Den kindlichen Glauben früh verloren

Giuseppe Verdi: Ein Antiklerikaler mit differenziertem Urteil – Den Glauben des vor 200 Jahren geborenen Komponisten umgibt ein Geheimnis. Von Werner Häussner
Foto: IN | Guiseppe Verdi.
Foto: IN | Guiseppe Verdi.

„Er ist ein Juwel von einem edlen Menschen, er fühlt und begreift alle erhabenen und feinfühligen Regungen, und trotzdem erlaubt sich dieser Bandit – ich würde nicht so weit gehen zu sagen: Atheist – aber sicherlich, wenig gläubig zu sein, und das mit einer Beharrlichkeit und einem Gleichmut, dass man ihn schlagen möchte. Vergeblich spreche ich mit ihm von den Herrlichkeiten des Himmels, der Erde, des Meeres etc. – er lacht mir ins Gesicht und lähmt mich in meinem göttlichen Enthusiasmus, in dem er mir einfach sagt: ,Ihr seid verrückt‘.“

Giuseppina Strepponi, spätestens seit 1847 Verdis Geliebte, ab 1859 seine Ehefrau, schrieb diesen ernüchternden Bericht 1872 an den Mailänder Mediziner und Musikkritiker Cesare Vigna. Er steht in seltsamem Gegensatz zu angeblich auch 1872 entstandenen Briefen der ebenso klugen wie gläubigen ehemaligen Sängerin, in denen sie Verdis Frömmigkeit beschwört und ihn als einen zwar nach außen grimmen, aber nach innen tief gläubigen Menschen darstellt. Diese Schreiben, erst 1942 veröffentlicht, bildeten die Basis für ein versöhnlicheres Bild von Verdis religiöser Haltung, bis sie von Frank Walker als Fälschungen entlarvt wurden.

Vielen galt Verdi zu Lebzeiten als Atheist: den Bürgern seiner Heimatstadt Busseto, die sein geheimnisvolles Privatleben auszuschnüffeln versuchten, und den liberalen, meist antiklerikalen Kreisen Italiens, deren Ideale er weitgehend teilte. Unbezweifelbar, weil in zahlreichen Briefen und Berichten belegt, ist Verdis Antipathie gegen den Klerus. Der Komponist beschrieb sich selbst einmal als „so liberal wie nur jemand sein kann“.

Dennoch: Das ist, wie selbst bei vielen brieflichen Äußerungen Verdis, die Oberfläche. Was sich in seiner Seele abspielte, ist wie fast alles aus seinem Privatleben vom Schleier des Geheimnisses umgeben. „Wenn wir wissen wollen, was dieser Mensch in seinem Kopf dachte, sieht es schlecht aus“, schrieb der Verdi-Forscher Massimo Mila. Kaum zu bezweifeln ist, dass sich Verdi intensiv mit Glaubensfragen auseinandergesetzt hat. Die Bibel schätzte er als Lektüre. In seiner Villa S. Agata ließ er eine Kapelle einrichten. Zumindest im Alter, so wird berichtet, besuchte er die Heilige Messe. „Er wusste, dass der Glaube dem Herzen einen Halt bietet“, erinnert sich 1912 der Librettist des „Otello“ und des „Falstaff“, Arrigo Boito, selbst kein Kind frommer Anhänglichkeit an die katholische Kirche.

Es ist anzunehmen, dass vieles, was Verdis antiklerikalen Kurs geprägt hat, in seiner Jugend und in der politischen Lage zu Verdis Zeit seine Wurzeln hat. Er wuchs mit einem streng katholischen Vater auf. Carlo Verdi besuchte bis ins hohe Alter täglich die Heilige Messe. Der Junge erhielt seinen Unterricht von Priestern, die er schätzte: Don Pietro Seletti etwa, einem universal interessierten Gelehrten, und Don Pietro Baistrocchi, Lehrer und Organist an der Kirche S. Michele in Le Roncole.

Aber er hatte auch sein Trauma: Als siebenjähriger Ministrant geriet Verdi einmal über die Orgelmusik ins Träumen und vergaß, dem Zelebranten Don Giacomo Masini Wasser und Wein zu reichen. Darauf versetzte ihm dieser einen Schlag, dass er von den Altarstufen stürzte. Der zeitlebens cholerische Verdi soll dem Priester einen Fluch nachgejagt haben: „Gott schicke dir einen Blitz.“ Tatsächlich wurde Don Masini acht Jahre später von einem Blitz erschlagen – ein Ereignis, das Verdi angeblich so schockierte, dass er für Wochen das Bett hüten musste.

