlich ist.“ Und: „Weil ihr Christus getötet habt, gibt es für euch keine Vergebung.“ Dabei meint er nicht die Juden, die beim Prozess Jesu „Kreuzige ihn“ geschrien haben, sondern dass die Juden aller Zeiten am Tod Christi schuld sind. Und dieser Gottesmord braucht natürlich seine Strafe. Im Jahre 388 wird in Kallinikon am Euphrat die erste Synagoge angezündet, wenige Jahre später brennen jene von Edessa, Menorca und Antiochien. Zeitgleich werden Juden in West-Rom auch von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Die Munition für Hitler – das sei damit gesagt – lag schon lange bereit.

Yad Vashem ist nicht nur ein Ort, der viel Geschichtsbewusstsein einfordert, sondern auch einer, der emotional strapaziert. Vor allem beim kurzen Weg durch das Kindermemorial wird dem Besucher klar, was der Name Yad Vashem bedeutet. Entnommen wurde er dem 56. Kapitel des Propheten Jesaja, der schreibt: „...ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter“. Den Toten einen Namen zu geben und ihnen dadurch ein Denkmal zu setzen, das ist es auch, was im Kindermemorial umgesetzt wird, wo der 1,5 Millionen Kinder gedacht wird, die erschlagen oder vergast worden sind. Durch einen dunklen Raum tritt man in eine dunkle Halle, in der fünf Kerzen brennen, die durch Spiegelung angeblich rund 1,5 Millionen Lichtpunkte bilden. Man geht ganz langsam durch, hält sich an einem Handlauf fest, um die Orientierung nicht zu verlieren und hört nur die Namen von Kindern, deren Alter zum Todeszeitpunkt und den Ort der Geburt. „Rachel Weinstein, zehn Jahre, Lublin. Shlomo Leibowitz, zwei Jahre, Warschau. Rifka Mendelson, sieben Jahre, Saloniki. Michal Levi, ein Jahr, Berlin...“ Knapp drei Monate läuft dieses Endlosband, um alle Namen wiederzugeben.

Hier hat Johannes Paul II. die Herzen vieler Juden erreicht

Besucher aus jenen Ländern, in denen einst die Nazis regiert haben, gehen meist ruhig durch das Areal, wo außer dem Kinder-Denkmal auch noch die Halle der Erinnerung, wo auch der Papst einen Kranz niederlegte, das Tal der ausgelöschten Gemeinden und die Allee der Gerechten sowie das große Dokumentationsmuseum zu sehen sind. Israelis, vor allem Schüler, stören diesen Ort durch ihr wenig passendes Benehmen. Sie lachen und telefonieren, essen und rauchen. Das sei eine Art von Unsicherheit über ihre Rolle als Juden in der Welt, erklären Psychologen. Ihre Großelterngeneration wurde hingeschlachtet, ihre Elterngeneration kann sich wirtschaftlich, militärisch, intellektuell großer Erfolge rühmen. Und darauf stolz sein, einen Staat mit einer der höchsten Computerisierungen der Welt, mit einer Anzahl an Nobelpreisträgern, wie sie keine andere Nation, gemessen an der Einwohnerzahl, aufzuweisen hat, geschaffen zu haben. Dazu kommen noch Superlative wie die Tatsache, dass in Israel die Kühe mit der höchsten Milchleistung pro Jahr stehen, und die meisten Bäume gepflanzt wurden. Dass Israel eines der wenigen Länder weltweit ist, das ohne fremde Hilfe in den Weltraum kommt und eine weltmeisterliche Publikationsdichte an Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten hat. Dass der Iran aber jederzeit mit seinen Raketen Israel erreichen kann und dass selbst die Raketen aus Gaza es mittlerweile bis nach Tel Aviv schaffen.

Yad Vashem ist ein Ort, der verunsichert. An dem viele Fragen aufbrechen. Wie konnte es nur sein, dass sich die Juden wie die Schafe haben ins Gas treiben haben lassen? Wie konnte es nur sein, dass kaum jemand dagegen opponiert hat und dass auch die Alliierten die Gleisanlagen nach Auschwitz nicht bombardiert haben? Manche dieser Fragen trennen Juden und Christen, manche verbinden sie. Etwa jene, warum sich Menschen nach Auschwitz von Gott abgewandt haben. Und auch jene, warum sich Menschen nach Auschwitz erst recht Ihm zugewandt haben.

Papst Franziskus kann sie nicht alle beantworten, aber er hatte an diesem Ort eine reiche Zuhörerschaft, die spürte, ob er authentisch ist. So kann auch ein Papst die Herzen vieler Juden ansprechen, so wie dies Johannes Paul II. gelungen ist. Bei einer Blitzumfrage, die unmittelbar nach seinem Besuch im Jahr 2000 erhoben wurde, haben ihm mehr Israelis das Vertrauen geschenkt als ihrem eigenen Oberrabbiner.

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