Was auch immer von der Geschichte zu halten ist, die Verdi im Alter noch erzählte: Wichtiger war für ihn wahrscheinlich die Rolle der katholischen Kirche im Kampf um die Einigung Italiens und die Rolle der Priesterschaft von Busseto, als es um seine berufliche Zukunft ging. Die Kirche als politisch konservative Macht, ihr Einfluß auf Erziehung und gesellschaftliches Leben, die Ablehnung der Grundlagen der modernen Gesellschaften und der liberalen Staaten dieser Zeit, die 1864 im „Syllabus“ der Zeitirrtümer kulminierte, der Traum von Rom als Hauptstadt eines freien Italien, die Rolle des Papstes, der seinen Staat mit fremden Schutzmächten sicherte und sich 1848 nicht gemeinsam mit den Italienern gegen die Österreicher wandte – alle diese Faktoren dürften Verdis Antiklerikalismus gefördert haben.

Dazu kam die aus seiner Sicht unrühmliche Rolle, die der örtliche Klerus spielte, als er sich gegen die Berufung Verdis zum Musikdirektor in Busseto wehrte. Seine Gegner wollten einen anderen Typ von Musiker an dieser Stelle wissen, nicht den theaterorientierten Verdi. Die Franziskaner dagegen ergriffen Partei für den jungen Musiker und öffneten ihm ihre Kirche.

Privat nahm es Verdi mit seinen antiklerikalen Attacken, die er öffentlich nie äußerte, nicht so genau: Seine Kinder waren getauft, seiner Frau Giuseppina ermöglichte er nach Kräften, ihr kirchliches Leben zu praktizieren. Don Giovanni Avanzi, der Pfarrer von Vidalenzo, war von Verdi wegen seiner Bildung seiner pro-italienischen Haltung geschätzt. Die Verdis hatten an ihrer Tafel in S. Agata selten Gäste aus der Umgebung. Avanzi war einer, und das über Jahre hinweg.

Mit Abbé Charles Gaspard Mermillod schien er gute Beziehungen gehabt zu haben. Der brachte es bis zum Kurienkardinal und gilt als einer der Wegbereiter der Sozialenzyklika „Rerum Novarum“: ein Mann nach Verdis Geschmack. Und die Sterbesakramente empfing Verdi von dem Mailänder Priester Don Adalberto Catena.

Verdi konnte jähzornig sein, aber er war kein Mann pauschaler Verurteilungen. Selbst den Papst Pius IX., der die italienischen Patrioten zunächst begeistert, dann maßlos enttäuscht hat, beurteilte er differenziert: „Sicherlich bin ich nicht für den Papst des Syllabus, aber ich bin für den Papst der Amnestie und für den der Worte ,Segnet, großer Gott, Italien‘. Wer weiß, wo wir heute ohne dies stünden! .... im Grund war er eine gütige Natur und ein guter Italiener.“

In dem bereits zitierten Brief Arrigo Boitos gibt es noch eine andere Stelle, die Licht auf Verdis Innenleben werfen könnte: „Der Weihnachtsabend erinnerte ihn (Verdi) an die frommen Wunder der Kindheit, den Zauber des Glaubens, der wirklich nur himmlisch ist, wenn er an den blinden Glauben, an das Wunder reicht“, schreibt der Dichter. „Diesen blinden Glauben hatte er früh verloren, wie wir alle, aber er vermisste ihn während seines ganzen Lebens vielleicht schmerzlicher als wir.“

Fasst man all diese Indizien zusammen, könnte sich das Bild eines Menschen ergeben, der sich wegen der politischen Rolle der Kirche und aus persönlicher Enttäuschung von der Kirche entfernt hat, dem sein Streben nach persönlicher Autonomie und seine einzelgängerische Art nicht erlaubten, sich den Vorgaben einer geistlichen Autorität zu unterwerfen, dem sein skeptischer Verstand verbot, einen unreflektierten Glauben als Grundlage seines Lebens zu akzeptieren, der aber auch keine Gelegenheit erhalten oder wahrgenommen hat, einen „erwachsenen“, vor dem Denken verantwortbaren Glauben zu entwickeln oder gar in einer kirchlichen Gemeinschaft zu praktizieren. Hat Boito recht, ist Verdi nie zu einem Glauben gekommen, dem er intellektuell und öffentlich hätte zustimmen können. Dieses Schicksal teilt er mit zahllosen Künstlern und Intellektuellen der letzten 200 Jahre – und diese Menschen nicht erreicht zu haben, ist eine der schweren Hypotheken, unter denen die Kirche bis heute leidet.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer